«Heutzutage schreiben Kinder einen Wunschzettel, so etwas kannten wir damals nicht», sagt Rosi Suter, die am ersten Januar 1916 in Urdorf geboren ist. Ihre Familie lebte in einem Haus in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Der Vater war in einer leitenden Position im Lager der Eisenwarenhandlung Kiesling in Schlieren tätig. Obwohl die Familie nicht arm war, ging es bei ihnen weit nicht so luxuriös wie heutzutage zu, sagt Suter, die heute im Alterszentrum am Bach in Birmensdorf lebt. An Weihnachten hätten ihre Eltern aber immer dafür gesorgt, dass sie und ihre Schwester ein schönes Fest erleben durften.

Die Mutter fuhr nur ein einziges Mal im Jahr nach Zürich, nämlich an Weihnachten. Dies blieb den Schwestern natürlich nicht verborgen. Sie stellten gemeinsam Vermutungen an, was sie bei ihrer Rückkehr wohl dabei haben würde. Entgegen ihren Hoffnungen mussten sie feststellen, dass darunter keine Päckchen waren. Denn die Kinder bekamen meist etwas Selbstgemachtes von der Mutter, die eine gelernte Knabenschneiderin war. «Jedes Jahr erhielt ich von meiner Mutter eine neue Schürze und manchmal auch selbst gestrickte Strümpfe. Das fand ich wunderbar», erzählt sie.

Rosi Suter hätte sich als Kind niemals getraut zu fragen, ob sie ihre Geschenke auch schon vor dem Essen öffnen dürfe.

Rosi Suter hätte sich als Kind niemals getraut zu fragen, ob sie ihre Geschenke auch schon vor dem Essen öffnen dürfe.

Kinder mussten sich gedulden

Obwohl Rosi Suter das Konzept des Wunschzettels fremd war, wünschte sie sich einmal sehnlichst einen Regenschirm. Glücklicherweise arbeitete eine ihrer Tanten in einer Schirmfabrik. Und tatsächlich wurde ihr Wunsch erhört. An einer Weihnacht, sie kann sich nicht mehr erinnern, in welchem Jahr es war, lag ein in Packpapier und farbige Wolle eingefasstes Päckchen unter dem Weihnachtsbaum. Es hatte die Form eines Schirms. Da die Geschenke jeweils erst am Schluss geöffnet wurden, musste sie sich lange gedulden. «Wir hätten uns nie getraut zu fragen, ob wir die Päckchen schon früher öffnen dürfen, nicht wie meine Enkel heutzutage, die meist auch schon wissen was sie erhalten und es sofort öffnen wollen», sagt sie.
Der Vater begleitete die Familie auf der Gitarre, wenn sie nach dem Essen zu viert Weihnachtslieder sangen. «Er spielte ganz wunderbar und hatte eine schöne Stimme», sagt Suter. Nachdem wie jedes Jahr das Lukas Evangelium vorgelesen wurde, durften die Mädchen ihre Geschenke schliesslich öffnen: «Ich traute meinen Augen kaum, als ich den Regenschirm auspackte. Es war der schönste Schirm, den ich je gesehen hatte. Ganz in Schwarz gehalten hatte er an der Spitze eine orangefarbene Kugel aus einem glasähnlichen Material.»

Suters verstorbener Ehemann erzählte zu Lebzeiten gerne eine Weihnachts-Anekdote aus seiner Kindheit. Er kam, wie sie sagt, aus einer sehr strikten Familie. Auch dort wurde, wie bei Suters, am 25. Dezember gefeiert. Der Christbaum stand, von der Mutter am Vorabend festlich geschmückt und hinter einer Schiebewand versteckt, im Wohnzimmer neben der Nähmaschine. Da die Mutter noch nicht mit der Glocke geklingelt hatte, die Kinder jedoch vor lauter Neugierde fast vergingen, liessen sie sich zu einer Dummheit hinreissen: Um einen besseren Blick auf den Baum zu erhaschen, stiegen sie auf den Tisch mit der Nähmaschine. Da dieser auf wackeligen Füssen stand, fielen die sie hinunter. Im Fall riss Suters Ehemann den gesamten Baum mit sich und die Dekoration ging zu Bruch. Die Eltern schimpften mit dem Bub, stellten den kaputten Baum jedoch, so wie er war, wieder auf. «Dieses Erlebnis war so einschneidend für ihn, dass während unserer Ehe immer ich für die Dekoration zuständig war», sagt sie.

