Am Anfang fehlt nur ein Wort. Zuerst kann sich Auguste Deter nicht mehr an die Namen einfacher Alltagsgegenstände erinnern. Sie füllt die Leerstellen mit Assoziationen, womit die «Tasse» zum «Milchgiesser» wird. Der Ehemann, Klaus Deter, ist besorgt. Zuerst habe sie seinen Hut im Brotkasten versorgt, dann habe sie vergessen, das Bügeleisen auszumachen.

Die Zerstreutheit von Auguste wird plötzlich von Verfolgungswahn und Aggressivität begleitet. Sie schlägt ihn und wirft ihm ein Verhältnis mit der Nachbarin vor. Klaus Deter kennt seine Frau nicht mehr. Er ist verzweifelt, traurig und überfordert. Deshalb bringt er sie zu Alois Alzheimer, einem jungen Oberarzt in der städtischen Irrenanstalt in Frankfurt am Main.

Alzheimer kann keine eindeutige Diagnose stellen, die Krankheit ist im Jahr 1901 noch unbekannt. Es handle sich aber nicht um eine normale Vergesslichkeit; er will Auguste Deter für weitere Beobachtungen in der Klinik behalten. Der Tagessatz beträgt 2 Mark pro Tag, für Klaus Deter eine finanzielle Herausforderung. Doch er hofft auf Heilung. Ein Versprechen, das Doktor Alzheimer dem Ehemann jedoch nicht geben kann: «Eine Theorie haben wir nicht, aber wir arbeiten am Glück.»

Die «Akte Auguste D.», aufgeführt am Donnerstag im Anschluss an die Generalversammlung der Alzheimervereinigung Kanton Zürich im Spital Limmattal in Schlieren, ist ein berührendes Stück. Die Dramaturgin Ulrike Hofmann inszenierte die Geschichte der ersten bekannten Alzheimerpatientin behutsam, als Vorlage diente die um die Jahrhundertwende von Alois Alzheimer verfasste Krankenakte. Anhand von Dialogen, gelesen von Hofmann und dem Schauspieler Basil Dorn, wurden die Zuschauer an die Komplexität der Krankheit herangeführt. Besonders eindrücklich sind die Gespräche zwischen Auguste Deter und Doktor Alzheimer. Die Antworten der Patientin auf die einfachen Fragen zeigen die Tragik der Krankheit. Auf die Frage, wie ihr Ehemann heisse, antwortet Auguste, er sei nicht da. Die Erkenntnis, dass ihr Gedächtnisschwund zum Identitätsverlust wird, ist schmerzhaft. Immer wieder entschuldigt sie sich bei Alzheimer: «Ich bin so verkehrt.»

Eine Sprache des Herzens

Ruth Haunsperger, die als Freiwillige der Reformierten Kirche Besuchsdienste tätigt, kennt einige Menschen mit Alzheimer. Die Lesung hat sie berührt, sagte sie: «Ich habe viele Momente wiedererkannt.» Denn gezeigt wurde auch das Leiden der Angehörigen, die ebenfalls betreut und entlastet werden müssen. Anwesend war auch der Schlieremer Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin: «Mir gefiel, wie gleichzeitig die persönliche und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Krankheit dargestellt wird.» Basil Dorn sagte, im Umgang mit Alzheimer sei das Menschliche entscheidend: «Wir müssen die Sprache der Betroffenen lernen und diese läuft immer übers Herz.»