Handball
«Ich kritisiere mich selber ja auch»

Der Erstligist HC Dietikon-Urdorf wollte in dieser Saison Grosses bewegen. Nun spielen die Limmattaler Handballer gegen den Abstieg. Da stellt sich auch die Frage: Wie gut ist eigentlich Trainer Claude Bruggmann?

Rainer Sommerhalder
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Claude Bruggmann erklärt in einem Time-Out dem Team die taktischen Vorgaben.

Claude Bruggmann erklärt in einem Time-Out dem Team die taktischen Vorgaben.

Picasa

«Gar nicht gut» würde wohl das derzeitige Urteil von Elgadaf Gash lauten. Der Spieler der ersten Mannschaft verliess am letzten Sonntag bereits während der Partie gegen Neuhausen demonstrativ die Stadthalle, wünschte dem Rest der Mannschaft online im internen Team-Chat «noch viel Glück für den Rest der Saison» und ward seither im Training nicht mehr gesehen. «Ich nehme nicht an, dass er nochmals aufläuft», sagt Bruggmann. Gash reagiert auf Anrufe des Trainers nicht, «deswegen ist für mich nicht ganz klar, wo genau das Problem liegt», sagt Bruggmann. Offenbar war der Flügelspieler nicht zufrieden mit seiner Position als Zuschauer auf der Bank. «Es scheint, als hätten die Erwartungen an seine Rolle im Team mit der Realität nicht mehr übereingestimmt», vermutet auch Bruggmann.

Auf Verständnis für sein Verhalten stösst Elgadaf Gash bei seinen Mitspielern nicht. «So etwas macht man im Mannschaftssport ganz einfach nicht», lautet der einhellige Tenor. Was aber halten die Teammitglieder von der Arbeit ihres Trainers? Claude Bruggmann erhält überraschend gute Noten, obwohl den Spielern für die Umfrage Anonymität versprochen wurde.

Er sei menschlich top, sehr gradlinig, jederzeit loyal und leiste einen unglaublich grossen Einsatz fürs Team. «Es wäre völlig falsch, ihm die Schuld in die Schuhe zu schieben», sagt ein Leistungsträger. «Er hat das Beste aus der Situation herausgeholt. Es ist bewundernswert, dass er den Bettel aufgrund der Rahmenbedingungen nicht frühzeitig hingeschmissen hat», meint ein anderer Spieler. Und ein Akteur, der vom Trainer ab und zu hart kritisiert wurde, sagt gar: «Claude hat bei all seinen Entscheidungen richtig gehandelt.» Überhaupt sei er ein Trainer, der vorwiegend das Positive sehe. «Selbst wenn wir einen völligen Stuss zusammengespielt haben, hat er noch Punkte gefunden, die ihm gefallen haben», wundert sich ein Spieler.

Auch von Beobachtern aus dem Umfeld erhält Bruggmann für seine Arbeit gute Noten. Er sei ein autoritärer Trainer, «aber man sieht, dass er weiss, was er macht», sagt ein lokaler Handball-Kenner. Dafür kritisiert er in erster Linie die Mannschaft: «Es braucht jetzt dringend mehr Emotionen im Team», fordert er.

Was es schon seit geraumer Zeit gebraucht hätte, wäre mehr Trainingspräsenz der Spieler. «In kaum einem Training waren wir vollständig», «die Einstellung zum Leistungssport fehlt bei zu vielen von uns» oder gar «jämmerlich» tönte es selbstkritisch. Das Einüben von Spielzügen oder das Erreichen einer wettkampfnahen Intensität waren so schlichtwegs nicht möglich.

Natürlich gab es auch kritische Voten aus der Mannschaft: Bruggmann sei seiner eigenen Linie, die Teamaufstellung aufgrund der Trainingspräsenz vorzunehmen, in den letzten Wochen nicht mehr treu geblieben. Und er habe den Ersatzspielern kaum einmal erklärt, wieso sie nicht eingesetzt würden.

Bruggmann kann diese Kritikpunkte akzeptieren. «Ich kritisiere mich selber ja auch. Wenn ich alles richtig gemacht hätte, dann stünden wir in der Tabelle nicht so weit hinten», sagt er. Er habe versucht, bei der Aufstellung einen Mittelweg zu finden. «Aber letztlich muss ich in dieser Situation jene Leute aufs Feld schicken, mit denen wir gefühlsmässig am ehesten erfolgreich sein können. Es bleibt eine schwierige Gratwanderung.» Und zu den fehlenden Rückmeldungen an die Spieler meint er: «Ich bin vom Typ her nicht der Superkommunikator. Aber ich habe mir für jedes Anliegen eines Spielers Zeit genommen.»

Heute Samstag im Abstiegsduell gegen SG Seen Tigers/Yellow Winterthur (20.30 Uhr, Eulachhalle) müssen definitiv alle an einem Strick ziehen. Um das zu erreichen, hat der Chef sein Team am Donnerstag anstatt fürs Training zum gemeinsamen Abendessen aufgeboten. «Jeder gibt zwar alles fürs Team, aber trotzdem waren wir zuletzt alle ein wenig Einzelkämpfer», sagt Claude Bruggmann. Heute soll das anders sein – auch für den Trainer.

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