Archive wurden durchforscht, alte Geschäftsberichte gelesen und Jahreshefte der Stadt Schlieren konsultiert – aus Anlass des 50-Jahr-Firmenjubiläums der Erdgas Ostschweiz AG entstand ein informativer Rundgang über Erdgas, Kohleveredlung sowie das Unternehmen selbst.

Die Geschichte des Gaswerks Schlieren, von den Einheimischen liebevoll
«Gasi» genannt, lässt sich nun auf dem Firmengelände erkunden: An zwölf Stationen erfahren Besucher nicht nur Interessantes rund um Geschichte und Nutzung von Erdgas; sie werden mittels Texten und Fotografien mit der wechselvollen Geschichte des Gaswerks vertraut gemacht. So ist zu lesen, dass Erdgasfeuer in der Antike als göttliche Symbole verehrt wurden und das Wort «Gas» sich vom griechischen Begriff «Chaos» für einen leeren Raum ableitet.

Wenige werden zudem wissen, dass die erste Leuchtgaslampe 1799 in Paris zum Patent angemeldet wurde und dass Grossbritannien das erste Land war, das ab 1785 Erdgas kommerziell zur Beleuchtung von Wohnhäusern und Strassen nutzte.

Prägend für die Stadt

Für Besucher aus dem Limmattal dürften die Informationen über die Geschichte des Gaswerks Schlieren von besonderem Interesse sein, war das Unternehmen doch seit 1900 prägend für die Entwicklung der Stadt. Begonnen hatte alles 1893, als die Anlage zur Gasgewinnung auf dem Zürcher Platzspitz zu klein wurde. Mit der Einführung der Gasbeleuchtung stieg der Bedarf der Stadtzürcher an Gas rapide an. Da bot sich das Areal in Schlieren an. Dort stand auf der grünen Wiese genügend Platz zur Verfügung, das Land war günstig und auch noch tief gelegen – ein wichtiger Faktor, da Gas leichter ist als Luft und sich von Schlieren aus deshalb gut verteilen liess.

Heute zeugen der letzte von ursprünglich fünf Gasometern, der Wasserturm und die Villa des Direktors von dieser bedeutenden Industriegeschichte.

Laut, heiss und staubig

Wo heute modernste, klinisch saubere Werkanlagen und Bürogebäude der Erdgas Ostschweiz AG von Schlieren aus die Gasversorgung der Ostschweiz im Hochdruckbereich sicherstellen, ging es noch bis in die 1970er-Jahre des letzten Jahrhunderts laut, heiss und staubig zur Sache.

Auf dem Areal lagerte Kohle, die aus England, Frankreich oder Deutschland angeliefert wurde. Sie wurde zermahlen, über Förderband, Kohlenturm und Füllwagen in die Ofenanlagen eingefüllt und dann rund um die Uhr unter Luftabschluss während Stunden bei 1100 bis 1200 Grad durchgeglüht. So wurde das in der Kohle enthaltene Gas freigesetzt. Neben Koks, der zum hochwertigen Heizmaterial aufbereitet und verkauft wurde, fielen als Nebenprodukte auch Teer, Ammoniak, Schwefel und Benzol an, weitere wichtige Einnahmequellen für das Gaswerk.

Auch Kurioses ist den Schautafeln zu entnehmen. So gab es im Gaswerkareal ein Lokal für Keuchhustenkranke. Kinder mittelloser Eltern wurden in einen Raum der Trockenschwefelungsanlage zum Spielen geschickt. Dort atmeten sie während Stunden unter anderem Schwefel- und Salmiakdämpfe ein, welche beim Prozess der Gasgewinnung entstanden. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar: Die giftigen Dämpfe hatten eine heilende Wirkung. Eine wissenschaftliche Erklärung dafür sei aber nie gefunden worden.

Das Gaswerk als Heimat

Am 31. Januar 1966 wurde die Gasverbund Ostschweiz AG (GVO) gegründet. Acht Jahre später stellte sie die Gaskokserei ein und setzte auf Erdgas. Walter Roth, seit 32 Jahren Mitarbeiter und verantwortlich für den baulichen Unterhalt des Werkareals, war mit dabei, als der alte Kamin des Gaswerks abgebrochen und die Werkanlagen der Kohleverarbeitung zurückgebaut wurden. Manches habe sich seit jener Zeit geändert, erzählt er. «Früher war vieles hemdsärmelig. Die Mitarbeiter trugen kein Über-
gwändli, sie kamen mit dem Perret zur Arbeit. Aber es war eine schmutzigere Arbeit», so Roth. Auch die Arbeitssicherheit von damals sei nicht mit heute zu vergleichen. Der Schlieremer erinnert sich an schlimme Unfälle, als die alte Anlage zurückgebaut wurde.

Für Walter Roth ist das Gaswerk Heimat. Als am Jubiläum der Firma das Gasi-Lied gesungen wurde, da seien ihm die Tränen gekommen. Er bewohnt eines der kleinen Häuser, welche um 1900 für die Arbeiter der Fabrik erstellt wurden. «Die Häuser waren gut für die Arbeiter – aber auch gut für das Gaswerk. Bei Bedarf konnte man die Leute zu jeder Tages- und Nachtzeit aufbieten.» Etwas Nostalgie schwingt mit, als Roth vor dem letzten übrig gebliebenen alten Gasometer steht und sagt: «Er ist ein technisches Wunderwerk. 1968 wurden die Hochdruckgaskugeln gebaut – sie werden vermutlich keine 100 Jahre halten.»

Gruppen und Einzelpersonen können den Erdgas Ostschweiz-Weg auf dem Firmenareal nach Voranmeldung

absolvieren.

Telefon 044 733 61 11.