Dietikon
Hier gelten ihre Stärken etwas: Erster Schweizer Supermarkt für Allergiker erhält Zuwachs

Pascal Bättig, Geschäftsinhaber des Allergiker-Supermarkts «Libergy», freut sich über seine zwei neuen Mitarbeiter mit ganz speziellem Hintergrund.

Gabriele Heigl
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Al Ahmed Ahmed (links) und Ali Alkan unterstützen Libergy-Inhaber Pascal Bättig (Mitte) in seinem Lebensmittelgeschäft in Dietikon. Lohn muss er ihnen dafür keinen zahlen. Severin Bigler

Al Ahmed Ahmed (links) und Ali Alkan unterstützen Libergy-Inhaber Pascal Bättig (Mitte) in seinem Lebensmittelgeschäft in Dietikon. Lohn muss er ihnen dafür keinen zahlen. Severin Bigler

SEVERIN BIGLER

Seit gut zwei Wochen sind die beiden Neuen erst vor Ort und haben sich schon unentbehrlich gemacht. Pascal Bättig, seit eineinhalb Jahren der Inhaber des Libergy, des ersten Schweizer Supermarkts für Allergiker und Menschen mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit an der Dietiker Zentralstrasse, freut sich: «Das sind gute Leute und ich werde dafür kämpfen, dass sie bei mir bleiben können.»

Die Rede ist von seinen Mitarbeitern Ali Alkan und Al Ahmed Ahmed, die über zwei Arbeitsbeschaffungsfirmen zu ihm kamen und nun sechs Monate lang bei ihm arbeiten werden. Der Türke Ali Alkan (32) wohnt bei seiner Familie in Menziken (AG); er ist hier geboren und aufgewachsen, spricht Schweizerdeutsch und möchte bald den Schweizer Pass bekommen.

Obwohl er noch nie im Lebensmittelhandel gearbeitet hat, macht er sich gut. «Derzeit bin ich dabei, die Produkte nach und nach zu probieren, um die Kunden besser beraten zu können.» Da er eine Lehre im Detailhandel gemacht hat, kennt er den Verkauf.

Sein letzter Arbeitgeber war ein Zürcher Inkassounternehmen. Sechs Jahre war er dort, bis er Probleme mit dem Chef bekam. Erst kam die Arbeitslosigkeit, dann die lange vergebliche Suche nach einem neuen Job. Derzeit nimmt er am Beschäftigungsprogramm der Sozialfirma Trinamo teil. Der Kontakt zu Bättig kam zustande, als dieser sich bei Trinamo nach möglichen Mitarbeitern erkundigte.

Option zur Festanstellung

Bättig braucht Unterstützung in seinem Geschäft, in dem er seit der Eröffnung mehr oder weniger allein arbeitet, aber noch erwirtschaftet er nicht genug Geld für feste Angestellte. Alkan erhält Arbeitslosengeld von der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV), Ahmed vom Sozialdienst. Für Bättig fallen in den sechs Monaten, während denen er beide zur Verfügung hat, keine Lohnzahlungen an.

Damit die von Trinamo Betreuten nicht nur für Temporäreinsätze ausgenutzt werden, muss ein Arbeitgeber eine realistische Option zur Festanstellung offerieren können, so auch Bättig. «Für mich ist das eine Win-Win-Situation», sagt er. Alkan finde wieder in den Arbeitsmarkt, und er, Bättig, erhalte die Entlastung und Unterstützung, die er derzeit brauche, um sein Geschäft bekannter zu machen und weitere Kunden zu gewinnen.

Daraus erwachse die Möglichkeit, beide fest anzustellen. «Ich schaue drauf, wo jemand seine Stärken hat und fördere ihn dort», sagt Bättig. Bei Alkan liegen sie im Marketing. Das passe perfekt, denn dort habe sein Geschäft Nachholbedarf. Nun kümmert sich Alkan nicht nur um die Kundenbetreuung, sondern auch um Flyer, Videodreh und die Social-Media-Auftritte. Bättig: «Ich könnte mir vorstellen, dass er mein Assistent wird.» Auch die Finanzierung einer Marketing-Ausbildung ist im Gespräch.

Überpünktlich und exakt

Während Alkan erzählt, folgt Al Ahmed Ahmed (49), konzentriert dem Gespräch. Obwohl der Syrer lediglich einen Fünf-Wochen-Crash-Kurs absolvierte und erst seit zweieinhalb Jahren in der Schweiz lebt, spricht er schon recht gut Deutsch. Mit Frau und vier Kindern im Alter zwischen 1 und 16 Jahren wohnt er in Effretikon.

Ahmed war der Letzte der Familie, der in die Schweiz kam. Zwei erwachsene Kinder hat er noch in Köln und in Jordanien. Er stiess über die Schlieremer Berufsberatungsfirma Fokusarbeit zu Libergy (siehe Text unten). Fokusarbeit hat bei Bättig nach einer Beschäftigungsmöglichkeit für Ahmed nachgefragt.

Im Gegensatz zu Alkan hat Ahmed Erfahrung mit Lebensmitteln. Im syrischen Rakka besass er ein einschlägiges Geschäft und vertrieb darin unter anderem sein eigenes Olivenöl. Denn er war Besitzer einer Plantage mit 3000 Öl- und Pistazienbäumen. Ob die Plantage noch in seinem Besitz ist? Das wisse er nicht und zuckt schüchtern lächelnd mit den Schultern. Dann wird sein Lächeln breiter: «Es ist das erste Mal, dass ich in der Schweiz arbeiten kann, und dann noch in meiner Branche. Das ist ein Traum.»

