Sommerserie

Im Dahar-Tempel berühren sie den Körper und meinen die Seele

Evita (31, links) und Samantha (26) im Zimmer «Venezia» ihres Tantratempels.  Fotos: BHi

Evita (31, links) und Samantha (26) im Zimmer «Venezia» ihres Tantratempels. Fotos: BHi

Im Tantratempel in Oberengstringen wird durch Massagen die spirituelle Seite der Sexualität zelebriert.

Der Tempel liegt zwischen zwei Bordellen. Wer zu ihm gelangen will, parkiert sein Auto in der diskreten, von der Strasse nicht einsehbaren Garage und erklimmt dann, etwas verunsichert, die Treppe, vorbei an Schildern, die in Neonfarben «Girls» und eine «Kontaktbar» anpreisen.

Dass der Tempel seine Kundschaft jedoch mit anderen Argumenten anlocken will als die Studios links und rechts, wird erstmals vor der Haustüre klar: Da sitzt gelassen lächelnd ein dicker, gemütlicher Buddha. «Entspann dich», scheint er zu sagen. Dass im Haus nebenan wohl gerade eine Domina etwas weniger gemütlichen Tätigkeiten nachgeht, scheint ihn nicht zu stören.

Für Evita und Samantha, die den «Dahar’s Tempel» gemeinsam mit Lara betreiben, war diese Lage jedoch anfangs ein Argument gegen den Oberengstringer Standort. Man habe sich erst für die Wohnung an der Zürcherstrasse entschieden, als man gemerkt habe, wie schwierig sich die Suche nach einem geeigneten Objekt gestalte. «Für viele ist es schwierig zu verstehen, was wir genau tun und dass wir kein Bordell sind», sagt Evita. «Was wir anbieten, ist letztlich eine Herz-zu-Herz-Massage.»

Verwöhnen mit Perlen und Fellen

Offiziell nennt sich dies Tantra und ist eine äusserst spirituelle Angelegenheit. Das Ziel des Tantrismus sei die Einswerdung mit dem Absoluten und das Erkennen der höchsten Wirklichkeit, sagt Wikipedia dazu. Bei Evita und Samantha klingt das Ganze etwas weniger abgehoben – obschon auch für sie der spirituelle Aspekt zentral ist. «Durch die körperliche Berührung wollen wir die Seele der Menschen berühren», sagt die 31-jährige Evita. Wie ihre 26-jährige Geschäftspartnerin Samantha trägt sie eine schwarze, locker fallende Pumphose, ein enges schwarzes Oberteil und hochhackige Schuhe. Beide sitzen entspannt auf einem Kissen am Boden, der Blick freundlich, aber wach, das Lächeln ehrlich.

Wie auch die anderen drei Räume hat das Zimmer einen Namen und ein Thema, welches mit viel Liebe zum Detail umgesetzt wurde. «Geisha» ist komplett in Rot-Schwarz-Tönen gehalten, wirkt geheimnisvoll und sanft. In der Ecke steht ein kunstvoll bemalter Holzschrank, die bequemen Sessel sind mit rot-goldenen Stoffen bezogen, die Bodenlampen mit blumigen Seidenstoffen bespannt.

Auf dem Bett liegt ein «Verwöhnkorb» bereit: Darin befinden sich, ansprechend präsentiert, Felle, Perlenketten, Federn, Massageöle und Fächer. Diese Gegenstände werden bei der Ganzkörpermassage eingesetzt, um alle Sinne zu aktivieren. Dunkle Vorhänge dämpfen das Licht, es riecht dezent nach Räucherstäbchen, die Musik plätschert beruhigend im Hintergrund. Es ist klar, dass hier Perfektionistinnen an der Arbeit waren. «Wir haben alles selber eingerichtet, für jeden Raum die passende Atmosphäre kreiert», sagt Samantha.

