Urdorf
«Ich muss die Notbremse ziehen»: Brandenberger gibt die Schlüssel zum Gemeindehaus ab

Gemeinderat Christian Brandenberger (CVP) spricht offen über seinen Rücktritt und erklärt, was mit dem «Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen» genau gemeint war.

David Egger
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Christian Brandenberger sitzt in seinem Büro in Urdorf. Das Gerät im Hintergrund ist seine neuste Erfindung – ein Kompostbehälter, der nicht stinkt. Alex Spichale

Christian Brandenberger sitzt in seinem Büro in Urdorf. Das Gerät im Hintergrund ist seine neuste Erfindung – ein Kompostbehälter, der nicht stinkt. Alex Spichale

Alex Spichale

Den Schlüssel zum Gemeindehaus hat er am 20. Dezember abgegeben. Ab 1. Januar ist der Urdorfer Bauvorstand Christian Brandenberger (CVP) offiziell nicht mehr Gemeinderat. Der Firmeninhaber empfängt uns an seinem Firmensitz in der Fadmatt und sagt, wieso er genau zurücktritt und wie er seine sechs Jahre im Amt erlebt hat.

Christian Brandenberger, auf was aus Ihrer Amtszeit sind Sie am meisten stolz?

Christian Brandenberger: Die Gestaltungspläne Uitikonerweg, Spitzacker und Heidenkeller, die wir an der Gemeindeversammlung jeweils sauber durchgebracht haben. Davon ist das Zentrum Spitzacker sicher das Highlight für die Bevölkerung.

Und was war Ihre grösste Niederlage?

Also von meinen Geschäften sind an der Gemeindeversammlung alle durchgekommen.

Sechs Jahre lang war alles perfekt?

Das schon nicht. Von meinem Beruf her bin ich es gewohnt, schnell zu handeln. Die langwierigen politischen und planerischen Prozesse erlebte ich deshalb hin und wieder als ermüdend. Ich war sicher meiner Zeit etwas voraus. Vieles, das ich 2010 als neuer Gemeinderat angestossen habe, kommt jetzt langsam richtig ins Rollen, zum Beispiel der Wirtschaftsraum Nord oder die Digitalisierung der Verwaltung. Um die Realisierung der Projekte, die unter mir anfingen, noch im Amt zu erleben, müsste ich mehrere Amtsperioden anhängen. Bei der Neugestaltung der Birmensdorferstrasse ist Urdorf ja auch schon zehn Jahre unterwegs.

Seine Kunden sind weltbekannt

Christian Brandenberger (52) ist Inhaber und Geschäftsführer der Brandenberger Proe GmbH. Diese entwickelt Produkte wie etwa die neusten Verschlüsse der Sigg-Wasserflaschen oder den Freezyboy, einen Kompostbehälter für die Küche, der dank Kühlung nicht stinkt.

Nach einer Lehre als technischer Modellbauer arbeitete er eine Zeit bei der ABB in Oerlikon (damals BBC). An der Fachhochschule in Brugg-Windisch hat er sich als Ingenieur in der Fachrichtung Maschinenbau weitergebildet.

Vor seinen sechs Jahren als Urdorfer Bauvorstand machte er als Mitglied der Planungswerkstatt Fadächer und als Mitinitiant des Beachvolleyballfelds in der Badi auf sich aufmerksam, das heute noch als Musterbeispiel für Eigeninitiative gilt. Er war 20 Jahre lang beim Volleyballclub Kanti Limmattal, unter anderem als Präsident. Auch heute spielt er regelmässig Volleyball. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Ihr Parteikollege Danilo Follador wird voraussichtlich Ihr Nachfolger. Welche Tipps geben Sie ihm mit auf den Weg?

