Schlieren
Hier treffen Kulturen und Generationen aufeinander – zu Besuch im Geistlich-Haus

Das 1897 erbaute Haus der Geistlichs in Schlieren blieb immer im Besitz der Familie. Aktuell sind die Bewohner drei bis 88 Jahre alt und kommen aus fünf verschiedenen Ländern. Dorothea Hirzel-Geistlich ist hier aufgewachsen.

Anina Gepp
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Sommerserie: So lebt das Limmattal
10 Bilder
 Dorothea Hirzel-Geistlich wohnt im obersten Stock des Hauses umgeben von alten Büchern.
 Beat Hirzel-Geistlich hat eine grosse Leidenschaft für Kunst und Literatur. Hier eine Auswahl.
 Das Herzstück des Hauses ist das Wohnzimmer der Familie Brüderlin-Schweizer.

Sommerserie: So lebt das Limmattal

Alex Spichale

Eingebettet zwischen Bahngleisen und dem Geistlich-Areal steht seit 1870 ein Juwel, das trotz seiner beeindruckenden Bauart nicht jedem Schlieremer ein Begriff ist. Das grosszügige Haus mit mediterran angehauchter Fassade und hübschem Waldgarten ist umsäumt von alten Bäumen, die die Anlage zu einer von aussen fast unsichtbaren Oase machen. Die kräftigen Wurzeln der alten Tannen schlängeln sich durch die grosszügig angelegte Grünfläche, das Morgenlicht fällt schräg von oben auf die Rosenbäumchen und die rosaroten Pelargonien.

Dorothea Hirzel-Geistlich ist gerade dabei, ein paar der bereits verwelkten Blüten mit ihren Fingern abzuknipsen. Die gebürtige Geistlich wohnt seit ihrer Geburt mit wenigen Unterbrüchen in diesem Haus, das ihr Urgrossvater hat erbauen lassen. Das Anwesen blieb immer in Besitz der Industriellenfamilie. Ein junger Italiener aus Como sei insgesamt elf Mal zu Fuss über den Splügen nach Schlieren gekommen, um den lichtdurchfluteten Verandaanbau, versehen mit kleinen Säulen, zu erstellen.

Schlieremer turnten im Garten

Die Hauseigentümerin liebt diesen Garten, den sie täglich hegt und pflegt. «Er bietet Platz für alle», sagt sie. Trotzdem greife sie nicht zu sehr in die Natur ein, erzählt die bald 80-Jährige. Das Wilde und Wuchernde gefalle ihr. Das gesagt, verlässt die zierliche Frau den schmalen Kiesweg, der die grosse Wiese entzwei teilt und holt aus dem Geräteschrank «s’ Rytseili» hervor, montiert die Schaukel mühelos neben der Reckstange. Auch ein frisch renovierter Barren steht da. Dass hier Turngeräte stehen, rühre daher, dass ihre Grossmutter früher nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch ältere Frauen fürs Turnen begeisterte. Das sei wirklich ein Novum gewesen, so Hirzel-Geistlich. Das ist mittlerweile über 100 Jahre her. An Ostern 1911 sind die Turngeräte eingeweiht worden.

Sommerserie: So lebt das Limmattal (10/12)

Wohnformen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Die Redaktion begibt sich auf die Suche nach unkonventionellen Lebens- und Wohnformen im Limmattal, die wir Ihnen in unserer Sommerserie vorstellen. Die nächste Folge erscheint am Mittwoch.

Lesen Sie hier die vorherige Folge.

Das Ehepaar Hirzel-Geistlich hat sich im obersten Stock des geschichtsträchtigen Hauses niedergelassen. Die unteren beiden Etagen an Auswärtige vermietet. Im Parterre gibt es drei möblierte Zimmer für junge Erwachsene in Ausbildung. Meistens kommen sie aus aller Welt, aktuell aus der Ukraine, Kasachstan und Afghanistan. Ihnen steht eine grosse Wohnküche mit Wintergarten und einem gemeinsamen Badezimmer mit Waschmaschine zur Verfügung. Zudem gelangen die Studenten über einen direkten Zugang in den Garten, der allen Bewohnern des Hauses offen steht.

Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, die meisten Bewohner würden hier nur knapp ein Jahr bleiben, so Hirzel-Geistlich. Und so sei es auch gedacht: Als kurzfristige Bleibe für Studierende aus dem Ausland. Es habe aber auch Ausnahmen gegeben. Einem Künstler habe es so gut gefallen, dass er sein Zimmer fast zehn Jahre bewohnte, so Hirzel-Geistlich. Mit seiner Fantasie und dem französischen «Savoir-vivre» habe er das Haus inspiriert.

Partys sind erwünscht

Wählerisch ist die pensionierte Heilpädagogin nicht, was die Vermietung der Räume im untersten Stock angeht. «Wer sich zuerst bewirbt, bekommt das Zimmer auch», sagt sie. Man könne sowieso nie vorhersehen, wer einziehe und ausserdem sei das Interesse auf jede Ausschreibung so gross, das alles andere unfair wäre. Meistens sei sie mit dieser Taktik nicht schlecht gefahren. «Es sind sehr anständige, aufgestellte junge Leute, die das Zusammenleben in diesem Haus und Garten schätzen», so Hirzel-Geistlich. Natürlich, manchmal hätten die Bewerber auch absurde Vorstellungen. «Eine Frau wollte ihr Pferd mitnehmen und es im Garten unterbringen», erzählt sie und lacht herzlich. Hirzel-Geistlich hat nichts dagegen, wenn die jungen Bewohner ab und an einmal Partys im Garten feiern. «Ich mag es, wenn etwas los ist», sagt sie.

Im ersten Stock wohnt das Ehepaar Brüderlin-Schweizer mit zwei kleineren Kindern, die in Westafrika geboren worden sind. Die Wohnung ist das Herzstück des Hauses. Vor allem das Wohnzimmer versprüht durch seine Rundum-Verglasung einen ganz speziellen Charme. Licht und Klima sowie die Aussicht auf das Grün der Bäume, ist nirgendwo im Haus so angenehm wie hier. Seit vier Jahren wohnt die Familie im Haus und ist überglücklich mit ihrer Bleibe. Sie schätzt vor allem auch das Zusammenleben verschiedener Kulturen im Haus.

Auch für das Ehepaar Hirzel-Geistlich, das bis vor kurzem selbst keine Enkel hatte, ist es schön, Kinder im Haus zu haben. «Ihre Stimmen im Haus zu hören und sie im Garten spielen zu sehen ist eine Freude», sagt Hirzel-Geistlich. Inzwischen ist sie selbst auch Grossmutter geworden. Ihr Sohn lebt aber mit seiner Partnerin und dem kleinen Mädchen in China.

In diesem Haus sei man mehr als nur Nachbar, so Hirzel-Geistlich. Deshalb sei es wichtig, die Privatsphäre aller Parteien zu respektieren. Während sie und ihr Mann es es schätzen, dass im untersten Stockwerk ständig neue Gesichter zu sehen sind, sind sie froh, wenn die Wohnung im zweiten Stock langfristig gemietet wird. Vor der Familie, die jetzt drin wohnt, hatten jahrelang ein Schriftsteller und eine Schauspielerin hier gelebt. Auch das habe ihr gut gefallen, so Hirzel-Geistlich. Doch für die beiden Freigeister sei die Kleinstadt nicht genug gewesen. «Man wohnt eben nicht nur in diesem Haus, sondern auch in Schlieren», sagt sie. Durch die Lage auf der nördlichen Seite des Bahnhofs lebe man isolierter als anderswo.

Anwesen wird zum Zeitzeugen

Gewissermassen hat Hirzel-Geistlich ihre Vorliebe für ein offenes Haus bereits in die Wiege gelegt bekommen. Schon früher, als ihre Grossmutter noch lebte, sei im grossen Haus immer wieder Platz gewesen für Menschen in Bedrängnis aller Alt. In einem kleinen Nebengebäude, das aber heute nicht mehr steht, habe es sogar ein Kämmerlein zum Übernachten für Bettler und Obdachlose gegeben, weiss Hirzel-Geistlich.

Die offenen Türen sind bis heute geblieben. Verändert hat sich jedoch die ganze Umgebung rund um das Haus. Im vergangenen Herbst sei mit der Sprengung des Hochkamins auf dem angrenzenden Fabrikareal der Ed. Geistlich Söhne AG eine neue Zeit angebrochen, so Hirzel-Geistlich. Sämtliche Gebäude der alten Leim- und Düngerfabrik sind abgebrochen und das Material zerlegt, aussortiert und zum Recycling gebracht worden. Aufwendig und mit zeitweise störendem Lärm verbunden sei die derzeit laufende Bodensanierung, sagt Hirzel-Geistlich.
Wenn sie aber draussen im Garten sei, vergesse sie das alles.

