Unterengstringen
«Hochwasser liess das Boot kentern»

Die Geschichte von Unterengstringen ist für den pensionierten Primarschullehrer Max Fehr längst kein Geheimnis mehr: 44 Jahre lang war er im Ortsmuseum tätig. Von den rund 4500 Gegenständen sind ihm einige besonders lieb.

Carla Stampfli
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Über das Geländemodell «Unterengstringen 1850» weiss Max Fehr viele Ereignisse zu erzählen.

Über das Geländemodell «Unterengstringen 1850» weiss Max Fehr viele Ereignisse zu erzählen.

Von 1970 bis Heute: Das Ortsmuseum Unterengstringen

Um das Kulturleben der Gemeinde Unterengstringen zu bereichern, wurde 1970 auf Anregung des damaligen Gemeindepräsidenten, Jakob Meier, die Kommission für kulturelle Aufgaben ins Leben gerufen. Bereits an der Gründungssitzung wurde unter anderem die Idee eines Ortsmuseums aufgeworfen. Max Fehr, Max Kündig sowie Max Hollenweger nahmen sich dieser Aufgabe an. Drei Jahre später besuchten an Mittefasten über 200 Interessierte die erste Ausstellung. In den Räumen des Luftschutzkellers des neu erbauten Postgebäudes erhielten die Besucher einen Einblick in die Bereiche Acker- und Weinbau, Haus und Küche sowie Fischerei und Feuerwehr. 1976 zog die Ortsmuseumsgruppe um Max Fehr erstmals fremde Exponate bei; unter anderem Dokumente zur einstigen Limmat-Schifffahrt und über das Kloster Fahr. Jahr für Jahr gingen weitere Gegenstände ein, sodass der Platz in den Schutzräumen des Postgebäudes allmählich eng wurde. Um die Arbeiten besser bewältigen zu können, wurde 1978 eine eigene Ortsmuseumskommission gegründet, 1980 zog das Ortsmuseum mit ihrem Sammelgut in das Landhaus zur Weid ein, das zwischen 1711 und 1723 erbaut wurde. Fortan öffnete das Ortsmuseum einmal pro Monat seine Türen und lud die Besucher periodisch zu Sonderausstellungen ein; 2013 wartete es mit dem Thema «Spielzeuge» auf. Seit März dieses Jahres ist das Ortsmuseum Unterengstringen um eine Attraktion reicher: Ein Bienenhaus mitsamt Imkereimuseum lädt Besucher zum Verweilen ein. Heute zählt das Ortsmuseum rund 5000 alte Gegenstände, Schriften und Urkunden, die grösstenteils aus der Zeit um 1850 stammen. (ces)

Max Fehr: Einer der ersten Gegenstände war eine uralte Bibel. Sie war eine Art Familienchronik. Unter anderem enthielt sie ein Dokument, auf dem alle Geburts- und Todesfälle der Nachkommen der Unterengstringer Besitzerfamilie eingetragen waren. In der ersten Lieferung an das Museum war auch das grosse Schaukelpferd dabei, das zurzeit in der Spielzeugabteilung ausgestellt ist.

Gibt es ein Ausstellungsstück, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Das Geländemodell «Unterengstringen 1850» ist mein spezieller Favorit.

Warum?

Weil es viele schöne Erinnerungen weckt. Erstellt hat es unser Mitarbeiter Paul Senn, der mittlerweile verstorben ist. Als das Ortsmuseum 1980 in das Landhaus zur Weid eingezogen ist, begann er mit dem Bau eines Geländemodells, das Unterengstringen im Jahr 1850 darstellen sollte. Das hat uns veranlasst, eine Begleitausstellung zu organisieren. Um uns darauf vorzubereiten, stöberten wir in alten Gemeindeprotokollen. In den Dokumenten wurde unter anderem auch ein grosser Bauernstreit erwähnt.

Ein Bauernstreit?

Im Jahr 1850 haben sich die Unterengstringer Bauern gegenseitig die Quellen abgegraben, sodass teilweise kaum mehr Wasser floss. Das Abzapfen hat zu einem sehr grossen Streit im Dorf geführt. Rechtzeitig zur Sonderausstellung «Unterengstringen 1850» haben wir die Sache aufgearbeitet, Senns Werk hingegen war bei weitem nicht fertig (lacht). Erst 15 Jahre später hat er es fertiggestellt.

Wie wichtig ist das Modell für das Ortsmuseum?

Die meisten Besucher sind überrascht, wenn sie sehen, wie die Landschaft, die heute überbaut ist, früher ausgesehen hat. Oder wie weit das Landhaus zur Weid vom Dorfkern entfernt ist. Ein grosser Teil der Geschichte von Unterengstringen kann anhand des Werks erklärt werden. So gibt es viele Ereignisse, die mit den drei Herrschaftssitzen Sparrenberg, Sonnenberg und zur Weid verknüpft sind.

Können Sie ein Beispiel für ein solches Ereignis nennen?

Das Landgut Sparrenberg gehörte einst dem Gelehrten Johann Heinrich Hottinger. Eines Tages wurde er als Professor nach Holland berufen. Vor der Abreise wollte er seinem Landhaus einen letzten Besuch abstatten. Gemeinsam mit einem Freund fuhr er in einem Weidling die Limmat hinunter. Das Hochwasser führte jedoch dazu, dass das Boot kenterte. An Bord befanden sich auch Hottingers Frau, seine Kinder und seine Magd. Beim Versuch, die Kinder zu retten, sind er und sein Freund ertrunken. Die Frau und die Magd konnten sich am Weidling festklammern und gerettet werden. Der «Sparrenberg» ging später an die Familie Landolt über.

