Schlieren
Hirnschlag-Patientin Kappeler: «Es ist eine Bereicherung für beide»

Seit einem Hirnschlag vor 20 Jahren lebt die leicht behinderte Margrit Kappeler bei Schwester Elisabeth Müggler. Die beiden Frauen ergänzen sich hervorragend und Elisabeth Müggler sieht die Anwesenheit ihrer Schwester keineswegs als Belastung.

Katja Landolt
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Margrit Kappeler und Schwester Elisabeth Müggler am Esstisch in ihrer gemeinsamen Wohnung in Schlieren. Die beiden Frauen wohnen seit 20 Jahren zusammen

Margrit Kappeler und Schwester Elisabeth Müggler am Esstisch in ihrer gemeinsamen Wohnung in Schlieren. Die beiden Frauen wohnen seit 20 Jahren zusammen

Katja Landolt

Margrit Kappeler läuft in den Gang und winkt, sie will etwas zeigen. Sie zeigt auf ein Bild; eine Häuserzeile, eine Promenade, im Vordergrund Wasser. Eines der Häuser ist angeschrieben mit «Bäckerei Konditorei Kappeler». Das Bild zeigt die Gemeinde Stäfa, das Haus ist Kappelers Elternhaus. Sie tippt auf die beiden Fenster im obersten Geschoss. «Gäll, Margrit, in diesem Zimmer bist Du zur Welt gekommen», sagt Schwester Elisabeth Müggler und legt ihr liebevoll die Hand auf die Schulter. Margrit Kappeler nickt und lacht.
Margrit Kappeler kann nicht mehr richtig sprechen, kann nicht mehr lesen oder schreiben. Ein Hirnschlag hat ihr Leben vor 20 Jahren komplett verändert, hat aus der kerngesunden, selbstständigen 45-Jährigen aus heiterem Himmel einen Pflegefall gemacht. Seit diesem Vorfall leben die beiden Frauen zusammen, seit rund sieben Jahren in einer Wohnung mitten in Schlieren.
Pflegeheim - keine Option
Es ist der 2. März 1992, ein Sonntag. Der Hirnschlag, die so genannte Apoplexie, ist massiv. «Die linke Hirnhälfte ist praktisch weg, arbeitet nicht mehr», sagt Schwester Elisabeth. Damals, 1992, war Kappeler Stationsschwester auf der Privatabteilung Medizin im Spital Limmattal. Sie und Schwester Elisabeth kannten sich bereits gut, beide hatten seit der Eröffnung 1970 im Spital Limmattal gearbeitet.
Nach dem Hirnschlag soll die ledige Frau ins Pflegeheim verlegt werden. Keine Option für Schwester
Elisabeth. Gemeinsam mit den beiden anderen Ordensschwestern beschliesst sie, Margrit bei sich aufzunehmen. Mit der Unterstützung des damaligen Präsidenten der Spitalkommission wird die Wohnung der Schwestern zuoberst im Wohnheim des Theodosianums umgebaut. «Wir mussten dafür bei der Provinzleitung des Klosters ein Gesuch stellen, um Margrit aufnehmen zu dürfen», sagt Schwester Elisabeth. Vier Wochen lang hörten die Ordensschwestern nichts von der Klosterleitung. Doch bis der positive Entscheid eintraf, war die Wohnung bereits umgebaut. «Wir hatten viel Gottvertrauen», sagt Schwester Elisabeth und lacht.
Margrit Kappeler zieht zu den drei Ordensschwestern. Die einzigen Worte, die sie noch kennt, sind «Ja» und «Nein». Kappeler wird schwer depressiv, gar suizidal. «Eine schwere Zeit», sagt Schwester Elisabeth, Kappeler nickt. Doch Kappeler rappelt sich auf, gewinnt ihre Lebensfreude Stück für Stück zurück. Zwei Jahre nach dem Hirnschlag arbeitet sie wieder als Krankenschwester, hilft im Pflegezentrum als Freiwillige aus. «Sie hatte wieder eine Aufgabe, konnte jeden Morgen ihre Schwestern-Uniform anziehen und zur Arbeit mitkommen», sagt Schwester Elisabeth. Margrit Kappeler schlägt ein Büchlein auf und zeigt auf ein Foto mit mehreren Puppen in Krankenschwesteruniform. Eine Puppe trägt einen weissen Schurz und eine hellblaue Bluse. «So!», sagt Kappeler. Noch heute hilft Kappeler dreimal in der Woche der Hausmutter im Personalhaus des Spitals.
