Mein Ding: Geigenspiel
Ihre Seele spielt Crescendo

In der Rubrik «Mein Ding» stellen Limmattaler ihre Leidenschaft vor. Gaby Grimm aus Geroldswil verwirklichte ihren Lebenstraum: Sie machte ihr Hobby, das Geigenspielen, zum Beruf.

Fabienne Eisenring
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Gaby Grimm (63) übt Violine am liebsten am Fenster ihres Hauses in Geroldswil.

Gaby Grimm (63) übt Violine am liebsten am Fenster ihres Hauses in Geroldswil.

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Als Kleinkind legte sich Gaby Grimm oft vor den Radiokasten in der Stube ihres Elternhauses in Rapperswil. Dort lauschte sie dem Geigenspiel von Yehudi Menuhin und machte ihn, einen der grössten Violinvirtuosen des 20. Jahrhunderts, zu ihrem Vorbild. Bevor sie jedoch in den Geigenunterricht durfte, sollte sie zunächst noch Flöte und Klavier lernen. «Wenn ich anständige Schulnoten heimbrachte, so sagten meine Eltern, werde mir mein Wunsch erfüllt», erinnert sich die heute 63-Jährige. Dann habe sie in der Schule gearbeitet wie eine Wilde. In der vierten Klasse erhielt sie ihre erste Geige. Durchhaltewillen und Eigenmotivation – dies brachte sie dann auf, wenn ihre Freunde draussen spielten und sie drinnen üben musste. Manchmal seien Tränen geflossen.

Grimms Blick schweift in die Ferne, wenn sie von ihrem Lebenstraum, Musikerin zu werden, erzählt. Zunächst bildete sie sich auf Anraten ihrer Eltern zur diplomierten allgemeinen Pflegefachfrau aus. Mit der Geige unter dem Arm sei sie ins Institut in Ilanz eingetreten. So eng auf eng, wie man wohnte, erspielte sie sich als ambitionierte Streichmusikerin keine Sympathiepunkte. Grimm liess sich nicht beirren. Doch hätte sie nicht gedacht, dass die Arbeit im Spital, später in der Praxis ihres Mannes, zu ihrer zweiten Leidenschaft werden würde. In den Achtzigern zog das Ehepaar nach Geroldswil. Auch mit drei Söhnen im Haus übte Grimm weiter Violine.

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1989 trat sie dem Limmattaler Kammermusikkreis bei, dessen Mitglied sie bis heute ist. Das Orchester habe sich in diesen 28 Jahren sehr gewandelt, sagt Grimm. Vormals bestand das Ensemble aus 16 Musikern, heute spielen sie als Quintett. Die Konzerte sind rarer und projektbezogen geworden. Auch Grimms Einstellung zur Bühne veränderte sich: «Das Lampenfieber nahm mit zunehmendem Alter zu», sagt sie und zupft an ihrer Halskette. Yoga helfe ihr, Selbstvertrauen aufzubauen.

Das Instrument ist ihre Stimme

Während sie Geige übt, wandert Grimm im ganzen Haus umher, bis sie am Fenster im Wohnzimmer steht und nach draussen auf ihren üppigen Garten blickt. «Musik bewegt irgendetwas in mir, sodass ich mich nachher besser fühle», sagt sie. Wenn sie sich ganz auf die Noten konzentriere, fallen die Probleme von ihr ab. Als «Abtauchen in eine andere Welt» umschreibt sie dieses Gefühl. Nach einer Orchesterprobe könne sie darum oft nicht schlafen – die Musik laufe die ganze Nacht mit.

Zum Lieblingsstück wird jeweils jenes, das sie gerade übt. Zurzeit sind das Tartinis Variationen, zuvor Bachs Partitas. Die Notenhefte und Partituren behält sie alle – mittlerweile füllen sie ein Bücherregal. Eigentlich sollte sie sich die Hände zusammenbinden, wenn sie ein Musikgeschäft betrete, sagt Grimm und lacht. Dann holt sie ihre Paganini-Geige hervor, ein glänzender Neubau. «Die Violine ist eine Stimme von mir, sie drückt meine Seele aus», sagt sie und streicht zärtlich über den Geigenhals. Beim Spielen werde sie eins mit dem Instrument.

Diese Passion möchte sie ihren Schülern vermitteln. Seit sechs Jahren unterrichtet sie in ihrem Wohnzimmer Anfänger und Wiedereinsteiger, von der 2.-Klässlerin bis zur 70-Jährigen. Im Jahr 2001, als sie 47 Jahre alt war, begann sie am Konservatorium Winterthur die Ausbildung zur Geigenlehrerin. Sie büffelte allgemeine Musiktheorie, Improvisation und Komposition, und übte und übte. «Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch schaffe», sagt Grimm. Ihre Fähigkeiten wachsen immer noch wie ein Crescendo, anhaltend, mit jeder zusätzlichen Weiterbildung. Grimm meint dazu lächelnd: «Das Schöne an meinem Instrument ist, dass ich es spielen kann bis in die letzten Atemzüge.»