In den sozialen Medien hat sich eine Anti-Rassismus-Kampagne wie ein Lauffeuer verbreitet: Der dunkelhäutige Fussballer Dani Alves vom FC Barcelona nahm vor der Ausführung eines Eckballs einen Bissen von einer Banane, die ein Fan nach ihm geworfen hatte. Sofort solidarisierten sich Zigtausende Menschen rund um den Globus mit ihm und stellten als Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit Fotos ins Internet, auf denen sie mit Bananen posierten. So auch die Limmattaler 100-Meter-Läufer Amaru Schenkel, Steven Gugerli, Rolf Malcolm Fongué und Suganthan Somasundaram. Sie haben ihr Statement anlässlich eines Trainings mit der Schweizer Nationalstaffel hinsichtlich der Europameisterschaften im kommenden August im Letzigrund abgegeben.

Im Gegensatz zu den anderen drei ist Schenkel nicht in der Schweiz geboren. Als Kleinkind kam er über ein Hilfswerk aus Togo in die Schweiz, wo er von einer Bauernfamilie in Fehraltorf aufgenommen wurde und mit weiteren adoptierten afrikanischen Kindern aufwuchs. Später kam er in ein Heim für Schwererziehbare in Schattdorf, bevor er im Berner Oberland und in der Stadt Bern lebte. Seit einigen Jahren wohnt der 26-Jährige in Dietikon. Sein Lebensmittelpunkt ist aber Zürich. So findet das Gespräch über Schenkels Erfahrungen mit dem Thema Rassismus und dem Anderssein denn auch in einem trendigen Lokal im Kreis 4 statt. Wie gewohnt erzählt der Sportler ausschweifend, malt gewagte Sprachbilder und springt von einem Gedanken zum nächsten. Sein Essen ist am Ende kalt geworden.

Amaru Schenkel, reizt Sie die Suche nach Ihren Wurzeln in Afrika?

Amaru Schenkel: Diese Frage wird mir oft gestellt…

Waren Sie jemals wieder auf der Krankenstation, wo Sie geboren sind?

Nein. Sehen Sie. Ich bin dort geboren, mehr nicht. An diese Zeit habe ich keinerlei Erinnerungen mehr. Ich bin Schweizer und Zürcher – fertig.

Stört es Sie, auf Ihre Lebensgeschichte angesprochen zu werden?

Die Menschen suchen das Exotische, das Aussergewöhnliche. Aber für mich ist das nichts Spezielles.

In welchen Bereichen sehen Sie sich als Exot?

Im Sport habe ich ein anderes Denken als die meisten in der Schweiz. Ich werde oft als arrogant abgestempelt. Dabei weiss ich nur, was ich will. Wer das verurteilt, muss selbst damit klarkommen.

Was ist Rassismus für Sie?

Ich habe Mühe mit diesem Begriff, denn ich kenne ihn so nicht. Ich empfinde ihn oft als eingeredet. Wenn man jemandem immer wieder sagt, der Mond ist drei- oder viereckig, sieht derjenige ihn irgendwann so. Wir Menschen haben die Tendenz, etwas Neues als anders zu sehen. Ist das Rassismus? Wenn jemand hinkt oder eine komische Nase hat, wird er auch schräg angeschaut.

Wurden Sie schon einmal wegen Ihrer Hautfarbe beleidigt?

Das kam vor. Aber ich wurde häufiger angemacht, weil ich Zürcher bin. Für mich ist das dasselbe.

Wenn Sie das stören würde, könnten Sie umziehen. Sie können sich aber keine andere Hautfarbe zulegen.

Ich habe mich wegen meiner Farbe nie als anders gefühlt oder hatte das Gefühl, ich würde nicht hierher gehören.

Sie kamen im Alter von zweieinhalb Jahren in die Schweiz. Fühlten Sie sich wegen Ihrer Herkunft als Kind anders als Ihr Umfeld?

Das schon. An meinem ersten Schultag hatte ich eine handgreifliche Auseinandersetzung, weil mich ein Mitschüler Neger nannte. Ich schlug ihn – aber nicht, weil mir seine Äusserung besonders wehgetan hatte, sondern, weil von aussen an mich herangetragen worden war, dass dieses Wort etwas Schlimmes sei. Rassismus wird vor allem von aussen geschaffen. Kinder nehmen ihn nicht wahr. Wenn in der Schweiz Rassismus ein Thema ist, muss man sagen: Solche Leute sind einfach dumm – in welchem Jahrhundert leben wir denn? In Ländern wie Polen nimmt das Ganze eine andere Dimension an: Dort ist es wirklich gefährlich, weil es an Weltoffenheit fehlt.

Wurde Ihnen als Kind gesagt, dass Sie anders sind?

