Schach

«Ich will über den Erwartungen spielen»

Monika Seps aus Oberengstringen

Monika Seps aus Oberengstringen

Obschon die Oberengstringerin Monika Seps beruflich stark eingebunden ist, findet die 25-Jährige immer wieder Zeit, ihrem grossen Hobby zu frönen. Mitte August reist sie nach China an die Universiade, um dort am Schachturnier teilzunehmen.

Monika Seps, Sie reisen Mitte August nach Shenzhen in Südchina, um an der Universiade im Schach teilzunehmen. Waren Sie schon jemals an einem solch grossen Anlass?

Monika Seps: Es ist überhaupt das erste Mal, dass an einer Universiade Schach gespielt wird. Gewisse Sportarten gehören zum festen Kontingent. Das Gastgeberland hat aber die Möglichkeit, gewisse Sportarten ins Programm aufzunehmen. Dieses Jahr ist es unter anderem Schach. Für mich ist das natürlich eine Riesenchance teilzunehmen.

Bei Ihren Erfolgen ist anzunehmen, dass Sie den Sieg anstreben?

Nein, das ist überhaupt nicht realistisch. Ich kenne das Teilnehmerfeld noch nicht, nehme aber an, dass es stark besetzt ist. Die Chinesen gehören zu den Topspielern. Die amtierende Weltmeisterin ist 16-jährig und kommt aus China. Aber wahrscheinlich darf sie aufgrund ihres Alters noch gar nicht mitspielen.

Mit welchem Ziel reisen Sie nach China?

Ich will über den Erwartungen spielen. Jeder Spieler hat eine so genannte ELO-Zahl, welche die Erwartungen in einem Teilnehmerfeld festlegt. Diese Erwartung will ich übertreffen.

Eine ELO-Zahl ist vergleichbar mit Weltranglistenpunkten im Tennis?

Genau. Es ist ein ähnliches System wie im Tennis. Über den Erwartungen spielen heisst also, Punkte dazugewinnen.

Wie bereiten Sie sich vor, damit Sie dieses Ziel erreichen? Sie arbeiten zu 100 Prozent.

Ich merke, dass mir derzeit die Spielpraxis fehlt, weil ich nicht mehr so oft dazu komme, an Turnieren teilzunehmen. Deshalb versuche ich, einerseits an den Wochenenden zu trainieren, und andererseits an Turnieren zu spielen. Es geht mir darum, mich einzuspielen. Ein Teil der Vorbereitung wird aber sicher auch noch vor Ort stattfinden – also in den Tagen vor dem Turnier. Zudem findet während eines Turniers immer eine Vor- und Nachbearbeitung einer Partie statt.

Wie muss man sich dieses Training vorstellen, mit einem Trainer oder einem Schachcomputer?

Ich bin Mitglied im Schachklub Réti in Zürich. Dort gibt es Klub-Abende, an denen sich ein Spieler jeweils mit einem Thema befasst, das er den anderen vorstellt. Das ist ein Training in lockerer Atmosphäre. Gerade aber vor Turnieren bereitet man sich mit dem Computer vor, weil man verschiedene Eröffnungen pauken muss. Es ist tatsächlich mit dem Auswendiglernen von Französischwörtern vergleichbar. Es geht darum, die besten Züge von einer gewissen Variante zu lernen.

Fällt Ihnen das leicht?

Das Auswendiglernen schon. Allerdings vergesse ich es immer wieder.

Sie haben über die sportliche Vorbereitung gesprochen. Haben Sie sich auch speziell auf das Land, China, vorbereitet?

Ich bin in einer speziellen Situation. Letztes Jahr reiste ich drei Wochen durch China. Daher kenne ich das Land bereits ein wenig. Ich war positiv überrascht. Ich mochte das Essen sehr gerne und habe auch sonst keine negativen Erfahrungen gemacht.

Sie können die Reise also entspannt angehen?

Eigentlich schon. Bis zur Abreise habe ich im Geschäft aber noch viel zu tun.

Sie arbeiten bei einer Unternehmensberatung. Was ist Ihr Aufgabenbereich?

Wir haben derzeit verschiedene strategische Projekte bei Grosskonzernen am Laufen. Unsere Aufgabe ist es, die verschiedenen Problemstellungen, für die wir engagiert wurden, zu lösen. Die Projekte sind verschieden umfangreich. Es gibt beispielsweise solche, die wir über mehrere Monate vor Ort begleiten. Bei solchen Projekten sind wir auch für die operative Umsetzung unserer Arbeit verantwortlich.

Das ist ja schon fast so, wie wenn Sie Schach spielen. Sie lernen Eröffnungen auswendig und müssen diese in einem Spiel operativ umsetzen.

Man kann tatsächlich einige Analogien zum Schach ziehen. Beispielsweise, wie man ein Problem angeht. Oft hinkt der Vergleich aber. Eine Schachpartie ist viel schneller beendet als ein Projekt in unserer Firma.

Zudem sind Sie im Schach eine Einzelkämpferin und in der Firma Teammitglied?

Ja, das auch. Aber man vergisst gerne, dass es im Schach viele Teamwettkämpfe gibt. In einem solchen Wettkampf spielt man ganz anders. Der Fokus ist auf das Mannschafts- und nicht auf das Einzelergebnis gerichtet. Es ist aber schon so, dass das Team im Geschäftsleben einen höheren Stellenwert hat. Schach ist eher ein Einzelsport.

Fällt Ihnen dieser Wechsel zwischen Teamwork und Einzelsport schwer oder macht das gerade der Reiz aus?

