Das hätte man nun wirklich nicht erwartet. Auf die Frage, wie das Dietikon seiner Träume aussehen würde, sagt Michael Seiler: «Ich könnte mir ein aufmüpfigeres Dietikon vorstellen.»

Der neue Dietiker Standortförderer schwärmt von kreativen Strömungen, die «eher aus dem Untergrund kommen», sich ausserhalb der Konventionen bewegen, ausserhalb des Mainstreams. Zurzeit sei ihm Dietikon fast etwas zu geordnet: «Es darf ruhig auch mal eine Ecke geben, die sich schräg benimmt.»

Kein übereifriger Verkäufer

Die Antwort zeigt, wieso Michael Seiler kein 08/15-Standortförderer ist. Denn Standortförderung wird gerne mit Wirtschaftsförderung gleichgesetzt und diejenigen, die sie betreiben, wirken nicht selten wie übereifrige Verkäufer, die es allen recht machen wollen. Das kommt nicht bei allen gut an. Er könne das Wort «Standortförderung» langsam nicht mehr hören, kommentierte ein Leser der Limmattaler Zeitung kürzlich online. Michael Seiler sah den Kommentar auch. Er weiss, dass er mit solchen Reaktionen ab und zu rechnen muss.

Immerhin darf er beruhigt sein, dass er selber auf keinen Fall wie ein übereifriger Verkäufer wirkt. Sondern im Gegenteil irgendwie unkonventionell für einen Standortförderer: Wenn der 45-Jährige, der nun seit sieben Monaten für die Stadt arbeitet, von seinem aufmüpfigen Traum-Dietikon schwärmt, hat das etwas erfrischend Eigenständiges. Natürlich schiebt er schnell noch nach, dass er von «konstruktiver Kreativität» spreche und sicher nicht etwa von der Besetzerszene. Das wiederum hätte man ihm jedoch – trotz seines Flairs fürs Originelle – auch wieder nicht gegeben.

Aber dass die Künstler und Kreativen, deren Übernahme von Industriebrachen oft der erste Schritt zur Urbanisierung eines Quartiers ist, langsam ins Limmattal drängen, stellt Michael Seiler erfreut fest. Dietikon habe noch Potenzial für mehr Kreativität, sagt er. Aber es bewege sich etwas, und das finde er gut. So wie er Bewegung und Dynamik generell gut findet.

«Dynamik muss man nutzen», sagt er. Wichtig sei dabei aber, dass man keine unnötige Energie verschwende, weil man alles gleichzeitig wolle. Statt mit dem Giesskannenprinzip überall ein bisschen etwas zu machen, gehe es – in der Standortförderung wie auch generell im Leben – darum, sich zu fokussieren, die Mittel zu konzentrieren und auf ein Ziel zuzusteuern. «Das ist wie bei den vier Himmelsrichtungen», sagt Michael Seiler: «Wenn man versucht, ein bisschen in alle Richtungen zu gehen, bleibt man stehen.»

Was ganz genau denn Dietikons primäres Ziel sein soll, darüber wird viel diskutiert. Und als ob sich die Stadt selber manchmal nicht ganz sicher wäre, was sie denn nun sein wolle, zieht auch sie in ihrem Slogan «Wirtschaftsstandort mit Lebensqualität» in zwei Richtungen gleichzeitig. Klar, das sei ein Spagat, sagt Michael Seiler. Was für die Wirtschaft attraktiv sei, sei nicht zwangsläufig für den Bewohner attraktiv und umgekehrt. Aber das sei ein Spannungsfeld, in der sich jede Stadt bewege. «Es wird erwartet, dass eine Stadt ein bisschen alles ist», sagt er. «Diesen Spagat muss man machen können.»

Michael Seiler scheint genug flexibel für diesen Spagat. Mit einem beruflichen Hintergrund, der eine kaufmännische Ausbildung und eine spätere Weiterbildung zum Betriebsökonomen beinhaltet, wie auch Erfahrung in den Bereichen Werbung, Consulting, Marketing und Kommunikation, bringt er beste Voraussetzungen dafür mit.

«Nicht werden wollen wie Zürich»

Was will er selber für Dietikon? Er wisse zumindest, was er sicher nicht wolle, sagt er: «Dietikon soll nie werden wollen wie Zürich oder überhaupt versuchen, jemanden zu kopieren. Wir müssen uns selbst bleiben.» Deshalb will er sich vor allem darauf konzentrieren, das bestehende Potenzial zu nutzen, wie er sagt: «Wir müssen nicht ein Produkt erfinden, sondern das Existierende bündeln.» Daneben könne man auch, gerade im Bereich Wirtschaft, gezielt Potenzial schaffen – beispielsweise indem man eine Branche, die man gerne verstärkt ansiedeln möchte, «infiltriert».

Die beste Chance für eine Steigerung der Lebensqualität sieht er im Zentrum, dem er «mehr Leben einhauchen» will. Erstaunlicherweise nennt Seiler, der selber mitten im urbanen Zürcher Kreis 5 wohnt, denn nebst dem Limmatfeld das von vielen geächtete und als Sorgenkind bekannte Zentrum sogar als einen seiner Lieblingsorte in Dietikon. «Es hat etwas Weitläufiges und für mich überraschend Grossräumiges.» Sowieso überrasche Dietikon ihn immer wieder. Dasselbe kann man auch über ihn sagen.