Natur
«Ich bin sicher kein fanatischer Baumschützer»

Michel Brunner will, dass man den «Baumschätzen» in der Schweiz besser Sorge trägt. Er hat über 3000 Bäume in fast ganz Europa vermessen und fotografisch dokumentiert.

Alfred Borter
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Michel Brunner, 33 Jahre alt und vor allem dank seinen Büchern über Baumriesen als Baumforscher weitherum bekannt, hätte eigentlich zu einer herrlichen Linde im Eggbühl bei Oberengstringen führen wollen, doch dann zeigt er lieber eine mächtige Trauerweide auf einem Privatgrundstück im Zürcher Industriequartier. Rundum werden neue Häuser hochgezogen, und es ist zu befürchten, dass auch dieses Grundstück einmal neu überbaut wird. «Es wäre toll, wenn es gelänge, den Baum zu erhalten», merkt er an. Der Baum sei vielleicht 120 Jahre alt, schätzt er. Für ihn ist dieser Baum der bedeutendste der Stadt Zürich, «und zwar mit Abstand». Er hat einen Umfang von vier Meter und ist damit eine der dicksten Trauerweiden Europas; Brunner kennt nur zwei, die einen noch grösseren Umfang aufweisen, eine in Pforzheim und eine in Wohlen im Aargau. Ausserdem findet er den Baum hier in Zürich einfach schön in seiner Gestalt, die man jetzt, im Winter, besonders gut erkennt.

Der Baum dient einer Kindertagesstätte zum Spielen. An einem Ast hängt eine Kinderschaukel, an einem andern ein Kletterseil. Und man kann sich gut vorstellen, dass sich im Sommer in seinem Schatten gut im Sandhaufen spielen lässt. Die Knospen sind schon sichtbar.

«Man sollte Sorge tragen»

Brunner weiss, wovon er spricht. Er hat Vergleichsmöglichkeiten, hat über 3000 Bäume in fast ganz Europa vermessen und fotografisch dokumentiert. In seinem Buch «Baumriesen der Schweiz» hat er die 200 speziellsten beschrieben, und jetzt arbeitet er an einem grossen Projekt, das ihn noch länger beschäftigen wird, nämlich einem Bauminventar der Schweiz. Dabei geht es darum, die wichtigsten Bäume zu erfassen, nicht zuletzt im Bestreben, dass sie nicht eines Tages der Baumsäge zum Opfer fallen. «Man sollte zu ihnen Sorge tragen», findet Brunner. Auf den Aufruf zur Mithilfe bei der Inventarisation haben sich zum Teil nach seinem Auftritt in der TV-Sendung «Unser Wald» diesen Winter einige Personen gemeldet, die ihn dabei unterstützen.

Eigentlich hat Brunner Grafiker gelernt, was ihm etwa bei der Gestaltung von Büchern nützlich ist. Das Wissen über die Bäume hat er sich autodidaktisch angeeignet. «Speziell dank meinen Buchveröffentlichungen bekomme ich regelmässige Anfragen zum Thema», freut er sich. Manchmal wird er zu Hilfe gerufen, wenn jemand gehört hat, es solle ein besonders schöner Baum gefällt werden, und dann fragt man ihn, ob er wisse, wie man vorgehen könnte, um ihn zu schützen.

Für Brunner ist es erfreulich, dass man sich heute öfter dafür einsetzt, einen Baum nicht einfach zu fällen, wenn das etwa aus Gründen der Verkehrssicherheit der einfachste Weg wäre; oft lässt sich mit einem Baumschnitt den Bedenken Rechnung tragen. Er versichert: «Ich bin sicher kein fanatischer Baumschützer», sondern er sei durchaus der Meinung, dass Bäume geschlagen werden können. Aber die schönsten Exemplare seien so wertvoll, dass man für sie eine Ausnahme machen sollte. Und er stellt fest, dass das Verständnis dafür wächst, auch bei den Behörden.

Besonderes Verhältnis zur Linde

Nicht nur die Wertschätzung gegenüber einzelnen besonders schönen Exemplaren wächst, man weiss auch, dass die Bäume für das Stadtklima von grosser Bedeutung sind. «Zum Glück sind die Schweizer Städte in der Regel stark durchgrünt», hält er fest. Ein besonders gutes Beispiel sei Winterthur.

Sein erstes Buch übrigens war der Linde gewidmet. Zu dieser Baumart hat er ein besonderes Verhältnis. Als Bub war er häufig im Emmental in den Ferien, in Rüderswil, wo die Leuenberger- Linde steht; sie erinnert an den Anführer eines Bauernaufstands Mitte des 17. Jahrhunderts. Sie steht am Anfang seiner Begeisterung für Bäume.

Zürich hat viele besondere Bäume, etwa vor dem Museum für Gestaltung eine Bergulme, von denen es in der Schweiz nicht mehr viele gebe. Auf dem Platzspitz wächst eine grosse Platane, im Löwenbräuareal findet sich eine alte Schwarzkiefer, auf der Blatterwiese beim Chinagarten stehen eine Silberweide und eine Silberpappel beisammen, beim Kunsthaus ist eine Rotbuche speziell sehenswert. Manchmal führt Brunner Exkursionen zu solchen Bäumen durch, auch hält er Vorträge. Sehr gern geht er in Schulklassen. «Die meisten Kinder sind sehr interessiert», hat er festgestellt. Sie stellten Fragen, etwa warum Bäume überhaupt aufwärts wachsen. Nicht immer kann er alle Fragen beantworten: Die Bäume haben auch für ihn noch einige Geheimnisse.

Weitere Informationen unter: www.proarbore.com