Ich arbeite sehr gern im Team, was die Firma betrifft. Auch im Schach spiele ich gerne in einer Mannschaft. Dort muss man aber in Kauf nehmen, dass man auf Remis spielt, wenn es dem Team dienlich ist, auch wenn man das nicht immer will. Man will das Teamergebnis nicht durch eigene Risiken gefährden.

Sind Sie eine risikofreudige Schachspielerin?

Ich denke schon. Ich versuche, immer so aktiv wie möglich zu spielen. Das kann aber auch in die Hosen gehen. Allerdings konnte ich dadurch häufig schon starke Spieler schlagen, weil sie danebengegriffen haben.

Das verlangt eine hohe Konzentration?

Das ist so. Eine Partie dauert mehrere Stunden. Da braucht es Konzentration. An der Universiade werden wir zwei Partien am Tag spielen. Das ist eher ungewöhnlich. Ich kenne das vor allem von den Studentenweltmeisterschaften. Wenn die Partien lange dauern, ist man über zehn Stunden am Schachspielen. Das ist extrem intensiv.

Wie bereitet man sich auf solche Situationen vor?

Spitzenspieler sagen einem, dass man körperlich fit sein muss. Ich fahre beispielsweise mit dem Rad zur Arbeit und achte so auf meine körperliche Fitness.

Zehn Stunden bleibt eine lange Zeit. Wird es Ihnen nie langweilig?

Ich bin eher ein ungeduldiger Mensch. Bei mir muss alles möglichst schnell gehen. Aber beim Schach geht die Zeit so schnell vorbei. Man merkt gar nicht, dass man so lange am Tisch sitzt.

Weshalb tun Sie sich das an? Im Job sind Sie voll ausgelastet und in der Freizeit spielen Sie mehrere Stunden Schach.

Für mich ist es wichtig, mehrere Dinge weiterzuverfolgen. Und es würde mir etwas fehlen, wenn ich mit dem Schach aufhören müsste.

In Zeit ausgedrückt, wie viel investieren Sie in Ihren Sport?

Im Schnitt sind es drei bis vier Stunden pro Woche. Wenn ein Turnier vor der Tür steht, ist es viel mehr.

Viel Zeit haben Sie auch in Ihr Studium an der ETH investiert. Sie haben einen Bachelor in Biologie und einen Master in Neuroinformatik. Mit Ihrem jetzigen Beruf hat das nichts zu tun.

Fachlich hat es nichts miteinander zu tun. Ich habe an der ETH aber viel darüber gelernt, sich mit den unterschiedlichsten Problemstellungen auseinanderzusetzen. Die ETH war eine gute Grundlage als Vorbereitung für meine jetzige Arbeit.

Hat es Sie nie gereizt, im Neuroinformatikbereich zu arbeiten?

Die Masterarbeit hat mir sehr viel Spass gemacht. Ich war damals ein Jahr im Forschungslabor des Instituts für künstliche Intelligenz. In der Forschung arbeitet man häufig jahrelang am selben Projekt. In der Beratung hat man mehr Abwechslung. Das hat mich gereizt.

Es werden immer bessere Schachcomputer entwickelt. Viele ehemalige Schachweltmeister messen sich mit solchen Supercomputern. Würde Sie das auch reizen?

Ich habe keine Chance. Nur schon gegen das Standardschachprogramm, mit dem ich trainiere, habe ich keine Chance. Von 1000 Partien würde ich eben so viele verlieren. Schachcomputer haben nur ganz spezifische Schwächen. In solchen Wettkämpfen versucht man, gerade diese Schwächen auszunutzen. Geht es um die analytische Ebene, sind sie viel stärker. Da kann man als Mensch nicht dagegen antreten.

Finden Sie solche Wettkämpfe faszinierend oder einfach eine Spielerei?

Ich finde es faszinierend, wie schlecht die Computer in gewissen Stellungen sind. Es gibt Stellungen, in denen ist die Dame weniger wichtig für das Spiel als der Springer. Das kann der Computer nicht einschätzen, weil er nur die Werte der einzelnen Figuren ausrechnet. Das ist die menschliche Komponente, die in einem Computer nicht abgebildet werden kann.

Sie haben das Verlieren angesprochen. So erfolgreich wie Sie sind dürften es in Ihrer Karriere noch nicht viele Niederlagen gewesen sein?

Kommt darauf an, was man betrachtet. Auf internationaler Ebene hat die Schweiz noch viel Nachholbedarf. In anderen Ländern hat Schach einen viel grösseren Stellenwert.

Woran liegt das?

In China oder Russland gibt es Schachschulen für Kinder. In der Schweiz spielt man Schach nebenher.

Können die chinesischen Spieler vom Schach leben?

Wenn man in Ländern, wo der Lebensstandard nicht so hoch ist, wie in der Schweiz, ein gewisses Niveau erreicht, dann kann man vom Schachspielen leben. In der Schweiz gibt es nicht einmal fünf Profis.

War das für Sie nie ein Thema professionell Schach zu spielen?

Nein, ich könnte davon nicht leben.

Begonnen hat alles damit, dass Sie die Eltern beim Schach beobachtet haben.

Genau. Irgendwie bin ich seither dabei geblieben. Später hat es mir gefallen, dass ich viel reisen konnte. Ich war schon mit 12 Jahren alleine an einer Weltmeisterschaft.

Dann sind Sie durchs Schachspielen schon früh selbstständig geworden?

Auch dadurch, dass ich schon früh mit älteren Spielern zu tun hatte.

Schach als Lebensschule?

Kann man so sagen.

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