Jeden Tag etwas Neues lernen
«Nach dem Hirnschlag hatten uns die Ärzte gesagt, wir sollten Margrits Zustand hinnehmen, da gebe es keine Besserung», sagt Schwester Elisabeth. Darüber kann sie heute nur milde lächeln: Zwar kann Kappeler noch keine Sätze bilden, sie spricht mit Gesten. Aber sie kann sich beispielsweise wieder orientieren, kann selbstständig mit dem Zug nach Stäfa fahren, um ihre Mutter im Altersheim zu besuchen.
Hätte man Margrit in einem Pflegeheim unter Betagten dahindämmern lassen, wäre es niemals so gekommen, ist Schwester Elisabeth überzeugt. «Wir sollten leicht Behinderte viel besser in unser allgemeines Gesellschaftsleben integrieren, das würde ihre Lebensqualität massiv verbessern.» Margrit lebe unter Gesunden und lerne so jeden Tag etwas Neues dazu, noch immer komme es vor, dass sie plötzlich ein neues Wort könne.
Ihr sei klar, dass nicht alle leicht Behinderten von Privaten betreut werden können und die Angehörigen auf Institutionen ausweichen müssen. Doch genau hier liegt die Schwierigkeit; Einrichtungen für leicht Behinderte im Alter zwischen 40 und 65 Jahren, beispielsweise Wohngruppen, gebe es nicht. «Es gibt Kinderheime, Behindertenheime und Altersheime. Aber keinen Ort, wo Menschen wie Margrit leben könnten.» Schwester Elisabeth ist überzeugt: Sie muss Margrit fördern und fordern, sie machen lassen. «Wenn man ihr alles abnimmt, lernt sie nichts dazu.»
Handynummer am Handgelenk
«Was machst Du sonst noch gern?», fragt Schwester Elisabeth. Margrit Kappeler ringt nach dem richtigen Wort, lächelt entschuldigend. «Komm, Du kannst das», muntert sie Schwester Elisabeth auf. «Lädele», antwortet Kappeler und strahlt. «Sprüngli». Immer in der Handtasche mit dabei ist das Büchlein, in dem das Puppen-Bild steckt. Hier ist alles vermerkt, Schwester Elisabeth hat die wichtigsten Informationen aufgeschrieben: Dass Margrit Kappeler wegen des Hirnschlags nicht sprechen kann aber alles versteht, die wichtigsten Telefonnummern und Bahnverbindungen, eine Liste mit Getränken und Esswaren, auf die Kappeler tippen kann, wenn ihr das Wort nicht einfallen will. Am Handgelenk trägt Kappeler ein Kettchen mit Schwester Elisabeths Handynummer. Für den Fall, dass das Büchlein verloren ginge.
Doch das ist nicht alles: Margrit Kappeler besorgt die Blumen auf dem Balkon, hütet die Nachbarskinder, strickt und fotografiert gern, schaut am liebsten die «Tagesschau» und «10 vor 10». In Schlieren kennt man sie, sie kann allein einkaufen. «Manchmal bringt sie das Falsche, aber das macht nichts», sagt Schwester Elisabeth und lacht. «Ja, ja», sagt Margrit Kappeler und lacht mit.
Sowieso scheinen die beiden ständig zu lachen, herzlich und innig scheint das Verhältnis. «Mir händs echt guet und au schön zäme», sagt Schwester Elisabeth. Zanken sie sich nie? Aber natürlich, das gehöre zum Zusammenleben dazu. «Normal», bestätigt Kappeler. «Wie nennst Du mich, wenn Du wütend auf mich bist?», fragt Schwester Elisabeth. «Lise», gibt Kappeler zurück. Und die beiden lachen schon wieder. «Sie sehen, wir beide sind das beste Beispiel, dass man mit Behinderten sehr gut zusammenleben kann», sagt Schwester Elisabeth. «Es ist eine Bereicherung für beide Seiten.»