Jeden Monat rutschen Arbeitslose in die Sozialhilfe ab. Werden ausgesteuert. Und haben es so oft noch schwieriger, eine Stelle zu finden. In Dietikon setzt hier die Fachstelle Arbeitsintegration an. Gegründet 2016 unter dem damaligen Sozialvorstand und heutigen Stadtpräsidenten Roger Bachmann (SVP), zeigt sich ihre Wirkung immer mehr. Waren es 2016 noch 36 Personen, fanden 2017 bereits 50 Klienten der Fachstelle einen Job im regulären Arbeitsmarkt. In den ersten drei Quartalen 2018 waren es 37. Die durchschnittliche Vermittlungsquote liegt damit wie im Vorjahr bei rund 31 Prozent. Doch diesen Zahlen galt am Dienstag nicht das Hauptaugenmerk. Die Fachstelle hatte ihre Partner aus der Wirtschaft zum Netzwerktreffen ins Dietiker Feuerwehrlokal geladen. «All das Herzblut und die Schweisstropfen, die dahinter stecken, sieht man nicht in diesen Zahlen», sagte Attila Stanelle, der Leiter der Fachstelle.

Grund genug, die Menschen und Unternehmen hinter den Zahlen zu zeigen. Zum Beispiel die Dietiker Spielgruppe Isebahn. Sie hat einer seit 2009 arbeitslosen Frau, deren Dossier sich die Fachstelle 2016 annahm, einen Arbeitseinsatz ermöglicht. Die verständnisvollen Teamkolleginnen förderten und forderten die Langzeitarbeitslose. Inzwischen hat die Frau, die anonym bleiben will, eine Zusatzqualifikation abgeschlossen und arbeitet in einer Festanstellung für die Spielgruppe. So verschwanden die Frau und ihre Kinder aus der Sozialhilfe-Statistik.

Müller: «Sie bieten Perspektiven»

Der unentgeltliche Arbeitseinsatz, der am Anfang stand, geschah im Rahmen des Travo-Programms, das die Stadt seit 15 Jahren anbietet und das heute Teil der Fachstelle Arbeitsintegration ist. Ohne Arbeitgeber würde es nicht funktionieren. «Travo-Einsätze sind ein wichtiger Meilenstein im Integrationsprozess. Sie bieten Perspektiven für Ausgesteuerte, die ein Stück weit die Perspektive verloren haben. Das ist sehr schön», sagte Sozialvorstand Philipp Müller (FDP).

Deshalb wird nun das Engagement der Arbeitgeber gewürdigt: Am Dienstag vergab die Fachstelle Arbeitsintegration erstmals den Travo-Award. Die Spielgruppe Isebahn holte sich in der Abstimmung – an der alle Anwesenden des Netzwerktreffens teilnahmen – den dritten Platz. Auf Platz zwei landete die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK). Sie ermöglichte einem anerkannten Flüchtling einen Travo-Einsatz als Küchenhilfe. Dieser machte seine Arbeit so gut, dass der Betriebsleiter der PUK-Gastronomie, Patrick Ehmann, auf den Geschmack kam: Heute arbeitet der ehemalige Offizier mit Kriegstrauma 60 Prozent. Mittelfristig wird er das Pensum auf 100 Prozent erhöhen und sich so ganz von der Sozialhilfe ablösen.

Nach drei Jahren Arbeitslosigkeit

Am beeindruckendsten war der Werdegang von Sabrina Schwarz (36), die seit 2009 in Dietikon wohnt. «Eine riesige Erfolgsstory», sagt Stanelle. Zuerst war man auf der Fachstelle Arbeitsintegration noch verdutzt, als man Schwarz’ Dossier erstmals sah. Eine Detailhandelsfachfrau mit Erfahrung als stellvertretende Filialleiterin muss doch zu vermitteln sein, war sein erstes Fazit. Und doch fand Schwarz seit drei Jahren keinen Job im Verkauf mehr. Nach einem kurzen Travo-Einsatz und einer Weiterbildung erhielt Schwarz eine Anstellung als stellvertretende Leiterin der Vero-Moda-Filiale Zürich Limmatquai. Erst vier Monate waren vergangen, seit sich Claudine Racine von der Fachstelle Arbeitsintegration dem Fall angenommen hatte. Alles hat in diesem Fall gepasst. «Wir haben schnell gesehen, dass hier etwas möglich ist. Sabrina Schwarz hat viel dazu beigetragen», sagte Gaby El Daour, stellvertretende Geschäftsführerin und Personalleiterin der Östberg AG, das Unternehmen hinter Vero Moda.

Award sorgt für Freudentränen

Als ihr Gewinn feststand, war Schwarz überwältigt. Freudentränen flossen über ihre Wangen. Schöner hätte niemand zeigen können, was hinter den Zahlen steckt, an denen die Fachstelle Arbeitsintegration gemessen wird.

«Wir haben schöne Erfolgsgeschichten gehört», bilanzierte Sozialvorstand Müller, ehe er auf die politische Dimension dieser Erfolgeschichten zu sprechen kam. «Sie haben erreicht, dass wir die Sozialkosten reduzieren konnten. Das freut mich und alle Steuerzahler. Und es zeigt, dass sich Stadt und Private gut ergänzen und die Zusammenarbeit gut funktioniert», so Müller. Auch zum Image von Dietikon, der Stadt mit der höchsten Sozialquote im Kanton Zürich, machte sich Müller Gedanken: «Es ist schön, dass man zeigen kann, dass es nicht nur Sozialhilfequoten, Sozialhilfebetrüger und Sozialhilfedetektive gibt.»

Ebenfalls am Anlass vertreten war die Regionale Arbeitsvermittlung (RAV) Dietikon, die derzeit rund 2300 Personen betreut, davon gut 900 aus Dietikon, und die mit der Fachstelle Arbeitsintegration zusammenarbeitet. «Wir fühlen uns wohl hier, Vermittlungsquoten sind auch unser täglich Brot», sagte RAV-Leiter Peter Greif. Für das RAV haben sich dieses Jahr zwei Neuerungen ergeben. Zum einen werden dem RAV seit 1. Juli auch alle vorläufig aufgenommene Flüchtlinge gemeldet, um diese den Arbeitgebern zu vermitteln.

Ebenfalls seit 1. Juli gilt der Inländervorrang. Dieser hat zur Folge, dass Arbeitslose zuerst exklusiv von offenen Stellen in Branchen mit hoher Arbeitslosigkeit erfahren – dank der Stellenmeldepflicht, die den Arbeitgebern auferlegt wurde. Wie hier die Quoten aussehen, wird sich weisen.