Silvester-Schmaus fiel ins Wasser

In bester Erinnerung hat Suter ein Festmahl, an dem es Safran-Risotto zu essen gab. Ansonsten habe die Mutter aber immer unterschiedliche Sachen gekocht. Eine weitere Anekdote, die ihre Eltern gerne um die Weihnachtszeit herum erzählten, datiert aus dem Jahre 1916. Die Mutter hatte für das Silvesteressen der Familie ein Poulet gekauft, zu dieser Zeit ein grosser Luxus. Sie hatte sich im Vorhinein genau informiert, wie man es am besten zubereitet. Die kleine Familie freute sich ausserordentlich auf die Köstlichkeit. Doch bereits am Nachmittag fühlte sich die hochschwangere Mutter unwohl und ging schliesslich fast widerwillig ins Spital, wo in der Neujahrsnacht dann Rosi Suter das Licht der Welt erblickte. «Noch viele Jahre wurde in der Familie darüber gescherzt, wie meine Ankunft auf der Welt den geplanten Poulet-Schmaus verdorben hatte.»

«Meine Mutter war eine richtige Weihnachtsnärrin»

«Das schönste an Weihnachten war die geheimnisvolle Stimmung», sagt Lina Landert, geboren 1929 in Dietikon. Ihre Erinnerung reicht zurück bis vier oder fünf Jahre vor Kriegsbeginn. Ihre Mutter, eine Katholikin aus dem Raum Luzern, sei eine richtige Weihnachtsnärrin gewesen, erklärt die Bewohnerin des Alterszentrums Ruggacker in Dietikon. Obwohl sie bei der Heirat mit dem Vater zur reformierten Kirche wechselte, las sie an Weihnachten immer aus ihrem Katechismusbüchlein vor. Die Geschichten darin waren für Kinder leichter verständlich, als die komplizierten Erzählungen aus dem Religionsunterricht, sagt Landert. Obwohl die Familie eines Angestellten der Marmorfabrik in Dietikon nicht allzu viel besass, sorgten die Eltern immer dafür, dass Weihnachten eine besondere Zeit war. Die Mutter begann bereits Anfang Dezember damit, den Baumschmuck zu basteln. Solche Ornamente wie damals gäbe es heute nicht mehr, sagt Landert. Ganze Häuser hingen am Tannenbaum und manche Kugeln waren gefüllt mit einer farbigen Flüssigkeit, die den Kerzenschein reflektierte. Auch Schokolade durfte am Baum nicht fehlen. In den Genuss dieser Pracht kamen die beiden Geschwister aber erst, wenn an Heiligabend das Glöcklein geläutet wurde. Dann war es Zeit, von der Küche ins Wohnzimmer zu gehen, wo die Balkontüre einen Spalt weit offen stand. «Das Christkind ist eben erst hinaus gegangen, ich bin noch nicht dazu gekommen, die Türe zu schliessen», pflegte die Mutter dann zu sagen. Landert bedauert die Mädchen und Jungen heutzutage manchmal: «Bereits die Kleinen glauben nicht mehr an das Christkind. Dabei war die Vorstellung, wie es die Geschenke in all den Häusern verteilt so wunderbar geheimnisvoll.» Die Gaben wurden jeweils am Heiligabend geöffnet. Verschenkt wurden immer brauchbare Dinge: ein Kleid oder ein Paar neue «Finken».Den Festschmaus, Kaninchen mit Kartoffelstock und Gemüse, nahm die Familie immer am Mittag des 25. Dezembers ein. Besuch erhielten sie dabei keinen. «Man hätte gar keinen Platz dafür gehabt», sagt sie. Der Vater bereitete die Kartoffeln zu, die Mutter den Rest. «Es gab auch immer ein Dessert, was genau, weiss ich aber nicht mehr.»

Auf einen schön dekorierten Weihnachtsbaum legte die Mutter von Lina Landert (links) besonderen Wert.

