Birmensdorf

Hier ersetzt ein Roboter den Melkschemel

Remo Stierli hat auf seinem voll automatisierten Bauernhof weniger Kontakt zum Vieh als früher. Probleme einzelner Tiere erkennt er aber leichter. Nur eine Kuh hat das System bisher überlistet, sagt der Landwirt.

«Girlies» Augen sind weit aufgerissen. Sichtlich nervös versucht sie, ihre Beine zu bewegen. Doch es ist zu spät: Soeben hat sich die metallene Schleuse hinter ihr geschlossen – sie kann weder vor noch zurück. Plötzlich erklingt ein mechanisches Zischen. Ein Roboterarm, bestückt mit einer Kamera und einem schwarzen Schlauchende, schwingt unter ihren Bauch tastet ihr Euter ab und saugt sich an ihren Zitzen fest. Eine nach der anderen werden sie mit kühlem Wasser abgespült. Schauder laufen über die Haut der braunen Milchkuh, der hornlose Kopf wirkt angespannt. Mit einem Ruck und einem Geräusch, wie wenn Kinder ihre Wange dem Sog eines Staubsaugerrohrs entreissen, dockt sich der Roboter von «Girlies» Euter ab. Dies aber nur um sogleich wieder vier Abpumpstutzen über die Zitzen zu stülpen. Dann beginnt die Maschine, die Milch aus dem Euter zu pumpen. So lange, bis alle «Viertel» geleert sind. Abermals ertönt das Geräusch der Kinderwange im Staubsaugerrohr, dann ist die Prozedur beendet. Der Roboterarm geht in seine Ausgangsstellung zurück. Die Schleuse vor «Girlie» öffnet sich und sie trottet davon.

Landwirt Remo Stierli steht vor dem Bildschirm an der Seitenwand seines Melkroboters und nickt zufrieden. «Knapp 20 Liter. Das ist gut», sagt er. Doch nicht nur über die Menge der abgepumpten Milch gibt der Computer per Touchscreen Auskunft. Anhand der Zusammensetzung errechnet er auch die Qualität des Ertrags und viele weitere Merkmale. «Die Informationen sind für meinen Gebrauch eigentlich viel zu detailreich. Ich verwende nur die wichtigsten Daten für meine täglichen Analysen», sagt Stierli.

Roboter melkt rund um die Uhr

Vor etwas mehr als einem Jahr stellte der Birmensdorfer seinen Hof «Püntenmas», den er von seinem Vater übernommen hat, auf voll automatisierten Betrieb um. Die Kosten dafür bewegten sich im sechsstelligen Bereich. Seither werden seine 72 Milchkühe rund um die Uhr gemolken, ohne dass Stierli selbst Hand anlegen müsste. Alle sieben bis acht Stunden muss jede Kuh beim Melkroboter vorbei. Über einen Chip, den alle Tiere in einem blauen Metallamulett am Hals tragen, registriert der Computer, wer seine Milch bereits abgeliefert hat, und wer noch nicht. Drückt sich ein Tier vor dem Melken, so sendet das System Stierli automatisch eine Nachricht auf sein Smartphone. «Dann muss ich nachsehen, ob ein Problem besteht, oder ob die betreffende Kuh einfach länger auf der Weide geblieben ist», erklärt der Landwirt.

Dies ist eine positive Begleiterscheinung des automatisierten Viehstalls für die Tiere: Im Gegensatz zu herkömmlichen Betrieben haben sie hier mehr Entscheidungsfreiheit. Mit dem Chip im Halsband kann sich das Vieh zwischen Weide, dem schützenden Dach und dessen Aussenbereich frei bewegen.

Liegen, fressen und melken

Der Innenbereich des Stalls wird vom Sonnenlicht durchflutet. Er weist nicht eine einzige Trennwand in Raumhöhe auf. Baulich ist diese Halle in drei Funktionsbereiche eingeteilt – «Liegen», «Fressen» und «Melken». Sie sind durch Schleusentore verbunden, die nur in einer Richtung passiert werden können. Dies erlaubt es den Kühen, in einem sogenannten «Feed first«-System vom Ruhebereich zur Fressstelle und zur Melkschleuse zu gelangen, wann immer sie es möchten. Zumindest fast: Will nämlich ein Tier weniger als sieben Stunden nach dem letzten Melkvorgang wieder vom Fressbereich zum Melkroboter, um an das rationierte Kraftfutter zu kommen, so registriert dies die Schleuse wegen des Chips und leitet die Kuh direkt in den Liegebereich.
Fehlerfrei ist aber auch dieses hoch entwickelte Viehhaltungssystem nicht, wie Stierli mit einem Schmunzeln zugibt: «‹Minoa› hat bereits herausgefunden, wie sie die Schleuse zwischen dem Fress- und dem Ruhebereich in beiden Richtungen passieren kann. Seither versucht sie manchmal, sich vor dem Melken zu drücken.» Wenn ihm aber der Rechner davon Meldung mache und er im Stall auftauche, so gehe sie selbstständig wieder in Richtung des Melkroboters.

