Als die Dietiker vor 30 Jahren gespannt im Schweizer Fernsehen den Dokfilm des Dietiker Filmemachers Roland Huber zur besten Sendezeit eingeschaltet hatten, waren sie nicht vorbereitet. Der Titel des Films lautete «900 Jahre Dietikon: Requiem auf mein Dorf».

Aufgrund seiner kritischen Sicht auf das 900-Jahr-Jubliläums-Stadtfest, die Zentrumsentwicklung und das Wachstum musste Huber danach bei wichtigen Dietikern vorsprechen. Es hiess, er sei ein «Nestbeschmutzer».

Nun, 30 Jahre später, zeigte am Sonntag das Ortsmuseum in Anwesenheit des Filmemachers dieselbe Dokumentation. Statt Ärger rief der Film immer wieder Lacher hervor. Weit über 100 Besucher kamen zur Vorführung.

Die Dietiker Journalistin Helene Arnet stellte den heute in Graubünden wohnenden Filmemacher Roland Huber vor. Im Interview stellte Huber klar, dass er nicht per se gegen neue Siedlungen sei. Für eine gute Entwicklung brauche es aber Begegnungsorte, Schulen, Restaurants und auch kleinere Läden. Wenn der Bodenpreis zu hoch werde, könnten sich aber nur grosse rentable Geschäfte niederlassen, was der Gemeinschaft als solches nicht diene.

Auch 2019 noch aktuell

Die Aktualität des Films liege auf der Hand, sagte die Leiterin des Ortsmuseums, Regula Stauber. Heute, 60 Jahre nach der Erklärung Dietikons zur Stadt, sei Dietikon mit weiteren Veränderungen wie dem Limmatfeld und der anstehenden Limmattalbahn konfrontiert. Doch was die Dorf- respektive Stadtseele betrifft, sei sie optimistisch.

Erzürnt durch den Film sei sie nicht, sagte Stauber. Sie zeigte Verständnis für die Situation: «Wenn man als Politiker, wie 1989 der Stadtpräsident Hans Frei, an vorderster Front steht, kann man gewisse Entwicklungen nicht aufhalten. Man ist verpflichtet, die Zukunft zu planen.»

Dass dabei nicht alle Wünsche erfüllt werden können, sei Realität. Damit sprach sie die schmerzliche Enteignung der Wirtin des Restaurants zum neuen Bahnhof, Alice Seiler, oder den Abriss des Hauses von Hubers Urgrossvater an, die im Film vorkamen.

Der 83-jährige Dietiker Pierre Lalive fand die Doku «hervorragend». Er kannte den damaligen Finanzchef Robert Müller persönlich, dieser sei «sehr authentisch» rübergekommen. Müller hatte die Rolle des schlauen Fuchses inne.

Der Unterengstringer Gemeinderat Markus Nydegger, der in Dietikon aufgewachsen ist, erklärt sich die Empfindlichkeit so: «Dietikon ist ein Vorreiter der Urbanisierung. Als Behörde möchte man seine Gemeinde positiv entwickeln und der Film war sehr kritisch.»

Die Kulturbeauftragte der Stadt, Irene Brioschi, erklärt sich die damalige Reaktion damit, dass man etwas Anderes erwartet hatte vom Film, der aber provokativ ist. Nochmals bewusst geworden sei ihr die Aktualität der Themen darin: die Sehnsucht nach dem alten Dorf, die Mühe mit dem Wandel zur Stadt und, angedeutet, das Thema der Migration.

Dass der Film gezeigt wurde, verdankt man Walter Eckert, Mitglied der Ortsmuseumskommission. Eckert hatte eine Statistenrolle im Film und entdeckte die Dokumentation wieder in seinem Archiv. Als damaliger Gemeinderat war er überrascht über die Empfindlichkeit der Behördenmitglieder, nun war er überrascht vom grossen Interesse am Film. Wegen der Nachfrage wird das Ortsmuseum den Film am Sonntag, 27. Januar nochmals zeigen. Platzkarten sind gratis bei der Buchhandlung Scriptum erhältlich.