Vielleicht auch, um mich solidarisch zu zeigen mit jenen Tausenden Rednerinnen und Rednern in unserem Land, die seit Tagen an ihren Fingernägeln kauend, nach Wörtern und Formulierungen gieren, verzweifelnd manchmal, dann wieder triumphierend, und die morgen vor die Festgemeinde treten, und hoffen, dass ihnen jemand zuhört.

Dutzende von 1.-August-Ansprachen habe ich selbst schon mitverfolgt. Ich bin ein Profizuhörer. Von Berufes wegen brachte ich es auf bis zu drei Reden – an einem Tag. Ich habe Packendes gehört, aber auch Grottenschlechtes. Die schlechten Ansprachen waren leider in der Überzahl. Viele Festredner reden viel, haben aber wenig zu sagen.

Vielleicht bin ich gemein und sie haben einfach meinen Geschmack nicht getroffen. Auffallend aber: Heitere Ansprachen waren ganz wenige darunter. Es scheint, als wollte niemand am Nationalfeiertag witzig sein. Vielleicht aus Angst davor, missverstanden zu werden. Dann lieber ernst, das trifft den Mehrheitsgeschmack. Am besten würdevoll staatstragend. Aber das ist hohe Kunst.

Das Thema. Das ist gesetzt. Natürlich die Schweiz. Was denn sonst am Nationalfeiertag. Doch im Detail wirds schwierig.

Die Schweiz also. Jahr für Jahr kämpfen Rednerinnen und Redner um die Deutungshoheit über unser Land. Im Laufe der Jahre habe ich vor allem eines verstanden: Es gibt mehrere Schweizen. Doch diese Erkenntnis hilft nicht gerade beim Redenschreiben. Denn welche ist meine Schweiz? Will überhaupt jemand meine Schweiz kennen lernen? Hat nicht jeder seine eigenen, zumeist unverrückbaren Vorstellungen?

Ich könnte das Bild der fremden Vögte aufgreifen, welche die Schweiz drangsalieren, wie das die Rechte in diesem Land gerne tut. Ich könnte Solidarität einfordern, wie das die Linke gerne tut. Ich könnte die Einheit beschwören, wie das alle gerne tun.

Ich könnte die Geschichte zitieren. In der Historie nach Metaphern graben, die knallen wie 1.-August-Raketen. Aber welche? Die Mär vom Tell vielleicht? Zu abgegriffen. Der Rütlischwur? Wenn mir sonst nichts mehr einfällt, der Rütlischwur zieht immer. Überhaupt: Die Schweizer Geschichte – viel zitiert an Nationalfeiertagen.

Ein Gedanke von mir: Der 1. August zeigt schonungslos auf, dass an unseren Schulen zwar Geschichte, aber eben kaum Schweizer Geschichte gelehrt wird. So manche Rede liess mich diesbezüglich sprachlos zurück. Schillers Tell kennen alle aus der Primarschule. Nach der obligatorischen Schulzeit kennen die meisten nicht viel mehr. Warum eigentlich? Ist es nicht wichtig, die eigene Geschichte zu kennen? Nur so ein Gedanke.

Probleme, nichts als Probleme. Zum Geburtstag der Schweiz werden verbal vor allem Probleme abgeladen. Ist mir aufgefallen. Nie habe ich jemanden aufrufen hören: Sind wir nicht glücklich?! Glücklich in einem friedlichen Land zu leben, in einem reichen Land, das den Starken alle wirtschaftlichen Möglichkeiten offen lässt und das die Schwachen auffängt.

Wäre doch so schlecht auch wieder nicht, oder? Zu banal? Nicht unbedingt. Immerhin geht es um Emotionen. Das ist gut, um das Publikum zu packen – nach dem Motto: Die Schweiz im Kopf, die Wut im Bauch, das Glück vor Augen.

Wenn eine Aussage hängen bleiben soll, dann greifen Redenschreiber gerne auf Zitate zurück. Nehmen wir stellvertretend für Tausende Möglichkeiten den tschechischen Starökonomen Tomáš Sedlácek. Und was sagt der? Die Menschheit will ständig mehr. Das bringt ihr zwar Fortschritt. Es macht sie aber nicht glücklicher.

Ich finde: Klare, verständliche Aussage. Eine zum Nachdenken. Ist das Ziel des Nationalfeiertags nicht eigentlich, über die Schweiz nachzudenken? Denken – nicht reden.

Ich beschliesse, ich schreibe doch keine Rede. Ich denke lieber nach. In Stille. Die Schweiz ist laut genug – gerade am 1. August.