Wasserball
«Ich habe alles herausgeholt»

Der Dietiker Christian Grau hat sich vom Schweizer Spitzenwasserball verabschiedet und sein Glück in der NLB gefunden.

Raphael Biermayr
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Hat genug von der Tauchstation: Christian Grau will nach zahlreichen Verletzungen während der letzten Jahre jetzt wieder Oberwasser haben.raphael biermayr

Hat genug von der Tauchstation: Christian Grau will nach zahlreichen Verletzungen während der letzten Jahre jetzt wieder Oberwasser haben.raphael biermayr

«Kids play soccer. Boys play ice hockey. Men play waterpolo.» Die Selbstwahrnehmung der Wasserballer ist ausgeprägt hoch. Der zitierte Spruch steht auf dem Shirt von Markus Suter. Der frühere Trainer des WSC Dietikon coacht heute den SCZug in der Promotion Waterpolo League, der vormaligen Nationalliga B. Suters verlängerter Arm im Becken ist ein alter Bekannter aus Limmattaler Tagen: Christian Grau. 2007 wechselte das Talent als bester Schweizer Torschütze der NLB von Dietikon nach Aegeri in die höchste Spielklasse.

Der Aufstieg des einstigen Torhüters war verheissungsvoll, die Zwangspause in der Vorbereitung auf die Saison 2008 wegen einer überlasteten Schulter darob schon bald vergessen. Der Linkshänder hängte sich in den vier Trainings pro Woche rein. 19 Treffer gelangen ihm in der Qualifikation, bald wurde Grau für Zusammenzüge der Nationalmannschaft aufgeboten. Am Horizont stand die B-Europameisterschaft in Lugano, die im Herbst des darauffolgenden Jahres stattfand. Der Primarlehrer Grau brachte die hohen Anforderungen von Arbeit, Leistungssport und Privatleben unter einen Hut. Er war auf der Überholspur.

Zeit für einen Wechsel

Der Crash folgte jäh. Eine Knieverletzung setzte ihn für einen Grossteil der Saison 2009 ausser Gefecht. Bis Frühling 2010 kämpfte er sich nochmals an die Mannschaft heran, bestritt in der Folge 12 Partien für die Aegerer. Die Saisonpause war der Moment für eine Auslegeordnung. «Ein gewisser Verschleiss war nicht von der Hand zu weisen, ausserdem sanken die Ansprüche an einen Lehrer nicht unbedingt», erzählt Grau, «und als dann ein neuer Trainer verpflichtet wurde, war klar für mich, dass es Zeit war für einen Wechsel.»

Für den damals 29-Jährigen war damit auch Zeit für den Abschied von den höchsten Aufgaben – nicht aber von den Ambitionen. Deshalb habe er sich gegen eine Rückkehr zu seinem Stammverein Dietikon – beim Zweitligisten ist er Vizepräsident – und für eine Anheuerung in Zug entschieden. Die erste Herausforderung war allerdings wiederum an seine Geduld gerichtet. Nach zwei Matches mit dem neuen Verein zwangen ihn «brutale» Schmerzen zu einer Operation: Die Schulter hatte sich wieder gemeldet, diesmal mit einem heftigen Knorpelschaden. Heute erinnern ihn eine Schraube im Achselbereich und die ausgedehnten Aufwärmübungen an die harte Zeit im Sport während des ersten Halbjahrs.

Weil die Bizepssehne an einer anderen Stelle befestigt wurde, musste er gewisse Bewegungen neu einüben. «Es war eine erstaunliche Erfahrung, den Arm heben zu wollen, aber einfach nicht zu können, weil das Hirn den Befehl nicht an die richtige Stelle weiterleitet.» Mittlerweile funktioniere alles einwandfrei, Schmerzen habe er keine mehr. «Ich habe meine Hausaufgaben gemacht – besser als manch einer meiner Schüler», ulkt Grau, der im Dietiker Steinmürli-Schulhaus unterrichtet. Wohnhaft ist er nicht mehr im Bezirkshauptort, sondern in Weiningen, der Heimat seiner Frau Nicole, die beiden heirateten im vergangenen Mai. Es liegt folglich auf der Hand, dass er dereinst wieder im Dietiker Fondli auf Torejagd gehen wird, vielleicht als Spielertrainer.

Kein Kandidat für einen Aufstieg

Falsche Hoffnungen seinen Freunden gegenüber wegen des Zeitpunkts seiner Rückkehr will Grau vermeiden: «Ich bleibe noch das eine oder andere Jahr in Zug. Hier kann ich dank eines guten Trainers weiterkommen.» Die Zuger sind mit zwei Trainingseinheiten pro Woche und einer bescheidenen Nachwuchsbewegung kein Kandidat für einen Aufstieg in die NWL, die National Waterpolo League. Die einzige Chance auf eine grössere Wahrnehmung bietet sich durch die mögliche Teilnahme am Final-4-Turnier im Schweizer Cup. Dass er nicht mehr so weit kommen wird, wie er einst war, sei für Grau kein Problem. «Natürlich ist es objektiv gesehen cooler, um den dritten Platz der Schweizer Meisterschaft zu spielen als im Mittelfeld der PWL. Aber wenn man im Wasser ist, zählt eh nur der Sieg, egal gegen wen.»

Auch wegen dieser Einstellung wurde der Limmattaler von Markus Suter zum Captain ernannt. Eine Ehre, die im ersten Moment eine Bürde gewesen sei. «Ich musste mir erst überlegen, ob ich dem als einziger Auswärtiger im Team gerecht werden kann», erklärt er. Genauso aufrichtig sagt der Dietiker, dass er keine Wehmut verspüre, wenn er an die nicht mehr zurückkehrende Zeit im Schweizer Spitzenwasserball denkt. «Ich habe wirklich alles herausgeholt – gerade aus meinem Körper.»

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