Ich glaube nicht, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Gerade in der Schule werden Kinder aus irgendwelchen Gründen gefoppt, das hat nichts mit der Hautfarbe zu tun. Kinder können manchmal sehr grausam und unfair sein.

Verwenden Sie den Begriff Neger?

Nein, es ist kein schönes Wort. Durch die Geschichte ist es negativ behaftet mit Sklaverei und Ku-Klux-Klan. Ich würde mich auch nicht als schwarz bezeichnen, schwarz ist das (zeigt auf einen Stuhl, Anm. d. Red.). Ich bin dunkel. Wenn bei «Chasperli» von Neger die Rede ist, sollte man das aber nicht zu eng sehen. Dahinter steckt bestimmt keine Verletzungsabsicht.

Sie sind häufig in den USA. Welche Erfahrungen machen Sie dort?

In den USA ist es extremer, die Amerikaner sind offen in ihrer Ablehnung. Ein Polizist hat mich grundlos angehalten und mich einfach zusammengeschissen. Meine weisse Kollegin sass hinten im Wagen, liess das Fenster herunter und fragte den Mann, ob es ein Problem gibt. Daraufhin liess er mich weiterfahren. Das ist Rassismus. Ich frage mich oft, warum das gerade in den USA so ist. Nehmen Sie grosse Persönlichkeiten aus Sport und Musik: Michael Jordan, Muhammad Ali, James Brown, Jimi Hendrix – alle sind dunkelhäutig.

Wie sind Sie mit der Geschichte mit dem Polizisten umgegangen?

Es war ein Abenteuer, das mal zu erleben. Ich sagte mir: So funktioniert das also, und habe nicht weiter darüber nachgedacht.

Sie haben in der Schweiz in verschiedenen Regionen gelebt. Wurden Sie unterschiedlich wahrgenommen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Die Region Zürich ist offen, dort ist die Hautfarbe kein Problem. Ich habe eine Zeit lang im Berner Oberland gewohnt. Wenn man da ein Zelt aufstellen würde mit einer Tafel vorn, auf der steht: «Neger im Zelt, fünf Franken Eintritt», würde man gutes Geld verdienen. Mein Vorteil ist: Ich bin Schweizer, spreche dieselbe Sprache, kenne die Volkslieder et cetera. Ich kann mit den Menschen auf Augenhöhe sprechen und so Berührungsängste sofort abbauen. Es kommt vor, dass wenn ich jemandem «Guten Tag» sage, ich meinem Gegenüber ansehe, wie er nachzudenken beginnt à la: schwarz, Schweizerdeutsch, schwarz, Schweizerdeutsch. Berührungsängste vor Neuem und Fremdem sind nicht per se Rassismus. Bei manchen, die Rassismus empfinden, habe ich das Gefühl, dass sie zuerst an sich selbst arbeiten müssen. Damit will ich nicht sagen, dass es allen so geht.

Wie kam es zu dem Foto, auf dem Sie und Ihre Staffelkollegen mit einer Banane im Mund abgebildet sind?

Rolf Malcolm Fongué (ebenfalls ein Sprinter aus Dietikon) fragte mich, ob ich da mitmache. Ein Statement für eine gute Sache abzugeben, ist immer gut. Das Ganze kommt ja vom Fussball. Dort ist Rassismus besonders lächerlich. Der Fussball wurde stark, weil es eine Durchmischung gibt: der Spielstile, aber auch der Spielertypen. Man braucht nur unsere Nati anzuschauen.

Es gibt Menschen, die zählen, wie viele sogenannte echte Schweizer noch in der Nationalmannschaft spielen …

… Das ist einfach nur dumm! Nehmen Sie die Franzosen: Wie viele «echte» Franzosen spielen noch da? Wahrscheinlich keiner. Oder auch die Deutschen: Diese Mannschaften sind nur dank der Mischung so stark. Letztlich ist es wichtig, was jemand im Herzen trägt, was jemand fühlt, wofür er einsteht.

Auch in Ihrem Sport gibt es Klischees. Ihr ehemaliger Nachwuchstrainer Thomas Rymann hat erzählt, dass er nach Ihren ersten Erfolgen von Kadertrainern gehört habe, Schwarze seien zwar schnell, aber faul und machten nur das Nötigste. Wurden Sie auch mit solchen Vorurteilen konfrontiert?

Man hört so etwas, aber direkt zu mir hat es nie jemand gesagt.

Wie begegnen Sie Vorurteilen?

Ich liebe es, wenn mich jemand damit konfrontiert. Dann kann ich denen entgegentreten und den anderen von mir als Person überzeugen. In der Schweiz hat mich auch schon die Polizei rausgenommen und in extra gebrochenem Hochdeutsch angesprochen. Ich antwortete: Grüezi, mein Name ist Schenkel. Man kann so ein mögliches Rassismus-Flämmchen schon im Keim ersticken. Und über Unbelehrbare darf man sich sowieso nicht aufregen.