Das Dietiker Stadthaus sieht verlassen aus um 22 Uhr. Nur im Erdgeschoss brennt Licht, dort, wo die Fäden der Stadtpolizei zusammenlaufen. Gruppenchef Patrik Marty, Wachtmeister Pia Hollenstein und Korporal Florian Stutz besprechen kurz den bevorstehenden Einsatz – keine gewöhnliche Nachtpatrouille, sondern eine Gastro-Kontrolle. Sie führt das Trio zu Imbissbuden, Bars und Restaurants – und in Vereinslokale, die der Öffentlichkeit sonst verschlossen bleiben. An diesem Abend sind es insbesondere ausländische Vereine.

In ziviler Kleidung, mit Jeans und Pullovern, verlassen sie das Stadthaus durch den Hinterausgang, vor dem das Zivilfahrzeug steht. Florian Stutz startet den Motor. Und fährt ein paar hundert Meter zum ersten Lokal, das auf der Liste steht. Es ist eine Döner-Bude. Schon vor einem Jahr hat der Wirt gewechselt. Der neue hat sich nie bei der Stadt angemeldet. Die Polizisten geben sich dem Gastgeber zu erkennen, weisen den Wirt auf das fehlende Patent hin und beginnen, den Laden zu untersuchen.

Marty schaut sich die Speisekarte an. Genauer gesagt die Preise. Denn das günstigste nichtalkoholische Getränk muss günstiger sein als das günstigste alkoholische Getränk. Diese Vorschrift ist bekannt als Sirup-Artikel. Passt alles. Danach richtet er seinen Blick auf den Kühlschrank mit den Getränken. Ein Jugendschutzkleber, der darauf hinweist, dass man Bier und Wein erst ab 16 Jahren kaufen darf und härtere Alkoholika erst ab 18 Jahren, ist nirgends zu sehen. Auch nicht an der Türe, der Theke oder sonst wo.

Marty spricht den Mann darauf an. Tatsächlich: kein Kleber. Somit sind es schon zwei Verstösse gegen das Gesetz. Stutz und Hollenstein schauen sich noch den Keller und die Küche an. Einen Sauberkeitsfimmel scheint der Gastgeber nicht zu haben. Aber ein offensichtlicher Verstoss ist diesbezüglich nicht zu sehen. Die Polizisten weisen den Mann darauf hin, dass er zwei Anzeigen erhalten wird, weil er kein Patent und keinen Jugendschutzkleber hat.

Gut gefüllte Aschenbecher

Zum nächsten Lokal geht es zu Fuss, die Distanzen sind kurz mitten in der Stadt. Hollenstein klopft an die geschlossene Glas-Schiebetüre. Der Gastgeber öffnet. Im Fernsehen läuft Fussball, an der Wand hängt eine Flagge von Beşiktaş Istanbul. Und an den Tischen, an denen die neun Gäste Karten spielen, sind die Aschenbecher gut gefüllt. Hollenstein schreitet durch die Rauchschwaden zum Chef des Lokals, macht ihn auf das Rauchverbot aufmerksam. Der Wirt beruft sich darauf, dass es sich um ein Vereinslokal handelt. Eine Mitgliederliste hat er aber nicht. Da bringt ihm auch sein Wirtepatent nichts. Macht 80 Franken.

Der Wirt diskutiert mit Hollenstein. Sie fordert die Gäste in bestimmtem Ton dazu auf, die Zigaretten auszumachen. Dann füllt sie den Bussenzettel aus. Der Wirt will diskutieren. Marty und Stutz schauen sich derweil um. Auf einem grossen Tisch sind Laptops aufgereiht. Internet-Café oder Glücksspiel-Hölle? Diese Frage muss offenbleiben. Denn die Technik ist heute so weit, dass ein Verstoss nur dann festgestellt werden kann, wenn die Polizei die Anbieter auf frischer Tat ertappt, noch bevor die Spieler den Stecker rausziehen.

Marty sieht den grossen Bildschirm über dem Eingang. Darauf Bilder einer Überwachungskamera. Das Sichtfeld reicht bis zur anderen Seite der Strasse. Das führt zur nächsten Diskussion. Denn es ist illegal, vom öffentlichen Raum Überwachungsbilder zu speichern. Der Wirt beharrt darauf, dass die Bilder nicht gespeichert werden, sondern nur live zu sehen sind. «Es geht mir nur darum, dass niemand unsere Privatparkplätze benutzt», sagt er in gebrochenem Deutsch. Die Polizisten schauen sich das Gerät genauer an und kommen zum Schluss, dass hier tatsächlich keine Bilder gespeichert werden. Sie raten dem Wirt, seinen Verein anzumelden, und verlassen dann das Lokal, raus aus den stinkigen Rauchschwaden, an die frische Luft.

