Für die einst obdachlose Lea sei die Schweizer Hymne unmittelbar mit dem Nationalfeiertag verknüpft. Sie fühle sich von der Gesellschaft manchmal ausgeschlossen, doch am 1. August denke sie oft an die Feste in ihrer Kindheit zurück, wie sie damals mit ihrer Familie den Psalm sang und Süssigkeiten ass.

Wird in dem Heim, wo sie heute lebt, der 1. August gefeiert, dann singe sie jeweils lauthals mit. Alle sollen mitbekommen, dass sie sich noch an jede einzelne Strophe erinnert. Dann habe Lea jeweils das Gefühl, man höre ihr zu und sie sei ein Teil der Gesellschaft — trotz des «Dachschadens», den sie habe.

Dies eine der rührenden Anekdoten, die Hélène Vuille in ihre 1. August-Rede in der Fahrweid einbaute. Die Birmensdorfer Lebensmittelaktivistin, Buchautorin und Limmattalerin des Jahres 2013 kommt seit dem Beginn ihres Engagements vor 16 Jahren in Kontakt mit Obdachlosen, hört sich ihre Geschichte an und befragte sie nun, was der Nationalfeiertag für sie ausmache. Das Publikum — erstmals begangen Weininger und Geroldswiler die Feierlichkeiten gemeinsam — zeigte sich sichtlich gerührt von Vuilles Worten.

Alles verloren, ausser Höhenfeuer

So kommen ehemals Obdachlosen Helmi beim Stichwort 1. August sofort die Begriffe «Vaterland, Schweiz und Heimat» in den Sinn. Heimat bedeute für ihn Heim, also ein Ort, an dem man schlafen kann, ohne zu frieren oder vertrieben zu werden. Als junger Mann habe er dies nicht gehabt. Häufig habe er in öffentlichen Toiletten geschlafen. Doch heute, wo er alt und krank sei und in einem solchen Heim lebe, empfinde er ein Gefühl des Angekommenseins. Er sei nun kein Reisender mehr.

Bäni hat in seinem Leben vieles verloren, fuhr Vuille fort, und was er nicht verloren habe, das sei ihm genommen worden. Als Kind habe er den Nationalfeiertag jeweils mit seiner Familie in den Bergen verbracht. Nach einer Wanderung auf der Spitze angekommen, hätten er und seine Geschwister jeweils Holz gesammelt und auf offenem Feuer eine Cervelat gebrätelt. Nach dem Eindunkeln gaben die Kinder dem Feuer noch mehr Holz hinzu und betrachteten die Höhenfeuer, die auf den anderen Bergzügen brannten. Für Bäni sei dies ein fast magischer Moment gewesen. Wenn es ihm heute nicht gut geht, dann denkt er an die Sterne und die Höhenfeuer zurück. «Dies kann ihm niemand nehmen», so Vuille.

Hélène Vuille reflektierte aber auch ihr Engagement gegen Lebensmittelverschwendung. Im Jahr 1998 brachte sie mit einer Diskussion mit einem Migros-Filialleiter in Zürich Wiedikon über das Wegwerfen von Frischprodukten alles ins Rollen. Anschliessend durfte sie jeweils nach Feierabend übrig gebliebene Esswaren an Obdachlosenheime verteilen. Stets stiess sie jedoch auf Widerstand, entweder aus der Politik oder vonseiten der Grossverteiler. «Oft habe ich erlebt, wie festgefahren viele Menschen sind. Sei es wegen persönlicher Probleme, den täglichen Pflichten oder aus anderen Gründen. Es ist unglaublich schwierig, Veränderungen anzustossen, hielt sie fest. Erst im Sommer 2013 mit der Veröffentlichung ihres Buches «Im Himmel gestrandet», sei dank dem Gang an die Öffentlichkeit noch viel mehr ins Rollen geraten. Doch noch heute würden manche Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft manchmal auf taub schalten.

Und was bedeutet der 1. August für Hélène Vuille? Auch die Rednerin erinnerte sich an ihre Kindheit in Einsiedeln und die Feste auf dem Dorfplatz. «Wir Kinder hatten grosse Vorfreude, alle Leute zu treffen und Lampions anzuzünden», sagt sie. Auch wisse sie noch, wie ihre Geschwister und sie meist am Nachmittag weder bengalische Zündhölzer noch «Frauenfürze» übrig hatten, weil bereits alle aufgebraucht waren. «Diese vielen kleinen Anekdoten zeigen, was für ein besonderer Tag der 1. August ist», so Vuille. Jeder und jede interpretiere ihn anders. Für Kinder sei es ein grosses Fest. Die Erwachsenen hielten sich diesen Tag oftmals als Spiegel vor. «Man reflektiert und erinnert sich an die Kindheit. Man wird sich an diesem Tag bewusst, wie gross unsere Verantwortung ist, dem Fundament der Gesellschaft Sorge zu tragen».