Intouchables
«Ich bin ins Kino, um mich zu ärgern»

Walter Ehrismann, der querschnittgelähmte Künstler und Schriftsteller, spricht über den Film «Intouchables», der ihn wider Erwarten positiv überrascht hat.

Katja Landolt
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Walter Ehrismann in seinem Atelier in Urdorf. «Das Thema Querschnittlähmung wird in den meisten Filmen falsch oder verlogen dargestellt.» Katja Landolt

Walter Ehrismann in seinem Atelier in Urdorf. «Das Thema Querschnittlähmung wird in den meisten Filmen falsch oder verlogen dargestellt.» Katja Landolt

Der französische Film «Intouchables» ist unglaublich erfolgreich. Das vor allem deshalb, weil er Tabus bricht. Als der vom Hals abwärts gelähmte Philippe in einer Szene mit weit aufgesperrtem Mund von seinem Betreuer ein Stück Schokolade fordert, lacht dieser auf. Seine Antwort: «Ohne Arme keine Schokolade.» Ist das gegen den guten Geschmack oder Humor? Ein Gespräch mit dem querschnittgelähmten Künstler und Schriftsteller Walter Ehrismann.

Herr Ehrismann, darf man Witze über Querschnittgelähmte machen?

Walter Ehrismann: (zischt, pustet zweimal, zischt, pustet zweimal) Was ist das?

Eine Dampflokomotive?

Nein. Das ist ein Querschnittgelähmter, der mit dem Rollstuhl ein steiles Strässchen hinunterfährt. Das Zischen sind die bremsenden Handflächen an den Rädern, das Pusten, wenn er sich auf die verbrannten Handflächen bläst (lacht). Sie sehen, man darf Witze über Querschnittgelähmte machen.

Haben Querschnittgelähmte einen speziellen Humor?

Ja, einen ziemlich bissigen. Das ist nötig. Ich wurde nach dem Unfall zum Zyniker der übelsten Sorte.

Warum hat man als «gesunder» Mensch trotzdem Hemmungen, Witze zu reissen?

Ich frage zurück: Haben Sie schon einmal über den Filmtitel «Intouchables» nachgedacht?

Die «Unberührbaren» ...

Richtig, das ist der Punkt. Im indischen Gesellschaftssystem sind «die Unberührbaren» die unterste Kaste. Das ist der Abschaum der Gesellschaft.

Sie bezeichnen sich als Abschaum?

Ja. In gewissem Sinn.

Warum?

Weil Querschnittgelähmte unberührbar sind. Im Film ist aber nicht nur der gelähmte Philippe unberührbar, sondern auch Betreuer Driss. Diese Bipolarität kommt schön zum Ausdruck. Der Querschnittgelähmte ist unberührbar; er tut nichts und kann ja auch überhaupt nichts tun. Der Betreuer hingegen kommt aus der Pariser Banlieue. Das ist der Abfall der Pariser Gesellschaft. Er ist auch unberührbar. Und diese beiden Unberührbaren finden zusammen und werden ein starkes Team.

Mit was für Gefühlen sind Sie ins Kino?

Ich bin ins Kino, um mich zu ärgern. Ich wollte sehen, was die Filmemacher diesmal falsch machen. Von Filmen, in denen das Thema Querschnittlähmung falsch oder verlogen dargestellt wird, habe ich genug.

Falsch oder verlogen?

Das Thema wird verwässert, die Filme entsprechen nicht der Wahrheit. Die Wahrheit ist brutal.

Wie ist die Wahrheit?

Querschnittgelähmte haben eine Barriere, den Rollstuhl. Bis jemand «Gesundes» diesen überwindet, braucht es sehr viel. Das zeigt sich schon nur in der Kopfposition: Die Menschen stehen und blicken auf den Rollstuhlfahrer hinunter. Wenn sie sitzen, sitzen sie tiefer und schauen hinauf. Das Herabschauen ist demütigend, Hinaufschauen hat etwas mit Anhimmeln zu tun. Und wenn sie sich bücken, um mit einem auf Augenhöhe zu sein, müssen sie den Hintern herausstrecken. Und das will niemand, weil es eine sehr erotische Position ist.

«Gesunde» und Querschnittgelähmte sind nicht auf gleicher Augenhöhe. Ist das das grösste Problem?

Es ist ein grosses Problem, aber nur eines von vielen. Die fehlende Augenhöhe schafft keine Nähe. Und gleichzeitig passiert etwas anderes: In den Augen der Menschen haben Querschnittgelähmte immer etwas Weises. Sie sind mit dem Tod in Berührung gekommen, sind ihm von der Schippe gesprungen. Querschnittgelähmte müssen also mehr wissen über das Leben.

Zurück zum Film. Sie sind mit dem Vorsatz ins Kino, sich zu ärgern. Warum?

Es ist eine Freude, zu schauen, ob es einmal mehr einer nicht geschafft hat, das Thema adäquat anzugehen. Ich wurde aber positiv überrascht, obwohl es im Film mehrere Stellen gibt, an denen man merkt, dass Themen ausgelassen oder überspielt werden. Ich habe diese aber nicht als Mangel empfunden, sondern mich einfach gefragt, wie das und jenes passieren konnte.

Welche Themen werden ausgelassen?

Die zwei Männer gehen Paragliden. Im Film ist nicht zu sehen, wie sie landen. Das wird ausgeblendet.