Angesprochen auf Ahmeds Stärken kommt Bättigs Antwort prompt: «Ahmed ist überpünktlich, oft ist er mehr als eine halbe Stunde vor Geschäftsöffnung schon da.» Er habe den Überblick, arbeite exakt und kümmere sich um die Kontrolle und die Präsentation der Waren.

Und Kollege Alkan ergänzt: «Ahmed ist sehr motiviert.» Bättig will ihm mit der Zeit immer mehr Verantwortung übertragen. «Es freut mich, wenn ich Leuten dabei helfen kann, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.» Schliesslich gebe es viele, die einen Job wollten und keinen bekämen. «Sie haben eine Chance verdient», sagt er.

Die Gemeinden lassen sich durch professionelle Berufsberatungsfirmen helfen

Al Ahmed Ahmed wird seit August von der privaten Schlieremer Berufsberatungsfirma Fokusarbeit betreut. Dieser wurde er über die Stiftung Chance zugeteilt. Die Stiftung wurde 1995 unter anderem vom Gemeindepräsidentenverband des Kantons Zürich gegründet. Sie fördert berufliche Integration und wirtschaftliche Selbstständigkeit. Deren Triagestelle ist Dreh- und Angelpunkt im Fördersystem zur Integration von vorläufig aufgenommenen und anerkannten Flüchtlingen im Kanton Zürich. Die Verteilstelle arbeitet im Auftrag der Fachstelle für Integrationsfragen und wird auch von dieser finanziert. Fokusarbeit unterstützt in Absprache mit dem Sozialdienst oder der Asylorganisation Zürich (AOZ) die arbeitssuchenden Flüchtlinge.


Wenn die zu Integrierenden kostenlos arbeiten, übernimmt der Sozialdienst deren Existenzsicherung vom AOZ. Zur Leistung von Fokusarbeit gehören unter anderem Berufs- und Laufbahnberatung und ein Coaching. Auftraggeber von Fokusarbeit sind üblicherweise Sozialversicherungen, Krankentaggeldversicherungen oder Pensionskassen, kurz: alle, die ein Interesse daran haben, dass das verbliebene Potenzial des Arbeitnehmers genutzt wird. Dabei wird geprüft, welche Qualifikationen der Betreute mitbringt, ob er noch eine Ausbildung braucht, ob es Gründe gibt, die eine Integration verhindern. Im Anschluss gibt die Stiftung Chance eine Empfehlung ab. Finanziert wird die Betreuung durch die jeweilige Gemeinde. Dabei fallen für Assessment, Coaching und Stellensuche zwischen 15 000 und 20 000 Franken an. Zwingend für temporäre Beschäftigungseinsätze ist die Option auf eine spätere feste Anstellung.


Ali Alkan wird von der Sozialfirma Trinamo AG, einer Non-Profit-Organisation, betreut. Zu deren Auftraggebern gehören neben Gemeinden auch RAV und IV. Die Firma leistet einen Beitrag zur Bekämpfung oder Linderung der Arbeitslosigkeit und ihrer sozialen Folgen, indem sie erwerbslosen und psychisch beeinträchtigten Menschen eine langfristige Integration oder Reintegration in den Arbeitsmarkt ermöglicht. (GAH)

Ungefragt kommt Alkan auf seine Ziele zu sprechen, und nummeriert sie auch gleich nach Priorität durch: Erstens wolle er zwischen sich und seinem neuen Chef Vertrauen aufbauen, zweitens seinen Job im Libergy gut erledigen und neue Kunden gewinnen, drittens eine Festanstellung bekommen und viertens die Bekanntheit von Libergy steigern. Ohne Zweifel hat er ein Marketing-Talent.

Dieses will er in nächster Zeit auch für den Aufbau eines Online-Shops nutzen. Start soll zum zweijährigen Bestehen des Geschäfts im März 2018 sein. Bättig sträubte sich lange gegen den Onlinehandel, aber seine Kunden, die aus der ganzen Schweiz kommen, fragen immer wieder danach. Alkan kann das verstehen: «Der Onlinehandel ist wirklich ganz wichtig für ein Geschäft wie Libergy.» Wenn es so weit ist, wäre Ahmed für das korrekte Fertigmachen der Pakete und den Versand genau der richtige Mann, meint Bättig.

Alkan trägt an beiden Ohren Hörgeräte; er ist von Kindesbeinen an schwerhörig. Das schränke ihn aber nicht ein, meint er. Er ist von offenem, freundlichem Wesen. «Daheimhocken wäre nichts für mich.»

Zurück zu den Olivenbäumen

Auch Ahmed äussert sich zu seinen Zielen. «Ich will feste Arbeit, mein eigenes Geld verdienen und gut Deutsch lernen.» Bättig sieht allerdings auch Vorteile in den Fremdsprachenkenntnissen seiner neuen Mitarbeiter. «Es wohnen hier in unmittelbarer Umgebung so viele Ausländer, darunter auch türkisch- und arabischsprechende, die ich als Kunden für mein Geschäft gewinnen könnte.»

Sein Marketing-Beauftragter Alkan sieht das genauso; auch die interkulturelle Zusammenarbeit mit Ahmed sei völlig unproblematisch. «Ich bin nicht politisch», meint er. Ahmed hat nichts hinzuzufügen. Aber es ist der Tag, nachdem die Anti-IS-Allianz die Rückeroberung Rakkas aus den Fängen des IS vermelden konnte. «Das haben wir gestern gross gefeiert», freut er sich. Er sei glücklich hier in der Schweiz, aber ihn plage auch das Heimweh. Irgendwann will er zurück und nach seinen Olivenbäumen sehen.