Mein Ding: Bergsteigen
«Ich werde so lange bergsteigen, bis ich tot umfalle»: Nichts kann den 73-jährigen Schlieremer stoppen

Liana Soliman
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Sobald Horst Schmid vollständig genesen ist, will er wieder bergsteigen.

Sobald Horst Schmid vollständig genesen ist, will er wieder bergsteigen.

Grenchner Tagblatt

«Ich habe nichts gegen den Pilatus. Ich glaube nicht, dass nächstes Mal irgendetwas schiefgehen wird», sagt Horst Schmid. Der 73-Jährige ist leidenschaftlicher Bergsteiger seit knapp 45 Jahren. Vergangenen Monat ist der Schlieremer das vierte Mal den Pilatus hochgestiegen. Doch beim Runtergehen rutschte er auf dem Felsgeröll aus und fiel. «Es war eigentlich ein relativ flacher Abschnitt. Aber solche Dinge geschehen schnell.»

Als Schmid stürzte, versuchte er aufzustehen. Dabei musste er feststellen, dass er sich vor Schmerz nicht bewegen konnte. «Ich bin auf dem Zahnfleisch gekrochen.» Sofort rief er die Rega an. Kurze Zeit später wurde er mit dem Helikopter abgeholt. «Ich verspürte Erleichterung, weil ich wusste, dass mir geholfen wird.»

 Einen atemberaubenden Ausblick auf den Vierwaldstättersee.
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 Das historische Berghotel auf 2'132 Meter über Meer wurde 1890 erbaut und 2010 komplett saniert. Hier kann man sich nach einer anstrengenden Wanderung erholen und verstärken.
 Die Pilatusbahn ist die steilste Zahnradbahn der Welt.
 Das Massiv wird nach der Einteilung des Schweizer Alpen-Clubs zu den Luzerner Voralpen als Teil der Zentralschweizer Voralpen gezählt, nach einer anderen Einteilung auch zu den Emmentaler Alpen.
 Der höchster Punkt ist das Tomlishorn mit einer Höhe von 2'128,5 Meter über Meer.

Einen atemberaubenden Ausblick auf den Vierwaldstättersee.

Zur Verfügung gestellt

Die Diagnose: Schmid hatte sein Sprunggelenk gebrochen und mehrere Bänder gerissen. Da er näher bei seiner Ehefrau Romy Schmid sein wollte, habe er darum gebeten, vom Kantonsspital Luzern ins Spital Limmattal gebracht zu werden. «Das war nur möglich, weil ich noch nicht stationär aufgenommen war.»

«Die Saison kann ich vergessen»

Nun sitzt Schmid mit einem Gipsbein zu Hause fest. «Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich werde so lange bergsteigen, bis ich tot umfalle.» In sechs Wochen komme der Gips wieder ab. Dann müsse er in der Physiotherapie seine Muskeln aufbauen. «Die diesjährige Saison kann ich gleich vergessen.» Wichtig sei aber, dass es ihm bald wieder besser gehe. Er habe von der Rega sogar eine Gute-Besserungs-Postkarte erhalten.

Schmids Ehefrau Romy Schmid zeigt sich eher bedingt begeistert vom Hobby ihres Gatten: «Ich habe keine grosse Freude daran, aber er ist entschlossen.» Sie gibt zu: «Er wäre nicht derselbe Mann, wenn er nicht mehr bergsteigen würde.» Er zappele immer rum und könne auch mit dem eingegipsten Bein nicht ruhig sitzen bleiben.

Das Ehepaar ist schon seit 52 Jahren verheiratet. «Früher sind wir viel zusammen wandern gegangen. Die anspruchsvollen Berge habe ich dann einfach alleine gemacht», sagt der Hobby-Bergsteiger. Je nachdem, welche Route er nehmen möchte, gehe er alleine oder werde begleitet. «4000 Meter hohe Berge mache ich nur in Gruppen. Bei Gletscherwanderungen brauche ich einen Bergführer. Sonst gehe ich immer alleine.»

Gute Ausbildung und Kondition

Bergsteigen gehen kann man nicht einfach so: «Ich habe in einem Kurs die Sicherungs-, Steigeisen- und Klettertechnik gelernt und das Vorgehen in Notfallsituationen geübt.» Man brauche nicht nur eine gute Ausbildung, sondern auch eine gute Kondition. Durch das viele Bergsteigen entwickle man ein stärkeres Bewusstsein und lerne sich selbst besser kennen.
«Ich will nicht um jeden Preis die Spitze des Berges erreichen.» Er kehre sofort zurück, wenn er merke, dass die Wetterbedingungen oder sein physischer oder mentaler Zustand nicht stimmten. «Man muss einen kühlen Kopf bewahren und immer hoch konzentriert sein. In Panik auszubrechen, geht nicht.» Gerade beim Besteigen des Pilatus sei dies wichtig, weil es kein Weg für Normalsterbliche sei. «Da muss man bei jedem Schritt aufpassen, sonst geht es bergab.» Er versuche, die Situation immer wieder neu einzuschätzen und vernünftige Entscheidungen zu treffen.

«Ich merke natürlich, dass das Bergsteigen in meinem Alter anstrengender ist», sagt Schmid. Heute müsse er seine Ausdauer deutlich mehr trainieren, um die Leistung zu erzielen, die er im Alter von 30 Jahren hatte. «Es macht aber immer noch Spass und befreit.»