Urdorf
Hoher Besuch eines Geistlichen aus Syrien: «Bereichern ist besser als bekehren»

Patriarch emeritus Gregorios III. Laham aus Syrien sprach in Urdorf über seine Vision für das interreligiöse Zusammenleben und über die Zustände in seinem Heimatsland.

Sibylle Egloff
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Hoher Besuch aus dem Nahen Osten: Der syrische Geistliche weilt auf Einladung des Hilfswerks «Kirche in Not» in der Schweiz.

Hoher Besuch aus dem Nahen Osten: Der syrische Geistliche weilt auf Einladung des Hilfswerks «Kirche in Not» in der Schweiz.

Sibylle Egloff

Die Kirchenglocken verstummen, während die ersten Orgeltöne erklingen. Die Köpfe in der ersten Reihe wenden sich nach hinten. An der Seite von Pfarrer Maximilian Kroiss schreitet Patriarch emeritus Gregorios III. Laham in die Marienkapelle der katholischen Kirche Bruder Klaus in Urdorf.

Der hohe Geistliche aus Syrien feierte am Donnerstagabend den Gottesdienst mit rund 20 Kirchgängern. Lufti Laham, wie das ehemalige Oberhaupt der mit Rom vereinten melkitischen griechisch-katholischen Kirche mit bürgerlichem Namen heisst, folgte der Einladung des Hilfswerks «Kirche in Not» und besuchte diese Woche verschiedene heilige Messen im Kanton Zürich und im Appenzell.

Bei seinen Besuchen berichtete der 85-Jährige, der von 2000 bis 2017 Patriarch von Antiochien und dem ganzen Orient, von Alexandrien und Jerusalem war, von der Lage der Menschen in seiner kriegsgeplagten Heimat.

«Ich freue mich, hier zu sein», sagte Laham. Einen Übersetzer hatte er nicht nötig. Er ist der deutschen und vieler anderen Sprachen mächtig. In seiner Rede bedankte er sich stellvertretend für alle Syrer und auch Iraker für die Spenden aus der Schweiz an das Hilfswerk «Kirche in Not».

Das stellte seit dem Ausbruch des Konflikts in Syrien im Jahr 2011 bereits Beträge in Millionenhöhe für den Lebensunterhalt und die ärztliche Betreuung notleidender und vertriebener Familien zur Verfügung. «Sie schenken uns damit nicht nur Geld, sondern auch Hoffnung», sagte Laham. Das zeige, dass es trotz viel Elend und Krieg Gutes in der Welt gebe. «Es ist ein Zeichen der Präsenz Gottes.»

500 Familien zurückgeholt

Auch der Geistliche engagiert sich seit Jahren für die notleidende Bevölkerung in seinem Heimatland und für die Flüchtlinge aus den Nachbarsländern. Mit seiner Initiative «One room for a family», zu Deutsch «Ein Zimmer für eine Familie», konnte er beispielsweise bereits 500 syrische Familien dazu bewegen, zurück in die Heimat zu kommen.

«Jede Familie erhält kostenlos ein Zimmer, in dem sie schlafen und essen kann. Sie hat nicht viel Platz, aber sie ist in ihrer Heimat in der Nähe von Freunden und Verwandten», erzählte Laham. Die Rückkehr der vertriebenen Christen liegt ihm besonders am Herzen. Deren Anzahl in Syrien habe von 1,5 Millionen vor dem Krieg auf heute 500 000 abgenommen.

«Der Ursprung des Christentums liegt im Nahen Osten. Es ist wichtig, dass die Christen dort präsent bleiben.» 80 bis 90 Prozent Syriens seien derzeit von den Terroristen befreit. Doch damit sich die Gebiete wieder bevölkern können, brauche es die nötige Infrastruktur, Häuser, Schulen und Spitäler. Der ehemalige Patriarch will auch diesbezüglich Abhilfe schaffen und plant Aufbauprojekte.

Was sich der Geistliche für seine Heimat wünscht, ist klar: Frieden. «Die arabische Welt besteht aus 60 Prozent junger Menschen, die im Hass und Elend erzogen wurden.» Das sei der Grund für das Entstehen des Fundamentalismus. «Das erste Wort der Engel an die Menschen war ‹Frieden›. Die Voraussetzung für ein gutes Zusammenleben der Religionen ist der Friede.»

Der ehemalige Patriarch setzt sich nämlich auch für einen guten Dialog zwischen dem Christentum, dem Judentum und dem Islam ein. Um seine Haltung zu unterstreichen, zitierte er den verstorbenen Papst Johannes Paul II.: «Das Wesen eines Menschen ist mit- und füreinander zu sein.» Die drei Religionen hätten so viele ähnliche Werte, die es zu verteidigen und überreichen gebe.

Der ehemalige Patriarch plädierte für Offenheit und Geschwisterlichkeit: «Bereichern ist besser als bekehren.» Dazu erzählte er auch eine passende Anekdote. «Ein muslimischer Sultan aus Oman hat uns 8 Millionen Dollar geschenkt, um ein christliches Zentrum im Libanon aufzubauen. Zudem habe ich Weihrauch von ihm für die Messe bekommen.»

Es seien diese Taten, die ihm zeigten, dass trotz Terror und Hass die Welt noch gut sei und dass die Liebe keine Grenzen kenne – auch keine religiösen.