Birmensdorf
«Ich hatte klare Vorstellungen über den Restaurantbetrieb»: Die Badi-Frau sagt nach 22 Jahren Adieu

Marlies Graf beendet ihre Pacht des Kiosks in der Badi Geren – sie verabschiedet sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge

Daniel Diriwächter
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Marlies Graf setzt im Kiosk der Badi Geren von Beginn weg auf frische Speisen.

Marlies Graf setzt im Kiosk der Badi Geren von Beginn weg auf frische Speisen.

Daniel Diriwächter

Pünktlich um zehn Uhr hebt sich der Rollladen am Eingang der Badi Geren. Auch wenn sich die Saison bald verabschiedet und das Wetter wenig Sonnenschein verspricht, ist Marlies Graf für einen neuen Tag im Badi-Kiosk bereit. Da klingelt auch schon das Telefon. Es wird gefragt, ob die feine Aprikosenwähe auf der Karte stehe. Das tut sie nicht, aber Graf wird die Wähe trotzdem zubereiten; enttäuschte Gäste will sie vermeiden. Gerade jetzt, im Endspurt, denn es ist einer der letzten Tage für die Pächterin. Nach 22 Jahren sagt Graf dem Badi-Kiosk Adieu.

«Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge», sagt Graf. Der Badi-Kiosk war unter ihrer Leitung nicht nur eine Theke, sondern auch ein Restaurant mit kleiner Karte, das sich als eines der letzten Gartenbeizli von Birmensdorf behauptete. Das Konzept von Graf, mit welchem sie 1996 in ihre erste Saison startete, ist eine Erfolgsgeschichte. «Von Beginn weg setzte ich auf frisch zubereitete Speisen, das haben die Gäste sehr geschätzt.» Neben den Wähen gehörten auch ihr Birchermüesli, das rote Thai-Curry oder die Salate mit der Sauce nach einem Geheimrezept zu den Favoriten der Badi-Besucher. «Eltern haben sich wegen der Sauce oft bedankt, da ihre Kinder die Salate geradezu verschlangen.»

Ein Stückchen Ferien

Graf ist gelernte Köchin und es erstaunt nicht, dass sie ihr Know-how in der Badi umsetzte. «Früher wollte ich gerne Wirtin werden, aber das hat sich nie ergeben», sagt sie. Die gebürtige Luzernerin zog vor 38 Jahren nach Birmensdorf und war schnell Stammgast in der Badeanstalt. «Mit meinen zwei Buben schwamm ich hier oft und war mit dem Betrieb vertraut.» Als die Pacht dann ausgeschrieben wurde, hat sie sich umgehend beworben und bekam die Zusage. «Ich hatte klare Vorstellungen, wie ich den Restaurationsbetrieb leiten wollte», erinnert sie sich. Dazu gehörte auch die Gestaltung der Terrasse, die sie mit gepflanzten Blumen in eine einladende Lounge verwandelte.

Als Pächterin lernte sie im Laufe der Jahre sehr viele Birmensdorferinnen und Birmensdorfer wie auch Leute aus den umliegenden Gemeinden kennen und schätzen. Es sind besonders die Kinder, die ihr am Herzen liegen. Laufe sie durch das Dorf, sagen sie Badi-Frau zu ihr, was sie selbst amüsant findet. «Wenn die Kinder mich sehen, denken sie wohl an ein Stückchen Ferien.» Dass ihr Kiosk aber so gut funktionierte, verdanke sie auch ihrem Team. Graf verfügte über ein beachtliches Netzwerk an Mitarbeitenden, die auf Abruf bereit standen. «Wir waren stets ein lustiges und eifriges Team, dem ich ein grosses Kompliment ausspreche», sagt sie und denkt dabei an jenen Tag, als rund 2500 Gäste die Badi besuchten – ein Rekord. Neun Angestellte waren damals im Einsatz.

Nonstop auf Trab

Nicht zuletzt war es ihr Ehemann Mario Graf, der ihr in den 22 Jahren eine grosse Stütze war. «Ohne ihn hätte ich das nie geschafft», sagt sie. Seit vier Jahren, nach seiner Pensionierung, kümmerte sich Ehemann Graf auch tagsüber mit seiner Frau um das Geschäft, verkaufte Eintritte und erledigte administrative Aufgaben. Schon zuvor schaute er abends in der Badi vorbei und half tatkräftig mit. Es waren lange Tage für das Paar. «In den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass die Arbeit nicht mehr spurlos an mir vorüber ging», so Graf. «Stimmt das Wetter, ist man nonstop auf Draht.» Lärm und Stress waren keine Seltenheit und die Pächterin sah sich zusehends unter Druck. «Mein Plan war, dass ich bis Ende Saison 2018 bleibe, aber ich musste an meine Gesundheit denken.» Das Ehepaar Graf freut sich jetzt auf künftige Sommer in der Schweiz. «In die Berge gehen, wandern, andere Städte besuchen, all das können wir nun machen.»

Seit sich herumsprach, dass Graf den Kiosk verlässt, erhält sie viele Abschiedsgeschenke, Briefe, Zeichnungen und sogar ein eigens für sie verfasstes Gedicht. Auch Ringo Keller, Gemeinderat und Verantwortlicher für das Schwimmbad, bedauert ihren Weggang. «Mit Marlies Graf verlief in all den Jahren alles reibungslos und sie genoss mein vollstes Vertrauen.» Nun sucht Keller andere Interessierte, die die Pacht des Kiosks im nächsten Jahr übernehmen.

Noch aber ist Graf die Badi-Frau – und sie weiss, sie wird das vermutlich in den Köpfen vieler noch eine Weile bleiben. «Mein Mann und ich sind unseren treuen Gästen von Herzen dankbar», sagt sie, ein Abschiedsfest werde es aber nicht geben. «Ich will kein grosses Aufheben um mich machen», sagt sie bescheiden. Viel lieber bereitet sie noch einige zusätzliche Leckereien für ihre Stammgäste vor, wie die Aprikosenwähe.