Diejenigen, die zweifeln, dass auch hart arbeitende Schweizer Bauern – mindestens 25 Stunden am Tag! – ab und zu eine Pause einlegen können, um zu lachen, zu tanzen oder auch, um sich einfach nur zu betrinken, sollten unbedingt einmal ein Jodlerfest besuchen – wie zum Beispiel das 29. Eidgenössische Jodlerfest vom letzten Wochenende in Davos-Klosters.

Es war natürlich klar, dass ich auf meinem Weg zum Jodlerfest einen kurzen Besuch bei Heidi und Alpöhi beziehungsweise der Autobahnraststätte Heidiland nicht auslassen konnte – sozusagen zur Einstimmung. Fasziniert beobachtete ich, wie ein Bus nach dem anderen auf dem Parkplatz vorfuhr. Leute in aufwendigen, wunderschönen Trachten entstiegen den Gefährten. Als afrikanisch zur Zurückhaltung erzogene Frau kostete es mich zwar einige Überwindung, dennoch ging ich auf eine der Frauen zu, um mich mit ihr zu unterhalten und sie zu ihrer Tracht zu befragen. Sie erklärte mir, dass sie eine Sonntagstracht trage – nicht zu verwechseln mit Werktags- oder Festtagstrachten. Sie erzählte mir weiter, dass die Farbe der Haube darüber Auskunft gäbe, ob eine Frau verheiratet oder ledig sei.

Als ich ihr sagte, dass auch ich auf dem Weg zum Jodlerfest sei, lud sie mich spontan ein, in ihrem Bus mitzufahren. Das erinnerte mich stark an unsere kenianischen Sammelbusse, die auf ihrem Weg von Stadt zu Stadt oft anhalten, um weitere Passagiere an Bord zu nehmen. Ich lehnte lachend und dankend ab, versprach aber, sie oben in Davos wieder zu treffen und auch ihrem Auftritt beizuwohnen. Jetzt erst recht: Ich konnte es kaum noch erwarten, nach Davos zu kommen.

Liebe auf den ersten Blick

Als Sängerin kam ich mit dem Schweizer Jodelgesang erstmals im Jahr 2005 in Kontakt. Ich verliebte mich kopfüber in diese Klänge. Je länger ich mich mit dem Jodeln beschäftigte, umso mehr faszinierte es mich festzustellen, dass trotz aller Verschiedenheiten grosse Ähnlichkeiten zwischen meiner ursprünglichen kenianischen und meiner angenommenen schweizerischen Kultur existieren.

Der schnelle Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme eines Tones findet sich sowohl in der kenianischen als auch in der schweizerischen Volksmusik. Diese Erkenntnis war auch der Beginn meiner immer noch währenden wundersamen Reise, mithilfe des Jodelns mehr über meine beiden traditionellen Wurzeln zu erfahren. Jodeln war in der Schweiz eine Kommunikationsform, die es erlaubte, Nachrichten über weite Distanzen, von einem Berg zum anderen zu senden. Die Höhe der Berge ist insofern wichtig, als dass die Nachricht durch das Echo verstärkt wird und so eine sichere Auslieferung garantiert. Mit der Zeit wurde aus der reinen Kommunikation wunderschöne Musik. Zur Stimme gesellten sich dann auch noch Musikinstrumente wie das Alphorn.

Jodeln findet man auch in vielen kenianischen Stämmen. Auch hier dient das «Alilating» als eine Form der Kommunikation über weitere Strecken. Aber auch bei festlichen Zeremonien wird gejodelt. In beiden Fällen waren es vor allem die Männer, die jodelten. Vielleicht deshalb, weil die Männer unterwegs mit den Tieren waren und die Frauen eher daheim blieben, um sich um die Familie zu kümmern.

Die kenianische Schweizerin in der Tracht erregt Aufsehen

Als ich dann endlich in Davos ankam, stürzte ich mich schnell in meine mitgenommene, für Traditionalisten wohl eher etwas exotisch wirkende Tracht, in der ich dann einige Teilnehmer und Besucher des Jodelfestes interviewte.

Obwohl ich gehört hatte, dass sich das diesjährige Eidgenössische Jodlerfest modernen Formen des Jodelns öffnen wollte, wusste ich dennoch nicht, was mich erwarten würde. Speziell war ich gespannt darauf, wie ich in meiner kenianischen Version einer traditionellen Schweizer Tracht in dieser Hochburg der Schweizer Traditionen ankommen würde. Beim Nähen der Tracht suchte ich nach einem Weg, um einerseits meinen Respekt, meine Liebe zur Schweizer Kultur auszudrücken und andererseits auch meine afrikanischen Wurzeln nicht zu verleugnen.

Beim Erkunden des Jodlerfestgeländes war ich überwältigt von der feierlichen Stimmung, aber auch von der Heiterkeit. Als ich Musikformationen fotografierte, stiess ich auf viel Herzlichkeit. Niemals zuvor wurde ich so oft fotografiert, niemals zuvor wurde ich so oft angesprochen, niemals zuvor erhielt ich so viele Komplimente an einem Tag. Mit der Zeit wurde es extrem schwierig, mich auf meine Interviews zu konzentrieren. Immer wieder wurde ich unterbrochen von Fragen, wann ich denn meinen Auftritt hätte, von Bitten um ein Foto, aber auch von Angeboten, traditionellen Schnupftabak zu versuchen.

Das «afrikanische Buschtelefon» funktionierte gut: Schon bald wusste so mancher von der Anwesenheit der kenianischen Schweizerin in der Tracht. So kam es auch, dass ich ein Mitglied der Stadt-Jodler aus Dietikon kennenlernte, also aus der Region, in der ich lebe. Die Dirigentin Ruth Matter lud mich ein, beim Einsingen vor ihrem Auftritt in der Reformierten Kirche mitzumachen. Die Stadt-Jodler sangen vor und ich wiederholte die Jodelpassagen. Erst hinterher wurde mir klar, dass es sich dabei um eine Art Vorsingen gehandelt hat, um in Zukunft an ihren Proben am Donnerstagabend teilnehmen zu können.

Im siebten Himmel

Als dann der Auftritt der Stadt-Jodler kam, setzte ich mich in die erste Reihe. Die Musik, die ich dann hörte, ihre Klangfarben, ihre Magie zogen mich so in den Bann, dass ich gar nicht bemerkte, dass ich auf einmal direkt vor der Bühne sass. Auch den Richtern erging es anscheinend so, vergaben sie doch in allen drei Wettbewerbskategorien die Note 1 (sehr gut) an die Jodler aus Dietikon: für den Auftritt des gesamten Klubs mit dem Lied «Bis z’friede», das Jodlerduett von Ruth Matter und Isabelle Vock mit dem Lied «Werum ich tue singe» sowie Isabelle Vocks Soloauftritt mit dem Lied «I jutze, will is cha!».

Am letzten Wochenende war ich im siebten Himmel. Ich fand ein Stück Afrika in der Schweiz – farbig, herzlich und spontan.

Mehr zum Jodlerfest finden sie hier.