Oberengstringen
«Ich kenne die Menschen hier als offen und modern»

Nach der Kritik aus SP-Kreisen geniesst Yvonne Apiyo Brändle-Amolo grossen Rückhalt.

Alex Rudolf
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Yvonne Apiyo Brändle-Amolo habe die Menschen in der Schweiz als «sehr offen und modern» kennen gelernt. Foto: Jiri Reiner

Yvonne Apiyo Brändle-Amolo habe die Menschen in der Schweiz als «sehr offen und modern» kennen gelernt. Foto: Jiri Reiner

Jiri Reiner

Nachdem Yvonne Apiyo Brändle-Amolo wegen ihrer bevorstehenden 1.-August-Rede in Oberengstringen angefeindet worden ist, erhält sie nun viel Zuspruch. Das tut Brändle-Amolo gut: Am Sonntag hatte die gebürtige Kenianerin mit Schweizer Pass eine Statusmeldung auf Facebook publiziert, in der sie enttäuscht von negativen Reaktionen schrieb, die sie nach der Bekanntgabe ihres Auftritts erhalten habe.

Der Vorstand der Oberengstringer SP bestätigte diese Reaktionen am Montag gegenüber der Limmattaler Zeitung. Kritische Aussagen seien gar von einer älteren Sozialdemokratin gekommen, die fragte, warum denn ausgerechnet eine Rednerin mit dunkler Hautfarbe habe engagiert werden müssen. Das tat Brändle-Amolo doppelt weh, ist sie doch Präsidentin der SP Kreisgemeinde Weiningen. Sie konterte daraufhin: Trotz dieser Reaktionen fühle sie sich geehrt, die Rede halten zu dürfen.

«Gewohnheiten lassen sich ändern»

Viele Online-Leser der Limmattaler Zeitung nutzten die Kommentarfunktion der Website, um Brändle-Amolo Mut zu machen. So hält Leser «Kusel» fest, dass Hautfarben im Jahr 2015 egal seien. Johannes Bader bezog sich auf die Jodel-Vergangenheit der SP-Politikerin. «Warum um Himmels willen soll eine begabte Jodlerin nicht eine 1.-August-Ansprache halten?», fragt er. Er verstehe durchaus, dass es für ältere Menschen gewöhnungsbedürftig sein könne, eine schwarze Frau am Rednerpult zu sehen. «Aber Gewohnheiten lassen sich ändern», schreibt er. Denn: «Mensch ist Mensch. Punkt.»

Auch für Leserin Christine Steffen ist klar, dass die Hautfarbe keine Rolle spielen darf. «Interessiert sich das Volk denn wirklich nur noch für Äusserlichkeiten?», fragt sie rhetorisch. Weiter meint Steffen, dass es Brändle-Amolos Kritikern wohl nicht auf den Inhalt ihrer Rede ankomme. «Es ist viel wichtiger, dass es sich um Schweizer Redner in weissen Hemden und würgenden Krawatten handelt. Die Reden dürfen dann auch völlig inhaltlos sein», so Steffen.

«Zade» hält es für sehr wertvoll, «wenn Parteien gegen den xenophoben Strom schwimmen und Personen ins Rampenlicht stellen, die aus einem anderen Kulturkreis stammen». Leserin Edith Habermann vermutet wahltaktische Überlegungen seitens der SP, denn «Schwarze zu portieren» sei ein Erfolgsrezept der Sozialdemokraten. «Wäre Brändle-Amolo nicht dunkelhäutig und auf der Nationalratsliste der SP, dann wäre sie sicherlich auch nicht Rednerin am 1. August.»

Fehlende Identifikation?

Einzig Heidi Lüthy findet, dass Brändle-Amolo auf ihren Auftritt verzichten sollte. «Die Leute werden sich darüber wundern, dass sie nicht wie eine typische Schweizerin aussieht, und sich nicht damit identifizieren können», moniert sie.

Viel Rückenwind erhält Brändle-Amolo aus der Politik. «Peinlich, peinlich. Und das im Jahr 2015», kommentierte der Oberengstringer Bauvorstand René Beck (CVP) auf Facebook die Ereignisse. Der Zürcher SP-Gemeinderat Pawel Silberring verwies darauf, dass es schade sei, wenn auch Leute aus der eigenen Partei Brändle-Amolo kritisieren. «Es gibt auch bei uns in der SP zu tun auf diesem Gebiet.» Die Vizepräsidentin der MigrantInnen SP Schweiz, Françoise Bassand, kommentiert auf Facebook: «Sie ist Schweizerin und hat etwas zu sagen. Wo ist das Problem?» Der Dietiker Gemeinderat Peter Wettler (ehemals SP) ortet das Problem woanders. «Warum wollen nur so viele Leute von Wilhelm Tell hören?» Seine Vermutung: Die Schweizer brauchen jedes Jahr die Rückversicherung, tapfere Helden und Humanisten zu sein.

Brändle-Amolo selbst ist ob all der Unterstützung gerührt. Sie habe auch viele E-Mails erhalten, in denen ihr Limmattaler Mut gemacht hätten. «Mit so viel Zuspruch hatte ich nicht gerechnet», sagt sie auf Anfrage. Doch bestätigen die Ermutigungen aus dem Internet Brändle-Amolos Bild von der Schweiz. «Ich habe die Menschen hier als sehr offen und modern kennen gelernt.»