Birmensdorf

Hélène Vuille über ihr neues Buch: «Beim Schreiben hatte ich oft Tränen in den Augen»

«Ich kann nur über Menschen schreiben, deren Geschichte mich berührt», sagt Hélène Vuille.

«Ich kann nur über Menschen schreiben, deren Geschichte mich berührt», sagt Hélène Vuille.

Menschen statt Zahlen: Die Birmensdorferin Hélène Vuille hat das herzzerreissende Schicksal eines Flüchtlings niedergeschrieben. Kennengelernt hat die Anti-Food-Waste-Aktivistin den Kurden an einer Lebensmittelabgabestelle.

«Ich hatte überhaupt nicht im Sinn, ein Buch über dieses Thema zu schreiben», sagt Hélène Vuille. Aber Barans Geschichte sei so traurig und habe sie so stark berührt, dass sie sich nach Gesprächen mit dem jungen Kurden aus dem Nordirak jeweils abends Notizen machte, um das Gehörte zu verarbeiten. «Beim Niederschreiben hatte ich oft Tränen in den Augen», erinnert sie sich. Als sie ihre Aufzeichnungen durchlas, kam ihr irgendwann der Gedanke, der ganzen Flüchtlingsproblematik ein Gesicht zu geben. Denn auf politischer Ebene würden oft nur die Zahlen und Fakten berücksichtigt, aber die menschlichen Schicksale in den Hintergrund verdrängt. «Es sind so viele Kinder darunter», sagt sie.

Baran habe sehr positiv reagiert, als sie ihm von ihrer Idee erzählte, sagt ­Vuille. Heute Abend wird die Birmensdorferin an der Buchtaufe in Uitikon aus ihrem kürzlich veröffentlichten Werk «Baran – 18 Jahre Regen» vorlesen. Kennengelernt hat sie den jungen Flüchtling, dessen Name auf Kurdisch Regen bedeutet, dank ihrem ­Einsatz gegen Lebensmittelverschwendung. Seit 1998 kämpft Vuille gegen Food Waste und hat ein Projekt aufgebaut, um Tagesfrischprodukte an Obdachlose und Bedürftige abzugeben (siehe Zweittext). Für Baran begann zu der Zeit als zwölfjähriges Kind die Flucht vor den Schergen Saddam Husseins. Gleich zu Beginn wurde er von seinem Vater und seinem älteren Bruder getrennt und war seither meist auf sich alleine gestellt. 18 Jahre später kam Vuille an einer der Abgabestellen mit ihm ins Gespräch.

«Hilf mir, meine Gedanken zu suchen. Ich habe sie verloren»

«Er fiel mir sofort auf, weil er eine unglaublich traurige Ausstrahlung hatte und extrem mager war», sagt sie. Der junge Mann habe sich überschwänglich für die Lebensmittel bedankt und gleich begonnen, aus seinem Leben zu erzählen. «Hilf mir, meine Gedanken zu suchen. Ich habe sie verloren», habe er immer wieder gesagt. Nach einigen Gesprächen bei der Essensabgabe organisierte sie weitere Treffen mit ihm. «Er sagte, das Erzählen sei schwierig, aber helfe ihm», sagt sie über Baran, dem die eigene Mutter im Babyalter auf Geheiss seines Onkels weggenommen wurde. Nach einiger Zeit habe er ihr mal gesagt, sie sei wie eine Mutter für ihn. «Er verspürte immer Heimweh nach einer Mutter, die er nie hatte.»

Weil er zu Beginn nur stark gebrochenes Deutsch redete und Englisch bevorzugte, habe ihr Mann René einige Male beim Übersetzen mitgeholfen. «Das Schreiben hat sich dadurch für mich erleichtert, weil ich es in meiner Sprache schreiben konnte», erklärt Vuille. Obwohl einen beim Lesen die Schicksalsschläge des ehrlichen Buben immer wieder fassungslos zurücklassen, hat Vuille die richtigen Worte gefunden, um seiner Geschichte Ausdruck zu verleihen. «Ich habe gemerkt, dass er eine ganz feine Seele hat», sagt sie. Immer wieder habe er von seiner Liebe zur Natur erzählt und einmal gesagt, er wäre lieber ein Baum. Darauf habe sie ihn animiert, sich ein günstiges Velo zu besorgen, mit dem er in der Folge viel draussen unterwegs war.

Sie schreibe gerne Märchen, sagt Vuille. Dort könnten auch tragische Wendungen und harte Erlebnisse auf positive Art aufgelöst werden. Aber Barans Geschichte kennt kein Happy End. Die Erzählung im Buch endet, als der Kontakt zwischen der Autorin und dem Flüchtling erst begonnen hatte. Obwohl Vuille, ihr Mann, der selbst Jurist ist, und ein gemeinsamer Freund Baran bis vor Bundesgericht unterstützten, erhielt er einen negativen Asylentscheid, weil er nicht unmittelbar an Leib und Leben bedroht sei. Dann tauchte er irgendwann unter. «Ich weiss nicht, wo er heute ist und habe keinen Kontakt mehr zu ihm», sagt sie. Dabei wird ihre sanfte Ausdrucksweise noch ruhiger und nachdenklicher.

«Viele werden von der tragischen Vergangenheit eingeholt»

Sie habe Baran oft gesagt: «Auch wenn ich dir mit dem Schreiben nicht helfen kann, hilft das Buch vielleicht anderen Flüchtlingen», erzählt Vuille. In den letzten Jahren habe sie viele tragische Flüchtlingsgeschichten gehört. Hier lebten sie zwar geschützt, «aber im Kopf werden viele irgendwann von ihrer tragischen Vergangenheit eingeholt, das macht sie krank», sagt sie. Weil Barans Schicksal exemplarisch für viele Leidensgeschichten sei, habe sie auch vereinzelte Erfahrungen anderer in das Buch eingeflochten.

Mit der Geschichte von Baran knüpft Vuille an ihr letztes Werk «Im Himmel gestrandet» an, in dem sie Obdachlosen eine Stimme verlieh. Sie will Menschen «auf der Rückseite des Lebens», die von der Öffentlichkeit vor allem Verachtung erfahren, ein kleines Stück von ihrer Würde zurückgeben.

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