Birmensdorf
Hélène Vuilles Engagement gegen Foodwaste füllt ein zweites Buch

Hélène Vuilles zeigt grosses Engagement gegen «Foodwaste». Sie stiess dabei auch schon auf taube Ohren und galt als Störenfried. Die Autorin weiss: «Man möchte das nicht immer hören».

Flurina Dünki
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Baut Brücken zwischen Menschen völlig unterschiedlicher Gesellschaftsschichten: Hélène Vuille in ihrem Garten in Birmensdorf.

Baut Brücken zwischen Menschen völlig unterschiedlicher Gesellschaftsschichten: Hélène Vuille in ihrem Garten in Birmensdorf.

Flurina Dünki

Hélène Vuilles Engagement beginnt mit einem ruinierten Feierabend. Nicht dem ihren, sondern dem eines Zürcher Migros-Filialleiters, dem sie an einem Abend im Jahr 1998 nach einer Diskussion von eineinhalb Stunden das Versprechen abnahm, ausgeschiedene Tagesfrischprodukte nicht mehr wegzuwerfen. Als «Erdbeben im Schlaraffenland» beschreibt die heute 63-Jährige den Anblick der Tonne, in die Angestellte der Gourmessa Sandwiches, Crèmeschnitten und Canapés warfen, als sie kurz vor Ladenschluss ein Brot kaufen wollte.

Das Buch «Die Brückenbauerin» von Helene Arnet, bei dem Hélène Vuille als Co-Autorin fungierte.

Das Buch «Die Brückenbauerin» von Helene Arnet, bei dem Hélène Vuille als Co-Autorin fungierte.

ZVG

Schon ab dem nächsten Tag sollte die Birmensdorferin die Esswaren gratis abholen und an ein Heim für Obdachlose liefern dürfen. Heute transportieren im Rahmen von Vuilles Projekten unzählige Freiwillige regelmässig übrig gebliebene Tagesfrischprodukte zu Hospizen, Asylunterkünften und öffentlichen Ausgabestellen, wo die süssen uns salzigen Happen inzwischen nicht mehr wegzudenken sind.

Doch Hélène Vuille hat noch nicht alle ihre Ziele erreicht. Dies erfährt der Leser im neuen Buch «Die Brückenbauerin», das heute erscheint. Geschrieben hat es die Journalistin Helene Arnet, die Vuille für den «Tages-Anzeiger» einst auf einer Tour mit Esswaren ins Hospiz begleitete. Sie beschreibt etwa den Plan der Aktivistin, die obligatorische Abgabe von Tagesfrischprodukten durch Lebensmittelhändler an zertifizierte Heime oder bedürftige Privatpersonen auf Bundesgesetz-Ebene zu verankern.

Erstes Buch öffnete Türen

Bereits 2012 hat Vuille ihre Erfahrungen mit dem Lebensmittelhandel und ihre Erlebnisse mit den Empfängern der gelieferten Produkte, für die Vuille eine wichtige Gesprächspartnerin wurde, im Buch «Im Himmel gestrandet» festgehalten.

Als das Buch erschien, erlebte die Birmensdorferin nicht nur eine Welle der Solidarität zugunsten ihres Projekts. Die mediale Aufmerksamkeit und die damit verbundene öffentliche Diskussion über eine sinnvolle Verwertung von Lebensmitteln öffneten ihr auch automatisch Türen, an die sie in Zukunft anklopfte. «Die Migros bestätigte mir, dass mein Projekt nach dem Buch für sie einen höheren Stellenwert hatte», so Vuille.

Lange Zeit war sie für das Grossunternehmen eher ein Störenfried gewesen, mit dem man erst nach drei Jahren Projektdauer einen Vertrag schloss, der auf bestimmte Zürcher Filialen beschränkt war. Und dies auch nur, weil Vuille zusammen mit der Caritas als Vertragspartner auftrat. Kurz nach Erscheinen des Buchs erhält die Aktivistin grünes Licht für sämtliche Filialen der Kantone Zürich, Aargau, Bern und Solothurn.

Die Buchtaufe zu «Die Brückenbauerin» findet heute um 19.30 Uhr im Üdiker-Huus in Uitikon statt.

Die Arbeit mit Hélène Vuille habe ihre Haltung gegenüber Randständigen geändert, sagt Arnet über die Entstehung des neuen Buches. Vuille verhindere nicht nur die Entsorgung von Esswaren, sondern nehme sich auch Zeit für ein Gespräch mit den Heimbewohnern, sagt die Dietiker Autorin. «Hélène baut die Brücke zwischen den Menschen, die ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft haben, und denjenigen am Rande.»

Auch Vuille hat Kapitel des neuen Buches verfasst. Sie stellt dem Leser Menschen auf der «Rückseite des Lebens» vor, von denen einige schon im ersten Buch zu Wort kamen. Manuel etwa, der in einer Villa am Zürichberg aufwuchs, oder Zeno, der oft von vermögenden – und teilweise prominenten - Familienvätern auf der Strasse aufgegabelt wurde.

Während der Entstehung des zweiten Buches starb er. «Viele dieser Menschen fragen mich, wann ich ihnen eine Stimme gebe. Die Gesellschaft möchte diese Stimmen eigentlich nicht hören.» Doch aufs Maul sitzen, das kann Hélène Vuille nicht gut: «Die Leute sollen wissen: Diese Person ist nicht einfach ein Alki oder ein Penner, sondern ein Mensch, der eine Geschichte hat. Ich kenne einige Leute, deren Leben sich lange an der Bahnhofstrasse abspielte und die nun im Hauptbahnhof zu Hause sind.»

Die Limmattaler Zeitung wollte es wissen und hat auf der Strasse nachgefragt: Wie engagieren Sie sich?

Hans Zollinger (87), Unterengstringen «Ich spende gezielt, und zwar an die Kinderspitäler von Beat Richner in Kambodscha. Früher setzte ich mich für die Beschilderung der Wanderwege in Unterengstringen ein und leitete einen Verein in Dietikon, der Touren durchführte.»
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Larissa Buser (24), Zürich «Ich spende für ein Tierheim in Griechenland, das ich in den Ferien kennenlernte. In Abstimmungen engagiere ich mich für Flüchtlinge. Zudem unterstütze ich das Hilfswerk Aramaic Relief International mit Kleider und Geld.»
Robert Schenker (57), Unterengstringen «In den 1980er-Jahren malte ich surreale Werke, die ich nur schweren Herzens verkaufen würde. 20 Prozent des Erlöses würde ich der Stiftung von Pfarrer Sieber geben. Hätte ich Geld, würde ich in alternative Energie investieren.»
Rita Schleuniger (62), Oberengstringen «Aus Dankbarkeit, dass meine Familie verschont blieb, spende ich regelmässig für Behindertenheime in der Schweiz. Hätte ich als berufstätiges Grosi mehr Zeit, würde ich Kinder und ältere Menschen begleiten und so unterstützen.»
lessandra Faustino (41), Geroldswil «Meinen Neffen in Brasilien sende ich Geld, damit sie eine gute Schulbildung haben. Zusätzlich spende ich für das Hilfsprojekt Believe Friends of the Nations, weil ich die Gründerin kenne und weiss, dass es eine gute Sache ist.»

Hans Zollinger (87), Unterengstringen «Ich spende gezielt, und zwar an die Kinderspitäler von Beat Richner in Kambodscha. Früher setzte ich mich für die Beschilderung der Wanderwege in Unterengstringen ein und leitete einen Verein in Dietikon, der Touren durchführte.»

Ly Vuong