«Home Opera»
Heimische Gemütlichkeit: In Wohnzimmern lässt sich was erleben

Grosse Party-Tempel und aufwendige Theaterproduktionen erhalten Konkurrenz aus den eigenen vier Wänden: An der Zürcher Langstrasse orientiert sich eine exklusive Bar ganz an der heimischen Gemütlichkeit, während ein Theaterensemble die Bühne durch ein Wohnzimmer ersetzt.

Daniel Diriwächter und Flurina Dünki
Merken
Drucken
Teilen
Der Autor Jaroslav Rudiš liest an einer Sofalesung im Wohnzimmer einer Stadtzürcher Wohngemeinschaft. Ben Koechlin

Der Autor Jaroslav Rudiš liest an einer Sofalesung im Wohnzimmer einer Stadtzürcher Wohngemeinschaft. Ben Koechlin

Ben Koechlin

Sie gehen mal kurz in die Küche, holen sich einen Drink und setzen sich danach wieder gemütlich auf das Sofa, um zusammen mit Ihren Freunden leidenschaftlichen Opernsängern zuzuhören. Und diese stehen nicht auf einer grossen Bühne, sondern direkt vor Ihnen. Fiktion? Nein, Realität. Es ist das Konzept der Berliner «Home Opera», die seit mehr als drei Jahren nicht die Bühnen, sondern die Wohnungen der Welt bereist. Auch in Dietikon war die «Home Opera» schon mehrmals zu Gast.

Privat-Partys waren schon immer äusserst beliebt, und der Siegeszug des Heimkinos steht für sich selbst. Doch ein Platz im privaten Salon wird auch für viele andere Kunst- und Kulturformen immer begehrter. Die Gründerin der «Home Opera», Hetna Regitze Bruun, wird mit Anfragen für mögliche Auftritte richtiggehend überhäuft: «Ich bin auch in Verhandlungen mit Leuten aus Los Angeles», erzählt die Dänin beim Besuch in Dietikon.

Wer im gemütlichen Rahmen essen und dabei auch noch potenzielle neue Freunde kennen lernen will, kann sich bei Züri Kocht (zueri-kocht.ch) seinen persönlichen Gastgeber aussuchen. Auf dem Internetportal finden passionierte Hobbyköche und Geniesser zusammen. Jeder Nutzer kann auf der Plattform ein Essen ausschreiben, zu dem sich andere wiederum anmelden können. Preis und Menü werden jeweils im Vorfeld angekündigt. Viele Köche auf der Plattform haben schon mehrere Abendessen veranstaltet. Dank Kommentarfunktion können auch Neulinge sich im Vorfeld informieren, wie sich die Gastgeber bisher geschlagen haben.

Findet sich kein passendes Wohnzimmer, gibt es immer noch genügend Bars, die sich ebenfalls an der heimischen Stube orientieren – wie die Wohnzimmer-Bar in der Zürcher Kalkbreite-Siedlung. Diese erhielt jüngst Konkurrenz vom Club «Kasheme», dessen Räume eingerichtet sind wie ein grosses Wohnzimmer mit Sofas und Bücherregalen. Hier wird bewusst auf grosses Tamtam verzichtet, was die Exklusivität zusätzlich erhöht. In der Nähe der Langstrasse gelegen (die Adresse gibt es nur auf Anfrage via Website), bietet das «Kasheme» nur Platz für 50 Gäste sowie das Online-Radio «Rundfunk.fm».

Der Club hat nur wenig mit der namensgebenden Kaschemme, abwertend für Kneipe, zu tun. Gründer Oliver Scotoni sagte gegenüber «20 Minuten»: «Wer betrunken oder verstrahlt ist, kommt nicht rein.» Das exklusive Wohnzimmer ist nur noch bis Anfang nächster Woche auf gut Glück besuchbar. Bei Erfolg hofft Scotoni auf eine Weiterführung – mit einer Mitgliedskarte.

Auch literarische Veranstaltungen kann man in heimeliger Atmosphäre geniessen. An den «Sofalesungen» bieten Privatleute ihr Wohnzimmer für Lesungen junger Autoren im kleinen Rahmen an. Die Idee des in Deutschland als «WG-Lesungen» bekannt gewordenen Modells hat im letzten Jahr auch in der Schweiz ihre Umsetzung gefunden.

«Wir wollen jungen Leuten die Literaturwelt schmackhaft machen», erklärt Miriam Hefti, die Verantwortliche für Sofalesungen im Raum Zürich. Gleichzeitig solle damit Nachwuchsautoren eine Plattform geboten werden, um ihre Werke vorzustellen.

Heute Sonntag etwa wird Amina Abdulkadir, eine junge Schweizerin mit somalischen Wurzeln, in einer Zürcher WG aus ihrem Kurzgeschichtenband vorlesen. «Von der enormen Anziehungskraft der Sofalesungen wurden wir an den ersten Zürcher Veranstaltungen völlig überrascht», sagt Hefti. Offenbar koste es doch weniger Überwindung als gedacht, in den gemütlichen Stuben Fremder in den Ausgang zu gehen.