Psychologe
«Im Gastgewerbe und im Gesundheitswesen wird am meisten gemobbt»

Vor zwanzig Jahren eröffnete der Psychologe Klaus Schiller-Stutz als Erster im Limmattal eine Praxis für Mobbingberatung. Eine offene Kommunikationskultur ohne Schuldzuweisungen ist wichtig, um Mobbing am Arbeitsplatz entgegenzuwirken.

Julia Wartmann
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Laut Klaus Schiller-Stutz sind Gastgewerbe und Gesundheitswesen besonders von Mobbing betroffen.

Laut Klaus Schiller-Stutz sind Gastgewerbe und Gesundheitswesen besonders von Mobbing betroffen.

Julia Wartmann

Herr Schiller-Stutz, warum kommt es zu Mobbing am Arbeitsplatz?

Gewisse betriebliche Strukturen begünstigen Mobbing. Wenn ein Betrieb diktatorisch geführt wird, ist das genauso schlecht, wie wenn gar niemand die Führung übernimmt. Wo undeutliche Anweisungen gegeben werden und Kompetenzbereiche nicht klar verteilt sind, werden Fehler begangen. In den meisten Unternehmen wird keine Fehlerkultur gepflegt. Das heisst: Man kehrt Probleme unter den Teppich und kann nicht aus ihnen lernen. Wenn ein Fehler entdeckt wird, muss auf der Stelle ein Sündenbock her. In einigen Fällen wird die Schuld denjenigen Angestellten zugeschoben, die auf das Problem aufmerksam gemacht haben, obwohl sie nicht die Verursacher sind.

Können Sie das anhand eines Beispiels genauer erläutern?

Einmal wurde ich bei einem Fall hinzugezogen, bei dem der Buchhalterin eines Limmattaler Unternehmens vorgeworfen wurde, Firmengelder zu veruntreuen. Wenn sie Zahlen in ihren Computer eingeben wollte, figurierten statt den von ihr eingegebenen 100 000 Franken jeweils nur 1000 Franken auf dem Bildschirm. Mit meiner Unterstützung wandte sie sich an die Leitung der HR-Abteilung. Und mit einem Versuch, bei dem ich unter ihren Anweisungen dieselbe Transaktion ausführen sollte, konnte bewiesen werden, dass ein technischer Fehler im System bestand. Zuvor hatte das niemand wahrhaben wollen und in der Folge wurde die Frau zum Sündenbock gemacht.

Gibt es bestimmte Branchen, in denen Mobbing tendenziell häufiger vorkommt als in anderen?

Die Bereiche Gastgewerbe und Gesundheitswesen weisen den höchsten Mobbinganteil auf. Doch überall dort, wo Probleme nicht kommuniziert werden und Angestellte bei Fehlern um ihre Jobs fürchten müssen, besteht das Potenzial für Mobbing. Ein weiterer Faktor ist Macht. Wenn sich Vorgesetzte über die Kompetenz der Fachleute hinwegsetzen, beispielsweise aus Neid auf deren Wissen, passieren Fehler, die erneut nach einem Schuldigen verlangen.

Ist bei gegenseitigen Schuldzuweisungen überhaupt ersichtlich, wer Täter und wer Opfer ist?

Aus psychologischer Sicht passt mir die Einengung auf die Rollenzuschreibung von Opfern und Tätern nicht. Man sollte wegkommen von diesem Schwarz-Weiss-Denken. Beim sogenannten «No-Blame-Approach» (Englisch für: «keine Schuldzuweisung») geht man von der aktuellen Situation aus und sagt: Was hier passiert ist, verursacht Leiden. Was können wir tun? Bei einem Gespräch mit Beteiligten muss nach Lösungen und Unterstützungsmassnahmen gesucht werden. Wichtig ist vor allem eines: Mobbing kann gestoppt werden.

Mit welchen Massnahmen lässt sich Mobbing in einem Betrieb verhindern?

Das Thema muss enttabuisiert werden. Veranstaltungen im Betrieb zum Thema Stress und Mobbing haben sich in der Vergangenheit bewährt. Das Gespräch zwischen Angestellten und Vorgesetzten muss gesucht werden. Fehler zu verschweigen ist aus meiner Sicht eine Katastrophe. Fühlen sich die Angestellten nicht wohl, ihre Probleme mit dem Chef zu besprechen, können neutrale Anlaufstellen geschaffen werden. Mitarbeiterzufriedenheit sollte in jedem Betrieb grossgeschrieben werden. Dazu gehört, dass Mitarbeiter mental und körperlich gesund sind.

Und was kann der einzelne Angestellte unternehmen?

Wenn man Mobbing am eigenen Leib erlebt oder es im Betrieb beobachtet, muss man sofort reagieren. Man kann mit der betroffenen Person, mit dem Vorgesetzten oder mit der dafür zuständigen Stelle sprechen. Dabei sollte es vermieden werden, Schuldzuweisungen auszusprechen. Eine neutrale Aussage à la: «Mir ist aufgefallen, dass Frau XY in letzter Zeit sehr bedrückt wirkt», ermöglicht ein klärendes Gespräch. In vielen Fällen verbünden sich unzufriedene Mitarbeiter gegen ihren Chef, ohne diesen je auf ihre missliche Lage angesprochen zu haben. Dieser wird davon überrumpelt, was wiederum dazu führen kann, dass er dann in den Augen Dritter zum Schuldigen wird.

Ein Interview in der Limmattaler Zeitung von 1996 titelte Mobbing-Tal Limmattal. Ist das heute immer noch so oder hat sich einiges verändert?

Zur Zeit dieses Interviews hatte ich noch meine Praxis in Dietikon, in der ich oft mit Suchtproblemen im Zusammenhang mit Konflikten am Arbeitsplatz in Berührung kam. Seitdem ist aber einiges gegangen im Limmattal. Ich habe mit vielen Firmen zusammen an lösungsorientierten Ansätzen gearbeitet und bin stolz, zu sehen, was sich dort bereits getan hat. An einer Schule im Limmattal habe ich beispielsweise in einem Fall von Mobbing zusammen mit dem damaligen Schulleiter sehr erfolgreich ein moderiertes Klärungsgespräch geführt. Die Konfliktparteien verliessen den Raum schlussendlich im gegenseitigen Einvernehmen.

Ist demnach das Limmattal nicht grundsätzlich anfälliger für Mobbing als andere Regionen?

Das hat nichts mit der Region zu tun. Jene Firmen, in denen konfliktentlastende Kommunikation gefördert wird, haben allgemein gute Chancen, Mobbing vorzubeugen. Was im Limmattal auffällt, ist der hohe Ausländeranteil. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Ausländer häufig zu Sündenböcken gemacht werden.

Das Buch zum Thema: Schiller-Stutz, K.: « Mobbing und Arbeitsplatzkonflikte. Psychosozialen Stress erkennen – Konflikte konstruktiv lösen – Vorbeugen mit Betrieblicher Gesundheitsförderung.» Zürich: ALMA Medien AG.