«Das schönste an Weihnachten war die geheimnisvolle Stimmung», sagt Lina Landert, geboren 1929 in Dietikon. Ihre Erinnerung reicht zurück bis vier oder fünf Jahre vor Kriegsbeginn. Ihre Mutter, eine Katholikin aus dem Raum Luzern, sei eine richtige Weihnachtsnärrin gewesen, erklärt die Bewohnerin des Alterszentrums Ruggacker in Dietikon. Obwohl sie bei der Heirat mit dem Vater zur reformierten Kirche wechselte, las sie an Weihnachten immer aus ihrem Katechismusbüchlein vor. Die Geschichten darin waren für Kinder leichter verständlich, als die komplizierten Erzählungen aus dem Religionsunterricht, sagt Landert. Obwohl die Familie eines Angestellten der Marmorfabrik in Dietikon nicht allzu viel besass, sorgten die Eltern immer dafür, dass Weihnachten eine besondere Zeit war. Die Mutter begann bereits Anfang Dezember damit, den Baumschmuck zu basteln. Solche Ornamente wie damals gäbe es heute nicht mehr, sagt Landert. Ganze Häuser hingen am Tannenbaum und manche Kugeln waren gefüllt mit einer farbigen Flüssigkeit, die den Kerzenschein reflektierte. Auch Schokolade durfte am Baum nicht fehlen. In den Genuss dieser Pracht kamen die beiden Geschwister aber erst, wenn an Heiligabend das Glöcklein geläutet wurde. Dann war es Zeit, von der Küche ins Wohnzimmer zu gehen, wo die Balkontüre einen Spalt weit offen stand. «Das Christkind ist eben erst hinaus gegangen, ich bin noch nicht dazu gekommen, die Türe zu schliessen», pflegte die Mutter dann zu sagen. Landert bedauert die Mädchen und Jungen heutzutage manchmal: «Bereits die Kleinen glauben nicht mehr an das Christkind. Dabei war die Vorstellung, wie es die Geschenke in all den Häusern verteilt so wunderbar geheimnisvoll.» Die Gaben wurden jeweils am Heiligabend geöffnet. Verschenkt wurden immer brauchbare Dinge: ein Kleid oder ein Paar neue «Finken».Den Festschmaus, Kaninchen mit Kartoffelstock und Gemüse, nahm die Familie immer am Mittag des 25. Dezembers ein. Besuch erhielten sie dabei keinen. «Man hätte gar keinen Platz dafür gehabt», sagt sie. Der Vater bereitete die Kartoffeln zu, die Mutter den Rest. «Es gab auch immer ein Dessert, was genau, weiss ich aber nicht mehr.»

«Wir glaubten, das Christkind gesehen zu haben»

Martha Joss stellt bis zum heutigen Tag jedes Jahr einen Weihnachtsbaum auf. Den Baum bringt ihr ihre Nichte vorbei. .

Martha Joss stellt bis zum heutigen Tag jedes Jahr einen Weihnachtsbaum auf. Den Baum bringt ihr ihre Nichte vorbei. .

«Früher hatte man kein Geld um solch üppige Weihnachten zu feiern wie heute», sagt Martha Joss, die 1931 als Jüngste von sieben Kindern auf einem Bauernhof in Endingen AG zur Welt kam. Das Wichtigste, wie sie sagt, war immer der Tannenbaum. Diesen erhielten die Einwohner von der Gemeinde geschenkt. «Ungefähr zwei Tage vor Heiligabend wurden die Bäume auf dem Gemeindeplatz aufgestellt und jede Familie durfte sich einen aussuchen», erinnert sie sich. Geschmückt hatte ihn jeweils die Mutter, während sie und die zweitjüngste Schwester im Zimmer warteten. Wenn die Mutter mit der Glocke klingelte, liefen die Mädchen in grosser Eile auf den Dachboden, um das Christkind zu sehen, welches vom «Lohof» her geflogen kam. «Dies war für uns der aufregendste Moment des Tages. Wir glaubten fest daran und dachten, das Engelein tatsächlich gesehen zu haben», sagt sie.

In Prospekten schwelgen

Die Geschenke für die Kinder beschränkten sich meistens auf ein neues Hemd und ein Paar neue Unterhosen. In einem Jahr erhielten Joss und ihre Schwester jedoch jede eine Puppe. «Mein Bäbi war gekleidet wie ein Matrose», erinnert sie sich. Obwohl die beiden Mädchen wussten, dass die Familie kein Geld für teure Geschenke hatte, verbrachten sie die Nächte vor Weihnachten damit, im Weihnachtsprospekt von Jelmoli zu blättern. Dieser wurde schon vor dem Krieg bis aufs Land hinaus versandt. Da sie wussten, dass ihnen die Eltern diese Geschenke niemals kaufen konnten, hätten sie sich immer gesagt: «Das hier kaufen wir uns, wenn wir gross sind. Und das hier auch.» Die Familie feierte Weihnachten an Heiligabend, etwas Besonderes gekocht hätten sie aber nie. Erst als Joss 1951 nach Dietikon zog und 1954 heiratete, veranstalteten sie und ihr Mann ein traditionelles Weihnachtsessen. Heute wohnt sie im Alterszentrum Ruggacker. Bis vor neun Jahren assen Joss und ihr Mann jede Weihnacht mit der Familie ihrer Nichte – sie selbst hatte keine Kinder.

Am 25. Dezember veranstaltete die reformierte Kirche in Endingen jeweils ein Krippenspiel mit den Sonntagsschülern. Joss kann sich aber nicht mehr erinnern, welche Rolle sie gespielt hatte: «Es war bestimmt keine Figur mit Text, ich war schon immer sehr scheu.»

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