Dietikon

«Ich bin nie ganz zufrieden mit dem Fahrplan» — öffentliche Verkehrsmittel sind Dutlers Leidenschaft

Edwin Dutler war schon in seiner Kindheit fasziniert von Eisenbahnen. Heute setzt er sich für die Verbesserung des Fahrplans ein

Edwin Dutler war schon in seiner Kindheit fasziniert von Eisenbahnen. Heute setzt er sich für die Verbesserung des Fahrplans ein

Eisenbahnen, Fahrpläne und alles rund um öffentliche Verkehrsmittel sind Edwin Dutlers grosse Leidenschaft. Mit dem Verein Pro Bahn Schweiz hat der Dietiker erwirkt, dass ab Sonntag ein früherer Zug zum Flughafen in Dietikon hält.

Dietikon erhält mit dem Fahrplanwechsel am Sonntag eine frühere Verbindung zum Flughafen Zürich. Jeweils um 5.18 Uhr wird der Interregio 2155 in Dietikon halten. Diese Änderung des Fahrplans hat Edwin Dutler bewirkt. Als Vorstandsmitglied von Pro Bahn Schweiz, der Interessensvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs, entwirft der Dietiker Vorschläge, wie die Transportunternehmungen ihre Fahrpläne verbessern könnten. Doch wie beurteilt er den neuen Fahrplan? Sind die Anpassungen zufriedenstellend? «Ich bin nie ganz zufrieden mit dem Fahrplan», sagt Dutler lachend. Er sei jedoch gespannt auf den Léman Express, die neue S-Bahn, die in der Westschweiz eingeführt wird.

Und er ist erfreut darüber, dass die frühere Verbindung vom Bahnhof Dietikon zum Flughafen umgesetzt wurde. Dieser Zug bringe viele Vorteile für die Limmattaler Bevölkerung. «Man kann von nun an von Dietikon aus die frühen Morgenflüge erreichen», erklärt der 72-Jährige. Doch insbesondere Arbeitnehmer, die früh in Zürich sein müssen, dürften davon profitieren, dass jetzt noch vor der ersten S-Bahn ein Zug nach Zürich fährt.

Er ist manchmal ein zu grosser Realist

Bevor er den Änderungswunsch beim nationalen Fahrplanbegehren vorbrachte, klärte er ab, ob der Halt in Dietikon überhaupt realistisch wäre. «Mit jedem Halt kommt der Zug zwei Minuten später in Zürich an. Ich musste also darauf achten, dass niemand seinen Anschlusszug verpassen würde.» Ihm liegt viel daran, seine Anliegen auch von Seiten der Betreiber zu betrachten. «Man kann natürlich einfach eine Verbindung fordern und den SBB die Planung überlassen. Doch es macht mir Spass, die Details auszuarbeiten», sagt er. Er wisse aber, dass er manchmal ein zu grosser Realist ist. Beispielsweise halte er es nicht für realistisch, Schnellzüge aus der Hauptspinne in Dietikon halten zu lassen. «Natürlich hätte ich Freude daran. Doch infrastrukturmässig geht es heute leider nicht.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Dutler für Dietikon eine Verbindung zum Flughafen erkämpft hat. Bereits der Interregio 36, der sogenannte «Flugzug», hält dank ihm in Dietikon. «Ich habe vier Jahre lang für den Halt des Interregio 36 in Dietikon gekämpft», sagt er. Doch nicht nur der Dietiker Halt, sondern auch Idee zur Zugverbindung von Basel bis zum Flughafen Zürich stammt aus seiner Feder. «Der Flugzug war mein Werk.» Der Basler und der Aargauer Bevölkerung sei der Halt in Dietikon aber ein Dorn im Auge.

Als Kind kannte er den Fahrplan auswendig

Dutlers Begeisterung für die Bahn begleitet ihn schon das ganze Leben. Als Kind einer Eisenbahnerfamilie war er schon früh fasziniert von Eisenbahnen. Er wuchs in Rorschach am Bodensee auf und konnte von seiner Wohnung aus auf den Bahnhof blicken. Während andere Kinder Fussball spielten, schaute er auf dem Bahnhof den einfahrenden Zügen zu. «Ich wusste genau, wann welcher Zug einfährt und kannte alle Lokomotiven.» Als er älter wurde, wollte er bei der Bahn arbeiten. Doch er erhielt eine Absage. Als die Bahn ihn einige Jahre danach anfragte, ob er für sie arbeiten wolle, lehnte er ab. «Die SBB und ich haben uns leider verpasst.»

Stattdessen absolvierte Dutler 1965 eine Ausbildung zum Informatiker. «Damals gab es nur sehr wenige Informatiker. Der Beruf hatte in etwa den Stellenwert eines Paradiesvogels», sagt Dutler. So entwickelte er unter anderem Programme für eine Schweizer Bank. Als er von seinem Informatikerberuf frühpensioniert wurde, konnte er sein Hobby zum Beruf machen und sich den schweizerischen und den europäischen Bahnnetzen zuwenden.

100000 Kilometer fährt er jährlich mit der Bahn

Dutler ist oft unterwegs. Aufgrund seiner Flugangst legt er auch grosse Distanzen mit dem Zug zurück. «Ich fahre jährlich 100000 Kilometer mit der Bahn», sagt der Eisenbahnenthusiast. Dadurch wisse er sehr viel über die europäischen Bahnen. Neben den Verhandlungen mit den SBB, dem ZVV und internationalen Verkehrsbetrieben, ist er auch als Reiseleiter für Eisenbahn-Erlebnisreisen und als Unternehmensberater bezüglich Fahrplänen tätig. Unter anderem war er bei Stuttgart 21, dem grossen Verkehrsprojekt der deutschen Stadt Stuttgart, als Fahrplanberater im Einsatz.