Ist es denn für einen Querschnittgelähmten möglich, zu paragliden?

Ja, das wird auch angeboten. Es ist eine Möglichkeit, an die Grenzen zu gehen.

Braucht man als Querschnittgelähmter das «an die Grenzen gehen» vielleicht noch stärker als ein «gesunder» Mensch?

Ja, einerseits können wir den Körper so richtig spüren. Es geht aber hauptsächlich darum, über der Sache zu stehen. Darum geht es beim Fliegen. Fliegen ist etwas vom Gewaltigsten. Das Gefühl zu schweben ist unglaublich. In der Psychotherapie ist es ein gängiges Spiel, zu fragen, welches Tier man ist. Ich bin eindeutig ein Adler. Über der Sache stehen, beobachten, entdecken, herunterstechen und zuschlagen.

Warum wollen Sie ein Tier sein, das fliegen kann? Warum nicht eines, das rennt?

Laufen ist gar kein grosses Bedürfnis. Das tönt komisch, ist aber so. Laufen kann jeder Idiot. Aber fliegen nicht und über der Sache stehen auch nicht.

Trotz der kleinen Unvollständigkeiten waren Sie vom Film positiv überrascht.

Ich war auf eine Art überwältigt. Und ich habe mich zu Hause an den Computer gesetzt und vielen Leuten geschrieben, dass sie sich den Film anschauen sollen. Ich habe noch nie so viele Rückmeldungen bekommen.

Warum hat Ihnen der Film gefallen?

Der Film macht nicht traurig und er ist nicht peinlich. Obwohl peinliche Sachen vorkommen. Etwa auf die Toilette gehen. Jemand, der gelähmt ist, spürt in der Regel nicht, wann er auf die Toilette muss. Ihn auf die Toilette zu setzen, reicht nicht, man muss den Stuhlgang von Hand holen.

Würden Sie das wollen?

Nein.

Eben. Wir sind die «Intouchables», die Unberührbaren. Man will als «Gesunder» zwar nett sein und hat ein soziales Gewissen, ist vielleicht sogar ein wenig romantisch und tut Gutes. Aber Dinge wie auf die Toilette gehen oder die sexuelle Erregung, die nicht mehr möglich ist; das sind Barrieren. Die Leute wollen einem Querschnittgelähmten zwar zeigen, dass er für sie auch nur ein Mensch ist. Aber das ist alles Mist. Es geht um ganz elementare Dinge, wie eben beispielsweise Sexualität. Mit diesem ganzen Hintergrundwissen werden sie aus Sicht der anderen unberührbar, unrein.

Sie haben gesagt, diese elementaren Dinge würden in anderen Filmen ausgeklammert. Warum stört Sie das?

Diese romantische Sichtweise ärgert mich. Nebst auf die Toilette gehen und der Sexualität ist der dritte Punkt der Tod, insbesondere Suizid. Diese Themen werden ausgeklammert, aber diese Themen sind – wie gesagt – elementar. Das Laufen ist dagegen ein Klacks.

Wie soll man mit Ihnen umgehen?

Ganz normal.

Was ist ganz normal?

Man darf mir auch «Arschloch» sagen. Wer mich mit Samthandschuhen anfasst und alles auf die liebe Tour macht, ist verlogen.

Wehren Sie sich, wenn Ihnen jemand verlogen vorkommt?

Ja, und zwar recht kalt. Ich bringe ihn auf den Punkt, damit er sich selber durchschaut.

Können Sie nicht verstehen, dass man gar nicht weiss, wie man mit Ihnen umgehen soll?

Niemand weiss, wie mit Querschnittgelähmten umgegangen werden soll.

Es gibt sicher auch Querschnittgelähmte, die es einem übel nehmen würden, wenn man sie ganz normal behandeln würde. Vielleicht gibt es solche, die sich Mitleid wünschen.

Davon bin ich nicht überzeugt. Die Querschnittlähmung ist keine Krankheit. Es sind meistens junge, gescheite Leute, die das Schicksal erleiden. Sie machen einmal im Leben einen falschen Schritt, landen im Rollstuhl. Aber danach sind sie im Prinzip gesund.

Würden Sie sich jemanden wünschen wie den Assistenten aus dem Film?

Nach meinem Unfall habe ich niemanden gebraucht, ich war jung, konnte das Meiste selber machen. Ich konnte mich anziehen, alleine auf Toilette, konnte sogar noch Auto fahren.

Betreuer Driss macht sich im Film nicht nur über den querschnittgelähmten Philippe lustig, sondern auch über Kunst. Wie denken Sie da als Künstler darüber?

Ich kann über solche Sachen lachen. Ich wehre mich dagegen, dass man sich über Kunst nicht lustig machen darf. Ein roter Fleck auf einer Leinwand ist keine Kunst.

Was hat Ihnen am Film am meisten Eindruck gemacht?

Was mir gefallen hat, ist der Respekt. Der Respekt, mit dem die beiden miteinander umgehen. Die zwei siezen sich beispielsweise bis zum Schluss. «Sie» ist eine Form von Distanz. Und das vermisse ich in der heutigen Zeit schwerstens. Es wird viel zu viel auf oberflächliche Nähe gemacht. Nähe aber muss wachsen, genauso wie gegenseitiger Respekt.