Gibt es einen Gegenstand, zu dem Ihnen eine persönliche Geschichte in den Sinn kommt?

Die Wahlurne. Ich war während acht Jahren Stimmenzähler und nahm an der Urne die Ausweise und Stimmzettel entgegen. Dazumal existierten noch die Dauer-Stimmrechtsausweise. Vor der Abstimmung ging der Dorfweibel von Tür zu Tür und brachte die Ausweise an die Besitzer zurück. Später wurde der Einmal-Stimmrechtsausweis eingeführt. Es gibt aber auch andere Gegenstände, zu denen ich einen Bezug habe. Wenn man sich mit alten Sachen beschäftigt, dann muss man Freude haben.

Woher kommt Ihre Begeisterung für Antiquitäten?

Ich bin als Sohn eines Försters auf dem Land aufgewachsen. Auf unserem Hof gab es viele alte Gegenstände, die mich interessierten. Meine Freude kommt aber auch von meiner Zeit als Primarlehrer. Ich merkte, dass die Kinder begeistert waren, wenn ich ihnen alte Stücke zeigen konnte. Das hat mich zusätzlich motiviert.

Wie wichtig ist es, dass man die Vergangenheit eines Dorfes durch ein Ortsmuseum zugänglich macht?

Zu wissen, wie die Bevölkerung früher gelebt und gewohnt hat, stärkt den eigenen Bezug zur Heimat. Das Ortsmuseum mit den historischen Gegenständen ist auch ideal, um den Unterricht anschaulich zu gestalten. Für meine Schüler war es eine willkommene Abwechslung. Sie haben hier sehr gerne gezeichnet und die Fundstücke beschrieben. Einige Themen habe ich später im Klassenzimmer vertieft.

Die Kinder haben im Ortsmuseum viel über die Geschichte von Unterengstringen erfahren. Was haben Sie in all der Zeit gelernt?

Schwierig zu sagen (lacht). Die Zeit, die ich hier verbracht habe, war für mich wie ein Forschen. Für vieles gibt es Lehrbücher. Wenn es aber um die Geschichte eines Dorfes geht, dann müssen die Themen selber aufgearbeitet werden. Vielmals liess ich auch die Kinder selbst forschen.

Wie zum Beispiel?

Ich stellte den Schülern Fragen wie, «Wofür hat man diesen Gegenstand gebraucht?» oder «Was möchtet ihr über dieses Ausstellungsstück wissen?». So erklärte ich diejenigen Dinge, die sie auch wirklich interessierten. Manchmal tauchten Fragen auf, die ich aus meiner Sicht gar nicht gestellt hätte.

Wie kommt das Ortsmuseum an die antiken Gegenstände?

In den Anfängen schrieben wir gezielt Dorfeinwohner an, von denen wir wussten, dass sie über alte Gegenstände verfügen würden. Danach wurden von verschiedenen Seiten immer wieder alte Sachen ins Ortsmuseum gebracht.

Wann wird ein Gegenstand angenommen, wann nicht?

Die Meinung ist, dass eine Antiquität aus dem Dorf oder der Umgebung stammen muss. Wenn ein Zuzüger aus dem Bernbiet aber ein Stück besitzt, das wir noch nicht haben und das zu uns passt, dann nehmen wir es gerne an. Gegenstände kaufen wir aber keine ab. Vieles bekommen wir auch geschenkt. Das Sammelgut ist eine Mischung aus Leihgaben und Geschenken.

Sind die Gegenstände in einem Inventar aufgeführt?

Ja, jedes Stück ist im Computer mit Foto und einer Beschreibung gespeichert. Auch die Gegenstände im Lager sind registriert. Unsere Sammlung ist mittlerweile auf rund 4500 Stück angewachsen. Die Inventarisierung hinkt jedoch immer ein Stück hinterher.

Haben Sie nebst den zuvor erwähnten Gegenständen auch eine Abteilung, die Sie am meisten mögen?

Die Abteilung des Kunstmalers Otto Baumberger. Momentan sind in diesem Bereich Spielzeuge ausgestellt. Baumberger war vor allem als Plakatkünstler und Buchillustrator bekannt. Er hat über 20 Jahre im Landhaus zur Weid gelebt. Ich habe meinen Kollegen ans Herz gelegt, dass sie seine Werke wieder ausstellen sollten.

Warum?

Zwischen 1930 und 1933 hat Otto Baumberger Bilder von der Umgebung und dem Landhaus gemalt. In dieser Zeit sind über 50 Bleistift- und Farbstiftzeichnungen sowie Aquarelle entstanden. Er hat die Werke in einer Mappe, der sogenannten Weid-Mappe, gebündelt. Die Sammlung hat er später seiner Frau geschenkt. Früher hatten wir jeweils eine Auswahl ausgestellt. Es ist speziell, dass ein Haus in so vielen Kunstwerken verewigt ist. Auch seine Lebensgeschichte ist interessant.

Sie haben sich im Frühling aus der Ortsmuseumskommission zurückgezogen. Wird Ihnen die Arbeit fehlen?

Es sind eher die emotionalen Beziehungen, die mir fehlen werden. Gegen Ende war ich grösstenteils daran, die Gegenstände zu inventarisieren. Mit der Zeit wurde mir das zu viel. Für meine Kollegen stehe ich als Berater aber weiterhin zur Verfügung. Im Lager gibt es haufenweise alte deutsche Dokumente, die in die heutige Schrift übersetzt werden könnten. Wenn sie dabei meine Hilfe brauchen, dann bin ich dabei. Darin bin ich gut geübt.