Dietikon
Im 21. Jahrhundert verbindet das Smartphone die Religionen

Die Sunnah-Glaubensgemeinschaft lädt zum Gebet und bietet dabei ungewohnte Einblicke.

Alex Rudolf
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Rund 40 Männer haben sich im grossen Gebetsraum der Sunnah-Glaubensgemeinschaft im ehemaligen Bürogebäude an der Dietiker Löwenstrasse versammelt. Einige kommen direkt von der Arbeit und tragen Anzughosen mit weissem Hemd und Kittel, Krawatten hängen ein wenig gelockert um den Hals. Andere erscheinen im Strickpulli und Trainerhosen. Vier oder fünf tragen eine Thobe in Pastell oder Schwarz. Die traditionelle nahöstliche Männerbekleidung sieht wie ein langes Hemd aus. Mit tiefen, bauchigen Gesängen ruft der Imam zum Start des Gebetes. Die Männer, die sich in der Kaffeeküche zum Schwatz getroffen haben, strömen in den mit orientalischem Spannteppich ausgelegten Raum.

Während die Teilnehmer des 18.30-Uhr-Gebets gemächlich zu Boden gehen, mit gradem Rücken sind sie auf ihren Knien nach Mekka gerichtet, haben es sich im hinteren Teil des Raumes drei Menschen auf Plastikstühlen gemütlich gemacht. Es sind Vertreter der Dialoggruppe Christentum-Islam Dietikon, die im Jahr 2007 ins Leben gerufen wurde. Sunnah-Präsident Qamil Xhelili lud vergangene Woche die Mitglieder ein, einem Gebet beizuwohnen. Christa Müller-Dieng, Leiterin der Dialoggruppe, Priska Alldis, Integrationsbeauftragte der Stadt und Peter Müdespacher, Vertreter der Reformierten, warten gespannt.

Die älteren Christen gehen beten

Die Männer sagen nichts. Dann – auf Geheiss des Imams – beginnen sie damit, ihren Oberkörper zu senken, bis ihr Kopf den Boden berührt. Begleitet werden sie von einer Mischung aus Gesang und Predigt auf Arabisch. Nach und nach trudeln noch mehr Mitglieder der Glaubensgemeinschaft ein, kurze Begrüssungen weichen andächtigem Beten.

Im Verlauf des Gebetes tun sich einige Unterschiede zwischen dem christlichen und muslimischen Prozedere auf. So stechen die Teilnehmerzahl und das Durchschnittsalter ins Auge. Christa Müller-Dieng konstatiert, dass in christlichen Gottesdiensten weniger Gläubige erscheinen würden als hier. «Auch besuchen im Schnitt eher ältere Menschen die sonntäglichen Gottesdienste.» Im Gebetsraum der Sunnah-Glaubensgemeinschaft ist mindestens ein Viertel der Teilnehmer unter 35. Doch sei es nicht so, dass den Christen der Nachwuchs fehle. «Bei uns leben die Jungen ihre Religion in anderer Form aus. Gottesdienste sind dabei nicht erste Priorität.»

Für Xhelili ist es wichtig, die Mauern zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften abzubauen: «Wir wollen, dass die Limmattaler wissen, was bei uns in der Moschee geschieht», sagt er. Nur wenn man miteinander spreche, sei ein friedliches Zusammenleben möglich.

Parallelen liegen bei der Jugend

Die betenden Muslime haben sich inzwischen wieder aufgerichtet und in den vorderen Teil des Raums begeben, direkt hinter dem Imam, wo sie sich in einer Reihe aufstellen. Die Gebetsgesänge werden intensiver und lauter. Nach rund zehn Minuten verteilen sich die Männer wieder im Raum, sie reichen sich Gebetsketten, die sie im Anschluss zwischen ihren Fingern halten. Diese Abläufe funktionieren augenscheinlich ohne Instruktion. Die Männer wissen auswendig, wann sie wo zu stehen haben und wann sie was zu tun haben.

Parallelen zwischen muslimischen und christlichen Gebetsstunden tun sich erst ganz gegen Ende auf. Ein junger Teilnehmer kramt in seiner Hosentasche, während sich die anderen Teilnehmer noch Allah widmen. Sein Smartphone kommt zutage, er klemmt es zwischen seine Knie und beginnt mir subtilem Getippe. Hin und wieder schielen seine Augen nach links und rechts, wahrscheinlich um zu kontrollieren, ob er bald ertappt wird. Dass der Fokus der Jugendlichen eher bei den Sozialen Medien und Fussballresultaten liegt, dürfte unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit auch andernorts der Fall sein. So ist in den Gesichtern der Besucher der Dialoggruppe beim Erblicken dieser Szene auch eine gewisse Erleichterung zu erahnen. Als wollten sie sagen: «Zum Glück ist das nicht nur bei uns so.»

Das Gebet endet nach etwa einer halben Stunde mit gegenseitigem Händeschütteln aller Teilnehmer. «Zum ersten Mal habe ich ein muslimisches Gebet erleben dürfen. Diese Erfahrung hat mich sehr berührt und ich würde gerne wiederkommen», sagt Peter Müdespacher. Christa Müller Dieng pflichtet ihm nickend bei. Qamil Xhelili nimmt den Ball dankend auf und verweist darauf, dass jeder in der Sunnah-Moschee willkommen sei: «Jederzeit.»

Dietiker Muslime in Konkurrenz?

Die Sunnah-Glaubensgemeinschaft wurde im Jahr 2009 gegründet. Dies entsprach einem Bedürfnis, da die albanischen Muslime bis dahin in der türkischen Moschee an der Bergstrasse beteten. «Herrscht denn ein Konkurrenzkampf zwischen den beiden Moscheen», fragt Müdespacher beim Gespräch im Anschluss. «Ganz und gar nicht», erwidert Xhelili. «Wir albanischen Muslime wollten einen Ort, wo wir unseren Glauben in der eigenen Sprache ausüben können», erklärt er. Auch die fünf Gebete, die ein Moslem über den Tag verteilt durchführen sollte, sorgen für Gesprächsstoff. Ob diese auch alle an einem Stück durchgeführt werden dürfen, fragt Müller-Dieng und fügt an, dass dies mit einer Vollzeitstelle ja schwierig zu handhaben wäre. «Uns steht frei, wann wir beten. Einige Arbeitgeber stellen jedoch Räume dafür zur Verfügung. Bei mir als Chauffeur ist dies aber eher schwierig», sagt er lachend. Er komme über die Mittagspause jeweils in die Sunnah-Moschee.

Heute feiert die Sunnah-Moschee den Tag der offenen Tür. Zwischen 10 und 15 Uhr wird Interessierten an der Dietiker Löwenstrasse der kulturelle Austausch und ein Buffet mit albanischen Spezialitäten geboten. Zudem besteht um 12.30 und 14.30 Uhr die Möglichkeit, am Gebet teilzunehmen.