Zudem arbeitet er seit mehr als 20 Jahren als Fachjournalist. Vier Mal im Jahr bringt Dutler für Pro Bahn Schweiz die Zeitschrift «Info Forum» heraus. Darin schreibt er Artikel zu Themen rund um den öffentlichen Verkehr. Er hat sich bei den Bahnbetrieben einen guten Ruf aufgebaut. Deshalb wird er immer wieder auf Pressereisen eingeladen. «Mein Highlight war die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels, zu der nur einige auserlesene Fachjournalisten eingeladen wurden», sagt er. Früher habe seine Frau ihm mit der Zeitschrift geholfen. Die Pressereisen konnten sie aber nie gemeinsam antreten: «Wir hatten eine klare Arbeitsteilung. Ging es um die Bahn und Kultur, nahm meine Frau teil. Ging es nur um die Bahn, ging ich auf die Reise.»

Seit dem Tod seiner Frau ist er aktiver denn je. «Als Mann, der seine Frau verloren hat, muss man schauen, dass man nicht verkommt», sagt er. Während andere sich darauf freuen, mit 65 Jahren in Rente zu gehen, macht Dutler weiter: Sofern es die Gesundheit erlaubt, wolle er noch längere Zeit für Pro Bahn tätig sein.

Die langfristige Ausrichtung der SBB gefällt ihm nicht

Der Verein Pro Bahn Schweiz wurde 1993 gegründet. Dutler war von der ersten Stunde an dabei. «In anderen Ländern gab es solche Vereine bereits. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, einen Verein in der Schweiz zu gründen.» Einige Jahre lang war er sogar Präsident des Vereins. «Wir arbeiten ehrenamtlich für die Verbesserung der öffentlichen Verkehrsmittel und deren Fahrpläne.» Es ist ihm wichtig, dass Pro Bahn Schweiz auf jeder Ebene mit den Transportunternehmungen kooperiert. Immer wieder treffen sie sich mit Vertretern der SBB und anderen Betrieben, um aufzuzeigen, was noch verbesserungswürdig wäre.

Ausserdem stört sich Dutler an der zu langen Realisierungsdauer der dringenden Projekte. So komme erst mit dem Ausbauschritt 2035 die nächste grössere Fahrplanänderung. «In den 16 Jahren bis dahin finden nur kleine Änderungen statt. Ich denke, dass das in der Agglomeration Zürich zu grossen Problemen führen wird», sagt Dutler. Zudem sei das Schweizer Bahnnetz schon ausgelastet: «Wir haben das Netz ausgereizt bis zum Letzten. Auf dem Papier funktioniert alles perfekt. In der Praxis aber nicht immer. Und ich bin mitschuldig daran.»

Doch es gibt auch Entwicklungen bei den SBB, die Dutler gefallen. So ist er etwa begeistert vom neuen Fernverkehr-Doppelstockzug und vom Giruno, der in Zukunft durch den Gotthard nach Italien fährt. Des Weiteren findet er den neuen SBB-Chef Vincent Ducrot eine sehr gute Wahl. Er habe früher mit ihm gut zusammengearbeitet und sehe in ihm eine kompetente Führungskraft. «Wir waren uns zwar nicht immer einig in den Gesprächen, doch wir fanden stets gute Lösungen.»

Wie zufrieden sind Sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln im Limmattal?

Die Kantonsgrenze erschwert den Ausbau des öV-Angebots

Dietikon sei kein einfacher Ort, um sich für den öffentlichen Verkehr einzusetzen. Zwar sei Dietikon ein wichtiger Knotenpunkt. Doch unglücklicherweise liegt die Stadt zwischen Altstetten und Baden, weshalb sie nicht die Priorität bekäme, die sie verdient hätte. Und noch ein weiterer Punkt erschwere die öV-Förderung in Dietikon: die Kantonsgrenze. «Aufgrund der Nähe zur Kantonsgrenze sind die Planungen doppelt schwierig», sagt Dutler, der seit 46 Jahren in Dietikon wohnt. Als Beispiel nennt er die Bremgarten-Dietikon-Bahn. Dem Vorbild Westschweizer Städte folgend forderte er, dass die Bahn unterirdisch in Dietikon einfährt. Doch diese Idee wurde leider nicht realisiert. «Die Bahn betrifft zu 95 Prozent die Aargauer Bevölkerung. Doch die Kosten hätte mehrheitlich die Zürcher Bevölkerung tragen müssen», sagt Dutler. Er ist überzeugt, dass der unterirdische Bahnabschnitt kein Problem gewesen wäre, würde Dietikon nicht an der Kantonsgrenze liegen.

Im Jahr 2035 soll der Halt des Flugzugs wieder abgeschafft werden. Dutler wird dafür kämpfen, dass Dietikon diese Verbindung erhalten bleibt. Doch die Stadt müsse handeln. «Ich bin nicht ewig hier. Wenn ich morgen unter ein Tram komme, hat der öffentliche Verkehr hier ein Schattendasein.» Deshalb wünscht sich der Eisenbahn-Fachjournalist, dass die Stadt eine Verkehrskommission auf die Beine stellt. «Sie soll nicht nur aus Bahnexperten bestehen, sondern aus vielen unterschiedlichen Leuten, die ihre Ideen einbringen.»

Autor

Manuel Reisinger

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