Ohne Bewilligung angestellt

Drei Autominuten später betreten sie das nächste Lokal. Es ist jetzt 22:53 Uhr. Hinter der Bar steht eine schwarzhaarige Rumänin in gelbem Oberteil. Die Serviceangestellte arbeitet illegal, hat sich nicht beim Amt angemeldet. Obwohl dies heutzutage per Mausklick geht. Der Chef ist nicht da und sie kennt nur seinen Vornamen. Auch kann sie die Adresse der Strasse im Aargauer Limmattal nicht nennen, an der sie der Chef wohnen lässt. Um 23:11 Uhr verlässt die Polizei das Lokal. Es gibt eine Anzeige wegen der fehlenden Arbeitsbewilligung und weil die Türe zum Fumoir offen stand, in dessen Sesseln es sich junge Männer gemütlich gemacht haben.

Es ist vor allem eine Männerwelt

Ein paar hundert Meter weiter befindet sich ein türkisches Vereinslokal. Die Polizisten klingeln und klopfen, um 23:15 Uhr öffnet der Gastgeber die Tür. Auch hier rauchen die 21 Gäste. Sie spielen Okey, die türkische Version von Rummikub. Hinter den Holzspielbrettern mit den Spielsteinen sitzen Männer jedes Alters, nur einer hat seine Partnerin dabei. Hollenstein sammelt Ausweise ein, die sie mit der Mitgliederliste abgleichen will. Als der Gastgeber diese sowie die Statuten sucht, legt er der Polizei aus Versehen einen Durchsuchungsbefehl für ein anderes Lokal aus dem Jahr 2014 hin. Es ging um Glücksspiel.

Dann findet er die Statuten und die fleckige, gewellte, vergilbte Mitgliederliste. Die meisten Namen auf den Ausweisen sind auf der Liste nicht zu finden. Somit ist es kein richtiges Vereinslokal und der Mann bräuchte ein Wirtepatent. Aber dieses fehlt. Hinzu kommt die Widerhandlung gegen das Rauchverbot. Und die Preise für die Getränke sind nicht angeschrieben. Stutz, der gelernter Lebensmitteltechnologe ist, will sich die Hinterräume ansehen. Doch der Mann wehrt sich, beharrt darauf, dass die Polizei dafür einen Durchsuchungsbefehl brauche – was aber in diesem Fall nicht stimmt. Der Mann will die Polizei filmen. Stutz untersagt es ihm und kommt nach einigen Diskussionen doch durch. Der Küchenraum hat schon bessere Zeiten erlebt. Der rote Linoleumboden ist durch Luftblasen gewölbt. In einem weiteren Raum stehen vier Computer. Internet-Café oder Glücksspiel-Hölle? Die Frage muss offenbleiben. Aber man kann sich denken, wieso der Mann nicht wollte, dass sich Stutz die hinteren Räume ansieht.

Diskutieren die Gastgeber, vergeht einige Zeit. Nach ein paar Minuten Autofahrt, es ist jetzt 23:50 Uhr, schaut sich die Polizei bei einem Pizzakurier um, dem zuletzt das Patent entzogen wurde, weil er die Patentabgabe nicht gezahlt hatte. Alles in Ordnung. «Wegen Umbau geschlossen», heisst es auf der Tür.

23:54 Uhr, das nächste Lokal, nahe der Grenze zu Schlieren. Es ist öffentlich und gab der Polizei früher immer wieder zu tun. Doch die Betreiber haben gelernt, halten sich inzwischen an die Gesetze.

Ein Kaffee vor der Polizeistunde

Dann gehts zur Kaffeepause in ein Restaurant, von dem die Eigentümerin spurlos verschwunden ist und der die Polizei ein Dokument zustellen müsste. Die Polizisten hören sich die Sorgen der Wirtin an. Ein guter Moment, um etwas Zeit verstreichen zu lassen, ehe es wieder losgeht, um in verschiedenen Lokalen die Schliessungszeiten zu kontrollieren.
00:52 Uhr: Die Türe zur Shisha-Bar, die jetzt geschlossen sein müsste, ist noch offen.

