Dietikon
Hugo Bajocchi führt seit 50 Jahren den Coiffeurladen an der Oberdorfstrasse

Vor dem Spiegel steht eine Schale mit Sugus, in einer Glasvitrine lehnt eine Schwarz-Weiss-Aufnahme eines adretten Jünglings. Mit dieser Frisur mit Wasserwelle hat Hugo Bajocchi bei einem Lehrlingswettbewerb den ersten Preis gewonnen.

Katja Landolt
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Hugo Bajocchi in seinem Coiffeurladen mit dem Interieur von anno 1962.

Hugo Bajocchi in seinem Coiffeurladen mit dem Interieur von anno 1962.

Annika Bütschi

Ein Schritt in Hugo Bajocchis Coiffeurladen an der Oberdorfstrasse in Dietikon ist ein Schritt in eine vergangene Welt. Vor 50 Jahren hat er den Herrensalon übernommen,
50 Jahre alt ist das Interieur. Der Kunde im violetten Plastikmantel, dem Bajocchi gerade die Haare stutzt, ist zwar 65, aber seit 50 Jahren Kunde.
Coiffeur statt Kaufmann
Hier wird nach alter Schule geschnitten. Und rasiert wird noch immer mit Pinsel und Messer - «so, wie man das damals gelernt hat», ruft Bajocchi gegen das Getöse des Föhns an. Damals; Ende der Fünfzigerjahre. Hugo Bajocchi soll Kaufmann werden, so will es der Vater. Als Coiffeur könne man keine Familie ernähren. Das Zahlenbeigen aber stinkt dem Knaben, nach drei Monaten Ausbildung wirft er den Bettel hin und wird Coiffeur. Drei Jahre lang lernt der Brugger in Zürich die Kunst des Haareschneidens; im weissen Hemd, Krawatte und Kittel, in der Brusttasche Schere und Kamm stets griffbereit. «Heiss war das, da lief einem der Schweiss nur so runter», erinnert sich Bajocchi an seine Uniform. Und an seinen Chef: «Am Samstag nach Feierabend musste ich ihm noch das Auto waschen, auch im Winter.» 15 Franken verdient er als Erstlehrjahrsstift pro Monat, im zweiten Jahr 30 und zum Schluss 45 Franken.
Nach dem Lehrabschluss arbeitet Bajocchi ein Jahr lang in einem Coiffeurladen in Wollishofen. Dann absolviert er die Rekrutenschule in Basel; «als Sanitäter, wegen der feinen Hände». Nach der RS bedient er im Geschäft von Coiffeur Klump am Paradeplatz für 125 Franken pro Woche noble Kundschaft. Bis zu dem Tag, als der Chef mit der Coiffeurmeisterzeitung zu ihm kommt und ihm ein Inserat zeigt: An der Oberdorfstrasse in Dietikon ist ein Friseurladen zu vermieten. «Ich wusste bis dahin noch nicht einmal, wo Dietikon liegt», sagt Bajocchi, lacht und kämmt seinem Kunden die Nackenhaare zurecht.
Fr. 4.50 pro Haarschnitt
Am 1. September 1962 übernimmt Bajocchi den Herrensalon bei Friseur Wiederkehr. Blutjung ist er da, erst 21 Jahre alt. Das Geschäft läuft gut. Ein paar Jahre später mietet er auch den Damensalon im gleichen Haus, der bis dahin von Wiederkehr geführt worden war. Bedient werden die Damen von Bajocchis Frau. Er selbst konzentriert sich auf die Herren. Der Laden brummt. Fr. 4.50 kostet der Haarschnitt für Erwachsene, Fr. 2.50 für Kinder. 2 Franken verlangt er fürs Rasieren. Auf der Holzbank, die noch heute unter der Fensterfront steht, sitzen die wartenden Kunden Schulter an Schulter, Oberschenkel an Oberschenkel.
Heute sind es 28 Franken für einen Haarschnitt, den Damensalon gibt es nicht mehr. Viele der Kunden sind gestorben, manche Grossväter kommen mit ihren Enkeln vorbei. Bajocchis Salon ist ein Reich für Herren, ein Reich für drei Generationen. «Früher kamen die Jungen zu mir, weil ich der jüngste Coiffeur war. Heute bin ich der alte Mann», sagt er. Heute kommen die alten Herren.
Bis die Hand zittert
Arbeiten müsste Bajocchi mit seinen 71 Jahren schon längst nicht mehr. Es sei sein Hobby, sagt er. «Und ein paar Franken mehr schaden nicht», von der AHV allein könne er nicht leben. Bajocchi tätschelt dem Herrn auf dem Sessel die Schulter. «Ausserdem habe ich so liebe und treue Kunden.» Solange er nicht zittere oder sonst irgendwie krank werde, werde er hier stehen.
Es hat sich viel geändert in den letzten 50 Jahren; nicht nur der Frisurentrend, auch die Gesprächsthemen: «Früher haben wir uns von Frauen und vom Tanzen erzählt, heute reden wir über Krankheiten», sagt Bajocchi und lacht, der Kunde nickt. Sind Friseure denn die gleichen Klatschtanten wie Coiffeusen? Bajocchi grinst, der Kunde auch. «Natürlich, ich wusste immer, wer gerade mit wem was am Laufen hatte.» Aber, sagt er und hält die Schere wie einen Mahnfinger in die Luft: «Geplaudert habe ich nie. Was hier erzählt wurde, hat den Salon nie verlassen.»