Helgas und Gertruds müssen aufpassen

Betrüger geben sich am Telefon als falsche Polizisten aus, um Rentnern ihr Geld abzuknöpfen — eine Oberengstringerin fiel darauf rein.

Sarah Kunz
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Rosmarie Frei ist 78 Jahre alt. Seit ihr Mann gestorben ist, lebt sie alleine in Oberengstringen. Ihre Kinder warnen sie immer wieder vor Telefonbetrügern. Frei reagiert stets vorbildlich: Sobald es in einem Telefonat um Geld geht, fragt sie ihren Sohn Philipp um Rat. Sogar Anrufe von Krankenkassen wimmelt sie aus Angst vor Betrügern ab.

So auch am vergangenen Mittwoch. Das Telefon klingelt. Am Apparat meldet sich ein Polizisten-Paar, beide sprechen akzentfrei Hochdeutsch. Sie erzählen der Seniorin, man habe ermittelt, dass ihr Konto in den nächsten Stunden gehackt werde. Die vermutlich russischen Betrüger hätten es auf ihr Erspartes abgesehen, sie müsse sofort die Konten leeren. Auch dürfe sie niemandem Bescheid sagen, weil sie sonst die laufenden Ermittlungen gefährde und sich sowie die Kinder wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses wie auch versuchter Steuerhinterziehung strafbar mache.

Bankangestellter konnte Schlimmeres verhindern

Rosmarie Frei bekommt es mit der Angst zu tun, bleibt aber skeptisch. Sie willigt am Telefon zwar ein, wählt dann jedoch sofort den Notruf. Dort fragt sie nach dem Namen, den ihr die vermeintliche Polizistin angab: Frau Schwab. Man legt sie zur Abklärung in die Warteschleife. Mit jeder Minute, in der sie keine Gewissheit bekommt, wächst die Angst der Rentnerin. Sie sieht ihr Geld schon davonfliessen, schliesslich hat man ihr am Telefon gesagt, es eile. Der Druck wird ihr zu viel: Sicherheitshalber geht sie zur Post in Oberengstringen und will ihr Konto leeren. Doch die dortige Limite beträgt 500 Franken, mehr könne man nicht aushändigen, teilt man ihr mit.

Frei geht weiter zur Zürcher Kantonalbank. Sie wolle «so viel Geld wie möglich», sagt sie dort am Schalter. Der Bankangestellte wird stutzig. Er schiebt ihr einen Zettel zu, auf dem steht, ob sie bedroht werde. Frei schüttelt den Kopf. Sie erhält 20000 Franken und geht.

Betrüger haben Muster bei den Vornamen

Rosmarie Frei geht daraufhin noch auf die grössere Poststelle in Schlieren und hebt dort ebenfalls Geld ab. Mit rund 40000 Franken Bargeld kehrt sie zwei Stunden nach dem Anruf nach Hause zurück, wo sie die richtige Polizei bereits erwartet. Denn der Angestellte der Zürcher Kantonalbank blieb alarmiert und verständigte nach Freis Besuch die Polizei. Dann werden die Kinder angerufen, das Geld wieder zur Bank gebracht und Anzeige erstattet. Nun ermittelt die Kantonspolizei.

Telefonbetrug ist bekannt: «Die Betrüger versuchen es hauptsächlich bei älteren Personen», sagt Mediensprecher Ralph Hirt. «Die Maschen der Betrüger werden immer dreister.» Vor allem zwei Tricks werden immer wieder angewendet: Entweder geben sich die Betrüger als verwandte Personen in Not oder eben als Polizisten aus. Letzterer Trick wird im Kanton Zürich immer häufiger angewandt. Das Opfer wird überzeugt, sein Geld und andere Vermögenswerte in Sicherheit zu bringen. Die Masche sei «besonders perfid und arglistig». Denn die Täter bauen Druck auf, machen dem Opfer Angst und kombinieren dies mit dem Grundvertrauen in den polizeilichen Freund und Helfer.

«Oftmals gibt es Muster bei den Vornamen», sagt Hirt. Derzeit stehen etwa ältere Vornamen «Gertrud» und «Helga» hoch im Kurs. Auch «Rosmarie» fällt öfters. Sobald die Kantonspolizei bei einem gewissen Namen ein besonders hohes Gefahrenpotenzial erkennt, informiert sie via Twitter darüber. Zudem gibt die Kantonspolizei Tipps, mit denen sich Personen vor Telefonbetrug schützen können. «Seien Sie misstrauisch», «gehen Sie nie auf eine Geldforderung ein» und «nehmen Sie Warnungen von Bankangestellten ernst», lauten einige. Im laufenden Jahr gingen der Kantonspolizei Zürich 582 Fälle von versuchtem Telefonbetrug ein, in 17 Fällen waren die Betrüger erfolgreich. Sie erschlichen sich eine Gesamtdeliktsumme von 4,14 Millionen Franken.

Vorfall hat bei der Seniorin Spuren hinterlassen

Die 40000 Franken von Rosmarie Frei gehören dank des schnellen Eingreifens des Bankangestellten glücklicherweise nicht zu dieser Deliktsumme. «Zum Glück haben bei ihm die Alarmglocken geläutet», sagt Sohn Philipp Frei, der anstelle der Mutter die Geschichte erzählt. «Das hätte schon bei der Post geschehen sollen.»

Er ist dankbar, dass Schlimmeres verhindert werden konnte. Doch der Vorfall hat Spuren hinterlassen: «Mein Mami traut sich seither nicht mehr ausser Haus, wenns dunkel ist.» Ausserdem habe seine Mutter ein schlechtes Gewissen: «Sie muss sich von allen Seiten anhören, dass sie falsch reagiert hat.» Rosmarie Freis Kinder haben für sie nun eine neue Telefonnummer beantragt und ihren Eintrag aus dem Telefonbuch gelöscht, um die Gefahr von weiteren Anrufen zu minimieren. Denn auch Philipp Frei muss feststellen: «Die Gangster sind sehr professionell vorgegangen. Wenn sie so Druck machen, fährt das eben schon ein.»