Sein grosser Vorteil ist, dass er bald pensioniert wird. Ich habe gemerkt, dass es sehr schwierig ist, dieses Amt nebenbei zu machen, vor allem wenn man im 100-Prozent-Pensum arbeitet. Als Bauvorstand sitzt man in vielen Kommissionen, die Raumplanung braucht viel Zeit. Im Oktober war ich etwa im 50-Prozent-Pensum für die Gemeinde tätig, zusätzlich zum Job. Mein Vorteil war, dass ich im gleichen Haus arbeite und wohne. Das Amt ist schwierig auszuüben, wenn man eine Stunde Arbeitsweg oder mehr hat.

Der Gemeinderat tritt nach aussen geschlossen auf. Intern mussten Sie aber sicher kämpfen. Was raten Sie Ihrem Nachfolger in dieser Hinsicht?

Gerade raumplanerische Geschäfte waren oft schwierig ... sie sind im Gesamtgemeinderat nicht immer auf Resonanz gestossen. Zum Beispiel die Erneuerung des Spielplatzes beim Zentrum Spitzacker konnten wir aus Kostengründen nicht verwirklichen. Auch die Migros-Pensionskasse hatte nicht gerade Hand für diese Idee geboten. Eigentlich schade, der neue Spielplatz wäre eine Aufwertung gewesen, von der die Bevölkerung profitiert hätte.

Aber eben: Wie überzeugt man den Gesamtgemeinderat von einem Geschäft?

Man muss nicht nur gut vorbereitet, sondern extrem gut vorbereitet sein. Es ist sehr schwierig vorauszusehen, wie die Diskussion läuft. Man überlegt sich alle möglichen Argumente dafür und dawider, die die anderen Gemeinderäte vorbringen könnten. Und wird dann zum Teil trotzdem von Fragen überrascht, auf die man auf die Schnelle einfach keine Antwort geben kann. Überrascht hat mich auch etwas anderes: In Urdorf bin ich meistens mit dem Velo unterwegs. Die Bevölkerung hat mich aber selten auf der Strasse angehauen und kritisiert, sondern Fragen gestellt und Anregungen gegeben und mich immer sehr fair behandelt. Bei schwierigen Baugeschäften haben wir die Bauherrschaft und die Architekten stets an den Tisch geholt. Es kam äusserst selten vor, dass jemand nach so einem Gespräch das Gemeindehaus unzufrieden verlassen hat.

Eine Frage brennt der Bevölkerung wohl auf der Zunge. Sie treten aus gesundheitlichen Gründen zurück. Ihre berufliche Belastung ist sicher gross. Und welche Krankheit kommt dazu?

Ein Burnout ist ein Thema. Ich habe zuletzt eine solche Belastung gehabt, dass Begleiterscheinungen auftraten. Die Schultern schmerzten, der Rücken, dazu Erkältungen. Ich kenne meinen Körper gut. Es wurde zuviel. Ich wusste, ich muss die Notbremse ziehen, sonst wird es ernsthaft.

Sie haben es also rechtzeitig geschafft.

Ja. Gerade wenn ich denke, was 2017 in der Firma alles auf mich zukommt, auch mit Auslandreisen und geschäftlichen Verpflichtungen. Ich habe also keine Krankheit, aber gemerkt: So geht es nicht mehr weiter. Auch der ständige Wechsel zwischen Arbeit und Amt ist sehr intensiv. Das sind zwei völlig verschiedene Welten.

Haben die Bürger Sie oft auf Ihren Rücktritt angesprochen?

Eher nicht. Weil es um ein gesundheitliches Thema geht, hatten wohl viele Hemmungen, mich genauer auszufragen.

Sie mögen Ihren möglichen Nachfolger Danilo Follador sicher. Würden Sie dennoch eine Kampfwahl begrüssen?

Eine stille Wahl wäre besser, so kann Danilo bald starten. Käme es zu einer Kampfwahl, müssten meine Stellvertreter noch monatelang meine Ressorts betreuen, das wäre eine grosse Belastung. Bei der Gesamterneuerungswahl 2018 ist das Feld ja wieder offen.