Ein süsslicher Duft steigt in die Nase. Als Marty die Getränkekarte kontrolliert, stellt er einen Verstoss gegen den sogenannten Sirup-Artikel fest. Drei Deziliter Mineral kosten 6 Franken, drei Deziliter Bier 5.90 Franken. Der Gastgeber verweist auf den Kaffee, der 4.90 Franken kostet. Doch geht es nicht um den Stück-, sondern den Deziliterpreis. Die Schliessungszeiten und das zu günstige Bier sind nicht das einzige Problem: Das Fumoir ist nicht angeschrieben, die Türe dazu ist geöffnet und auch ausserhalb des Fumoirs wird Shisha geraucht. Zudem fehlt der Jugendschutzkleber. Die Polizei fordert den Betreiber dazu auf, die Bar nun zu schliessen. «Es wäre von mir als Gastgeber unanständig, jetzt alle rauszuschicken», sagt er, macht es dann aber.

Ungehörte Ratschläge

01:30 Uhr, ein Vereinslokal im Gebiet Silbern. Abgewetzte Sofas, an der Wand ein vergilbtes Bild einer Frau. Männer aus verschiedenen ex-jugoslawischen Ländern sind hier friedlich vereint. Aber auch hier gilt: keine aktuelle Mitgliederliste, keine Preise angegeben. Nicht zum ersten Mal. «Sie müssen ein Wirtepatent haben oder die Liste nachführen. Jetzt zahlen Sie wieder eine Busse für nichts», sagt Marty. Die Ratschläge dürften nutzlos verhallen. «Es kommen hier immer wieder andere Leute», sagt der Mann. Offenbar zu viel Aufwand, die Liste nachzuführen.

Das nächste Lokal ist eines, das früher für einige Schlagzeilen gesorgt hat. Doch inzwischen ist alles in Ordnung, das Lokal hält sich an die Schliessungszeit. Aber beim Pizzakurier in der Nähe brennt noch Licht, jetzt um 2:10 Uhr. «Ich bin nur am Putzen», erklärt der Mann. Er müsste um 24 Uhr schliessen. Das Problem: Auf Flugblättern wirbt er damit, dass er bis 2 Uhr offen hat. Ordnungsbusse: 80 Franken. Einige Schritte weiter schon das nächste Vereinslokal. Manche spielen Okey, andere Karten. Für einmal ein Lokal mit einer aktuellen Mitgliederliste, alles in Ordnung. Es ist jetzt kurz vor halb drei Uhr, der Magen knurrt. Die Polizei folgt dem feinen Duft, der von der Oberstadt-Bäckerei über die Reppisch zieht.

Ausweis-Check per Smartphone

Nach Zopf und Kaffee gehts weiter. Nun ist ein italienischer Verein an der Reihe, den die Polizei bei der Fahrt durch Dietikon zufällig entdeckt. Man sei hier in einer privaten Runde unter Freunden, sagen die drei Männer. Bloss war die Eingangstüre offen. Entscheiden wird der Stadtrichter auf Basis des Polizeirapports: Es wurde geraucht, es gibt keine Mitgliederliste, die Preise sind nicht angeschrieben und die Polizeistunde wurde missachtet.

Nun ist es 4:16 Uhr. Die Polizei fährt durch die Stadt. In gemächlichem Tempo geht es durch die Silbern, wo die Polizei bei einem Lokal nach dem anderen schaut, ob noch Licht brennt. Ein schwarzes Auto mit rumänischem Nummernschild überholt das zivile Polizeiauto. «Den kontrollieren wir», sagt Marty. Die rote Polizeileuchte hinter der Windschutzscheibe geht an. Vor dem Otto’s halten beide Autos an. Der Wagen wird durchsucht, die rumänische Identitätskarte wird per Smartphone-App mit dem System abgeglichen.

Der Mann ist polizeilich ausgeschrieben. Er muss noch eine acht Monate alte Busse der Stadtpolizei Zürich zahlen, weil er ohne Bewilligung Rosen verkauft hatte. Im Kofferraum findet Stutz Rosen. Offenbar auch ein unverbesserlicher Fall. Der Mann kommt mit auf den Posten und zahlt das Geld. Danach eine letzte Autorunde, um die Schliessungszeiten zu kontrollieren. Doch nirgends brennt noch Licht, wo geschlossen sein müsste. Und so kehrt die Polizei um 5:15 ins Stadthaus zurück. Schreibarbeit.

Rund 20 Verstösse in 8 Lokalen

Gut zwei Stunden später werden sie ins Wochenende gehen, zu den Partnern, zur Familie. Die Bilanz nach 12 kontrollierten Lokalen: Bei 4 war alles in Ordnung, bei 8 wurden insgesamt rund 20 Verstösse festgestellt. Der eine oder andere dürfte sich auf eine Nachkontrolle gefasst machen.