Während wir miteinander sprechen, warten mehrere Kühe darauf, ihre Milch abliefern zu können. Plötzlich werden sie unruhig. Sie drängen auseinander, ohne dass dafür ein Anlass ersichtlich wäre. Erst nach einigen Sekunden zeigt sich am Boden ein silbernes Mobil von der Grösse einer ausgewachsenen Sau und mit einem angedeuteten Pflug ausgestattet, das sich seinen Weg durch die Herde bahnt. «Der Reinigungsroboter», sagt Stierli knapp. Auch die ansonsten aufwendige Reinigung der Stallkorridore übernimmt hier eine Maschine auf fest vorprogrammierten Routen. «Nur die Liegeboxen der Kühe reinigen wir heute noch dreimal täglich von Hand», erklärt er. Im Püntenmas ist auch das Abbürsten der Kühe Sache einer Maschine. Im Aussenbereich des Stalls befindet sich eine senkrechte Drehbürste, ähnlich denen einer Autowaschanlage, die das Vieh bei Bedarf selbst aufsuchen und auslösen kann. Das Füttern der Kühe erledigt Stierli jedoch weiterhin selbst per Mischwagen. Dies vor allem aus Kostengründen, wie er sagt: «Eine automatisierte Fütterung hätte mich etwa gleich viel gekostet, wie der Melkroboter.»

Zwei Stunden weniger Arbeit

Insgesamt erspart das Robotersystem dem Birmensdorfer durchschnittlich zwei bis drei Stunden Arbeit pro Tag. «Früher arbeiteten wir täglich etwa fünf bis sechs Stunden im Stall. Heute sind es nur noch zirka drei Stunden», so Stierli. Verschaffte ihm die Automatisierung also mehr Freizeit? Der Landwirt winkt ab: «Die frei gewordene Zeit nutzen wir für andere Arbeiten auf Feld und Hof. Der Betrieb wurde mit den Robotern vor allem effizienter.» Dies lässt sich auch am Ertrag messen: Innert 24 Stunden vermag die Melkmaschine doppelt so viele Kühe zu melken, wie zuvor die Bauersfamilie. Dadurch könne er heute ungefähr die doppelte Menge Milch verkaufen, so Stierli.
Auch wenn er die freie Zeit nicht zum Faulenzen nutzt, die Umstellung hat sich positiv auf sein Privatleben ausgewirkt, wie Stierli erklärt: «Ich kann meine Freizeit am Abend und an den Wochenenden flexibler gestalten. Ich bin weniger gestresst. Die Lebensqualität ist sicher gestiegen.» In die Ferien zu verreisen komme aber fast noch weniger infrage, als früher – er kenne nur wenige Kollegen, die während seiner Abwesenheit das Robotersystem bedienen könnten, erklärt er.

Der Trend zur Automatisierung in der Viehwirtschaft birgt aber auch Risiken: Das Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) zeigt in einer aktuellen Studie auf, dass eine gute Beziehung zwischen Mensch und Tier in der Viehhaltung ein wichtiger Erfolgsfaktor ist. Ein negativ behafteter oder auch nur mangelnder Kontakt zum Menschen kann bei Milchkühen demnach zu verminderter Nahrungsaufnahme, Milchejektionsstörungen schlechterer Fruchtbarkeit und in Extremfällen verbunden mit Stress gar zu Immunabwehrschwächungen sowie gesundheitlichen Problemen führen.

Beobachtung bleibt wichtig

Stierli stellt zwar fest, dass der direkte Kontakt mit seinen Kühen seit der Umstellung vor etwas mehr als einem Jahr merklich zurückgegangen ist. Dass die Tiere oder die Erträge darunter leiden könnten, glaubt er aber nicht: «Das Computersystem lässt über die Ertragsleistungen und das Melkverhalten der Kühe eine viel sorgfältigere Beobachtung zu.» Ausserdem achte er darauf, dass er den Kontakt zu seinem Vieh behalte, damit ihm Verletzungen, Brunstzeichen oder ein seltsames Gebaren nicht entgingen, so Stierli. 

Melk-Roboter in Birmensdorf (ZH) bei Remo Stierli

Melk-Roboter in Birmensdorf (ZH) bei Remo Stierli

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