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«Ich bin halt nicht der grosse Redner»

Der angehende Büroassistent Haci Köse besucht das Monatstreffen der Stiftung Chance in Schlieren. Er und die 13 weiteren Lernenden absolvieren beim Lehrbetriebsverbund der Stiftung Chance eine zweijährige Berufsausbildung.

Nicole Emmenegger
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Limmattaler Zeitung

Was tun Teenager, wenn sie einen Tag lang auf Pendlerzeitungen, Fernsehen, Handy und Internet verzichten sollten? Leiden, sich langweilen und spätestens gegen Abend aufgeben. Es gibt aber auch Ausnahmen, wie sich bei einem eintägigen Experiment der Stiftung Chance in Schlieren zeigte. «Ganz ehrlich? Mir ging es super. Normalerweise checke ich während der Arbeit sechs, siebenmal pro Tag die aktuellen Nachrichten auf dem Internet. Darauf zu verzichten war befreiend», sagt ein junger Mann im Anzug am Monatstreffen des Lehrbetriebsverbunds der Stiftung Chance. «Ich lese im Geschäft ohnehin immer die NZZ. Ich habe die Online-News überhaupt nicht vermisst», meldet sich eine junge Frau. «Ach, du kannst lesen?», neckt einer. «Besser als du!», gibt sie zurück. Der angehende Büroassistent Haci Köse, der seine Ausbildung bei der katholischen Kirche in Dietikon macht, verfolgt die Diskussion mit aufmerksamem Gesichtsausdruck, bleibt aber still.

Teamgefühl gestärkt

Er und die 13 weiteren Lernenden, die sich am Treffen unter der Leitung von Beraterin Sanja Bodenmann austauschen, absolvieren beim Lehrbetriebsverbund der Stiftung Chance eine zweijährige Berufsausbildung (die az Limmattaler Zeitung berichtete mehrfach). Diese schliesst mit dem eidgenössischen Berufsattest ab und richtet sich an Jugendliche, die längere Zeit erfolglos nach einer Lehrstelle gesucht haben – zum Beispiel aufgrund einer Lernschwäche. Zur speziellen Betreuung durch den Lehrbetriebsverbund gehört, dass sämtliche Lernenden alle zwei Monate in einem Kurszimmer an der Grabenstrasse in Schlieren zusammentreffen. «Ein Ziel der Monatstreffen ist es, dass unsere Lernenden sich regelmässig sehen, ihre Erfahrungen austauschen und ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln. Sie arbeiten in verschiedenen Betrieben und besuchen unterschiedliche Berufsschulen im Kanton Zürich», sagt Christoph Meier-Krebs, Leiter des Lehrbetriebsverbunds bei der Stiftung Chance.

Ein weiteres Ziel der Monatstreffen: Die Lernenden setzten sich laut Meier-Krebs mit Themen auseinander, die in der Arbeitswelt und in der Berufsschule wichtig sind. «Wir üben mit ihnen zum Beispiel für die Lehrabschlussprüfung, vermitteln ihnen Lerntechniken oder besprechen in der Gruppe Themen wie die Pausenregelung am Arbeitsplatz.»

Im Kurszimmer ist die Diskussion über Handy, Internet und Facebook derweil in vollem Gange. Auf dem Hellraumprojektor erscheint ein Zitat, das einer der Lernenden verfasst hat – zum Versuch, einen Tag lang auf neue Medien zu verzichten: «Um 20 Uhr musste ich das Handy einfach anschalten und meine SMS lesen. Ach, war das eine Erleichterung! Um 24 Uhr ging ich dann auch noch auf Facebook. Das war der Höhepunkt dieses Tages!» Mitfühlendes Nicken, vereinzelt aber auch Kopfschütteln bei den Jugendlichen. «Ich habe kein Facebook-Profil mehr. Es hat mich genervt, dass viele Leute dort echt unnötige Dinge schreiben. Warum müssen 600 Leute lesen, dass einer jetzt duschen geht?», fragt eine junge Frau.

«Ein schönes Gefäss»

Das Fazit der rund zweistündigen Diskussion: Die neuen Medien bieten neue Möglichkeiten, lenken aber auch vom Familienleben oder von der Arbeit ab. «Es ging mir darum zu zeigen, dass die Arbeit gestört wird, wenn man alle zehn Minuten aufs Handy schaut», sagt Berufsbildnerin Sanja Bodenmann. Für sie sei das Monatstreffen ein «schönes Gefäss», weil man die einzelnen Jugendlichen durch die Gruppendiskussionen nochmals anders und besser kennenlerne. Und wie hat sie den Dietiker Haci Köse bisher erlebt? «Er ist ein aufmerksamer Zuhörer, aber eher ruhig. Wenn er etwas sagt, dann ist es überlegt», so Bodenmann.

«Ich bin halt nicht der grosse Redner», sagt der 18-Jährige, als er nach dem Monatstreffen seine Schreibsachen zusammenpackt. «Ehrlich gesagt würde ich lieber arbeiten, als an den Treffen teilzunehmen.» Wie er das aktuelle Experiment erlebt hat, erzählt er dann aber doch: «Zuerst war ich vorbildlich: Ich war bei einem Kollegen zu Besuch gewesen. Als ich nach Hause ging, bemerkte ich, dass ich etwas bei ihm vergessen hatte. Statt ihm schnell eine SMS zu schreiben, ging ich noch einmal zurück.» Am Abend sei er dann allerdings schwach geworden: «Mir war langweilig, und ich wollte kein Buch lesen. Irgendwann habe ich das Handy ausgepackt und meinen Freunden SMS geschrieben.»

Die az Limmattaler Zeitung begleitet den Dietiker Haci Köse (18) während seiner zweijährigen Ausbildung zum Büroassistenten im Lehrbetriebsverbund der Stiftung Chance.