Hemmungen überwinden

Doch nicht nur bei der Einrichtung sind die beiden darauf bedacht, dass alles stimmt. «Wer bei uns arbeiten will, muss die entsprechende Ausbildung vorweisen können», erklärt Evita. «Wir wollen niemanden, der einfach so ein bisschen massiert.» Sie selber ist wie Samantha auch diplomierte Gesundheitsmasseurin und Wellnessmasseurin. Die Frauen, die beide ursprünglich in der Pflege tätig waren, haben ausserdem bei der Zürcher Schule «Sexological Bodywork» eine einjährige, berufsbegleitende Ausbildung zur Tantramasseurin absolviert. Dabei gehe es zuerst einmal darum, den eigenen Geist und Körper durch Meditation und Auseinandersetzung mit sich selber kennenzulernen, sagt Evita. «Ich dachte, ich wisse alles, was es zu wissen gibt. Doch das war nicht der Fall.» Ganz wichtig sei auch, so Samantha, dass man Hemmungen überwinde und sich selber gehen lassen könne. «Man muss sich selber gerne haben, um auf andere eingehen zu können.» Obwohl man sehr viel von sich gebe, sei es auch zentral, dass man eine gewisse Distanz zum Kunden bewahre. «Der Kunde bekommt von uns alles und doch nichts.»

Im Detail bedeutet dies: Geschlechtsverkehr ist absolut tabu. Dass die Person, die sich massieren lässt, jedoch zu einem Orgasmus kommt, ist möglich – wenn es gewünscht ist. «Doch es geht nicht primär um den Orgasmus», sagt Evita: «Es geht um den Fluss von Energie, um Kraft und Entspannung. Sexualität hat im Tantra etwas sehr Reines.» Was erlaubt ist, wird zuerst in einem persönlichen Gespräch abgeklärt. «Wir lassen uns sehr viel Zeit für den Kunden», betont Samantha. Dies sei wichtig, denn man wolle die Seelen der Menschen berühren, aber auf keinen Fall verletzen. Um sich auf diese intime Arbeit einzulassen, brauche es Feingefühl, Selbstbewusstsein und Urvertrauen. «Eine Tantramassage kann Emotionen freilegen», sagt Evita, die erzählt, sie habe nach ihrer ersten eigenen Tantramassage geweint, weil sie so berührt war. Es habe jedoch auch schon ein Kunde einen Lachkrampf bekommen, verraten sie schmunzelnd.

Frauen mit einer Mission

Zurzeit sind die Kunden im «Dahar’s Tempel», der erst seit wenigen Wochen offen ist, noch vorwiegend Männer oder ab und zu Paare. «Unser Ziel ist es, mehr mit Paaren zu arbeiten und vor allem auch Frauen zu motivieren», sagt Evita. Eine Frau zu massieren, sei immer eine besonders reizvolle Herausforderung, verrät sie: «Ein wunderschönes Paket, aber um das zu öffnen, braucht es einiges.»

Was sie können, möchten die Frauen am liebsten auch weitergeben. «Wir möchten Paare anleiten; ihnen zeigen, wie sie Zeit miteinander verbringen können, wie sie durch Zärtlichkeit Energie aufbauen können», sagt Evita. Tatsächlich haben die beiden Frauen eine Mission: «Wir wollen, dass Tantramassagen richtig verstanden und akzeptiert werden», sagt Samantha. Doch leider sei die Gesellschaft heute noch nicht so weit, stelle alles, was in irgendeiner Form mit Sexualität zu tun habe, in eine schmutzige Ecke, sagt Samantha. Es ist auch aus diesem Grund, dass die beiden sich nur mit ihren Künstlernamen vorstellen. «Der Ruf des Tantra wurde versaut», sagt Samantha. Im Tempel wolle man sich wieder auf das reine, traditionelle Tantra besinnen, auf Geist, Körper, Seele.

Vor der Tür lächelt weise und gemütlich der dicke Buddha. «Entspann dich», scheint er zu sagen.

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