Da könne sie sich der Pflanzen erfreuen und nicht daran denken, dass sich die Welt um sie herum in einem Wandel befinde. Das Haus an der Engstringerstrasse 1 sei zum Zeitzeuge einer vergangenen Epoche geworden, sagt Hirzel-Geistlich. Immer wieder bekomme sie von Passanten Komplimente für das Haus. «Es hat einfach eine gute Energie.»

Von der «Lymhütte» zum Grossunternehmen

Die Ed. Geistlich Söhne AG, die Knochen verarbeitete, stand direkt neben dem Haus an der Engstringerstrasse.

Dass Dorothea Hirzels Urgrossvater gerade Schlieren als geeigneten Standort für die Ed. Geistlich Söhne AG befand, kam nicht von ungefähr. Er war auf der Suche nach einem Grundstück mit viel Grünfläche rund herum. Damit wollte er vermeiden, dass die unangenehmen Gerüche, die beim Entfetten der Knochen für die Leime entstanden, zu Anwohnern getragen werden. Ganz gelungen ist das dem Unternehmen aber nicht. Es wird erzählt, dass früher ganze Bahnwagen mit Knochen übers Wochenende auf dem Fabrikareal stehen blieben.

Es entwickelten sich markante Gerüche und es entstanden auch Würmer, die dann von Kindern gesammelt und an Fischer verkauft wurden. Eine Büchse brachte 20 Rappen ein. Die Firma Geistlich war ab 1896 die erste Fabrik im damaligen Bauerndorf Schlieren. Der Betrieb startete damals mit zehn Angestellten. Die Leimfabrik, im Volksmund «Lymhütte» genannt, mauserte sich rasch zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Faktor. Was die Fabrikherren sagten, hatte offiziell und inoffiziell Gewicht. Und das, obwohl sich zu Beginn keiner der Familie politisch engagierte.

Eine einflussreiche Familie

Wie gross der Einfluss auf die Stadt war, zeigen aber verschiedene Beispiele. Die Familie Geistlich war die treibende Kraft hinter der Limmattal-Strassenbahn, die von 1901 bis 1931 verkehrte. Auch der erste Kindergarten, der 1902 gegründet wurde, ist einer Geistlich zu verdanken. Ein Jahr davor setzte sich Eduard Geistlich dafür ein, dass in Schlieren wieder eine eigene Sekundarschule geführt werden konnte.
Die Firma Geistlich überstand mehrere Krisen. Zwei Weltkriege, schwere Wirtschaftsdepressionen und Arbeitskräftemangel: Das alles konnte dem Unternehmen nicht viel anhaben. Auch zur Zeit des Generalstreiks 1918 schreibt die Geschäftsleitung damals: «Im Allgemeinen scheint unter unserer Arbeiterschaft Zufriedenheit und Liebe für Ordnung und Ruhe zu herrschen, sodass wir von Streik und Unruhen verschont geblieben sind.» Ein gelernter Arbeiter verdiente damals Fr. 14.75 pro Tag.

Immer wieder einmal ereigneten sich auf dem Fabrikareal aber tragische Unfälle. 1917 gab es einen Grossbrand, bei dem 83 Feuerwehrmänner im Einsatz waren. Nur zwei Jahre danach rückten noch mehr Löschfahrzeuge aus. Verletzt wurde in beiden Fällen niemand. 1984 kam es zur Verschmutzung des Rietbachs. Infolge einer Fehlmanipulation und ungenügender Absicherung gelangte tierisches Fett ins Gewässer. Mit einer Ölsperre wurde das auf der Oberfläche treibende Fett abgeschöpft. Nur drei Jahre später verursachte ein technischer Defekt ein kleines Fischsterben. Im Bereich Umweltschutz wurde daraufhin einiges unternommen. Die Fabrik sah sich mit der Zeit mit immer mehr Gesetzen konfrontiert, worauf sich die Firma vermehrt für die Kontrolle des Abwassers und den Gewässerschutz einsetzte.