Der Kriegs-Alltag

Hunger und Armut: In der Not rückten die Menschen im Limmattal zusammen

Ab 1917 begann der Schlieremer Gemeinderat, Pflanzplätze zu verpachten. Das Bild zeigt eine Ernte auf dem Bürgerland im Rohr.

Ab 1917 begann der Schlieremer Gemeinderat, Pflanzplätze zu verpachten. Das Bild zeigt eine Ernte auf dem Bürgerland im Rohr.

Je länger der Krieg dauerte, desto mehr spitzte sich die Lage der Bevölkerung zu. Die Behörden hatten keine Erfahrung mit Preiskontrollen und Rationierungsmassnahmen. Oft sprangen karitativ tätige Vereine ein, um die grösste Not zu lindern

Die Männer waren weg, abgezogen zur Grenzbesetzung. Die militärische Mobilmachung Anfang August 1914 ging ohne grössere Probleme über die Bühne. Anders verlief die Umstellung für jene Menschen, die in den Dörfern zurückblieben und dort den Alltag meistern mussten. Viele Arbeitskräfte fehlten. Nicht nur in den Fabriken in den bereits industrialisierten Orten wie Dietikon oder Schlieren, sondern auch auf den vielen Bauernhöfen, die damals im Limmattal noch existierten.

Damit auch diese Betriebe weiter funktionierten, mussten Frauen, Kinder und ältere Menschen einspringen.

Das waren indes nicht die einzigen Sorgen, welche die Menschen plagten. Die Behörden verfügten noch über keinerlei Erfahrungen mit Preiskontrollen und Rationierungsmassnahmen.

Bereits bei Kriegsausbruch kam es deshalb in Dietikon zu Hamsterkäufen, wie der Dietiker Journalist Jakob Grau in seinen Erinnerungen schreibt. Mit Wäschekörben und Leiterwagen seien die Menschen angerückt und hätten die Krämerläden gestürmt. Ähnliche Szenen haben sich so auch in Zürich abgespielt.

Suppenanstalt linderte die Not

Die Lebensmittelknappheit hatte zur Folge, dass die Preise anstiegen, die Löhne aber nicht mithalten konnten. Erschwerend kam hinzu, dass die Soldaten während ihrer langen Dienstzeit keinerlei Entschädigung für ihren Lohnausfall erhielten. Vor allem Lohnarbeiter traf es hart. Im Gegensatz zu den Bauern hatten sie keine Möglichkeit sich zumindest teilweise selbst zu versorgen.

Schon im November 1914 richtete der Dietiker «Hülfsverein» eine Suppenanstalt ein, um die grösste Not zu lindern. Sie war bis im März 1915 in Betrieb. Gemäss dem «Limmattaler» wurden täglich 260 Portionen à sieben Deziliter ausgegeben. Auch der 1907 gegründete Frauenverein betätigte sich karitativ. Die Frauen strickten Socken. Der Gemeinderat ging dazu über, Arbeitslose für Unterhaltsarbeiten einzusetzen. Das grösste Problem war aber nicht die Arbeitslosigkeit, sondern die anhaltende Inflation.

Kein Zucker in den Milchkaffee

Je länger der Krieg dauerte desto mehr spitzte sich die Lage zu. Im ersten Halbjahr 1917 wurden immer mehr Nahrungsmittel wie Brot, Reis, Teigwaren, Butter oder Zucker rationiert. In Restaurants durfte zum Milchkaffee kein Zucker mehr gereicht werden. Um auf die steigende Not zu reagieren, gingen die Behörden in verschiedenen Gemeinden dazu über in den Lebensmittelhandel einzusteigen. So kaufte etwa der Schlieremer Gemeinderat Ende November 1916 von der Zentralstelle für Kartoffelversorgung 40 Tonnen Kartoffeln, um sie am nächsten Tag der Bevölkerung zum Selbstkostenpreis weiterzuverkaufen, wie es im Schlieremer Jahrheft von 1993 beschrieben wird.

Eine weitere Massnahme die Versorgungsnot zu lindern, bestand darin Pflanzland an bedürftige Familien zu verpachten. In Schlieren meldeten sich innert kürzester Zeit 100 Interessenten, um das Land im Rütirain und in der Lachern zu bewirtschaften. Dies dürfte die Geburtsstunde der noch heute existierenden Familiengärten gewesen sein. In Dietikon nahm die Suppenanstalt Ende 1917 wieder ihren Betrieb auf. Zu jener Zeit waren 73 Haushalte, also insgesamt 390 Personen bezugsberechtigt. Das entsprach rund zehn Prozent der damaligen Bevölkerung.

Es mangelte in diesen Jahren jedoch nicht nur an Lebensmitteln auch Heizmaterial wurde knapp. In Weiningen wurde die Schule im Winter 1918 an Samstagen jeweils geschlossen, um Brennmaterial zu sparen. Der ausfallende Unterricht musste unter der Woche nachgeholt werden. Zudem wurden die Schüler im Sommer 1917 damit beauftragt Tannzapfen zu sammeln, weil sich da schon abzeichnete, dass das Holz zum Heizen nicht ausreichen würde.

Versorgungsengpässe ergaben sich überdies beim Tierfutter. Pro Pferd und Tag durfte höchstens 1,5 Kilogramm Hafer verfüttert werden, wie aus dem Schlieremer Jahrheft von 1993 hervorgeht. Der Verkauf von Heu über die Gemeindegrenze hinaus war bewilligungspflichtig. Mehrere Gesuche wurden vom Gemeinderat verweigert. Gegen Ende des Krieges, im Frühjahr 1918 war es in der Schweiz obligatorisch, Maikäfer zu fangen. Jene aus dem Limmattal wurden von der Firma Geistlich zu Tierfutter und Dünger verarbeitet.

Vereine mussten kämpfen

Nebst existenziellen Folgen hatten die Kriegsjahre auch Auswirkungen auf weitere gesellschaftliche Bereiche. So litten beispielsweise die Vereine darunter, dass viele Mitglieder im Militär weilten. So stürzte der FC Dietikon in eine grosse Krise während dieser Zeit. Eine Meisterschaft konnte nicht mehr durchgeführt werden. Versammlungen wurden selten abgehalten. Wegen der grossen Not sah sich der Verein gezwungen, den Monatsbeitrag von 80 auf 60 Rappen zu senken. Der Pontonierverein Dietikon beschloss, dass allen Mitgliedern, die längere Zeit im Aktivdienst waren, der Jahresbeitrag erlassen wird.
Trotz aller Sorgen, die der Krieg mit sich brachte, gingen die Menschen in diesen Jahren auch ganz alltäglichen Beschäftigungen nach. So berichtet der Limmattaler im März 1918 von einem wunderschönen Frühlingstag, an dem nicht weniger als 247 Liebespärchen durch den Hardwald spazierten.

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