Schlieren
Heilpädagogin: «Der Versuch bringt Ruhe in die Klassen»

Die Schule Hofacker in Schlieren nimmt an einem Projekt teil, das bereits auf positive Resonanz stösst. Eva Durisch-Simioni ist Heilpädagogin und versucht mehr Ruhe in die Schulklassen zu bringen.

Florian Niedermann
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Die Schlieremer Heilpädagogin Eva Durisch-Simioni ist vom neuen Schulversuch überzeugt.

Die Schlieremer Heilpädagogin Eva Durisch-Simioni ist vom neuen Schulversuch überzeugt.

Florian Niedermann

Frau Durisch-Simioni, beim Schulversuch «starke Lernbeziehungen», an dem Ihr Schulhaus Hofacker teilnimmt, arbeiten Heilpädagoginnen und andere Fachlehrkräfte nicht mehr in den Klassenzimmern. Empfangen Sie und Ihre Kollegen Schüler, die heilpädagogische Unterstützung brauchen, nun im privaten Büro?

Eva Durisch-Simioni: Nein, ich muss mir kein privates Büro mieten. Aber die Kinder kommen heute für Analysen und Förderdiagnosen in mein Büro im Schulhaus, statt ich in ihre Klassen. Viele Heilpädagoginnen oder Fachlehrkräfte für Deutsch als Zweitsprache, auch DaZ genannt, hatten bisher keinen eigenen Arbeitsort und waren immer in Klassenzimmern zu Besuch. Für einige war das eine sehr undankbare Situation.

Ziehen Sie auch die Art des Unterrichtens, wie sie derzeit getestet wird, der bisherigen vor?

Ich denke, die Form, welche im Schulversuch «Fokus starke Lernbeziehungen» zum Tragen kommt, hat gegenüber der anderen Variante grosse Vorteile.

Die da wären?

Sie bringt Ruhe in die Schule. Wenn ich jeweils in die Klassen ging, um ein Kind zu unterrichten, wurden auch die anderen Kinder unruhig. Die Schüler hatten ausserdem alle mit einer weiteren Lehrperson zu tun, und es gab für Eltern wie auch die Klassenlehrer eine zusätzliche Schnittstelle, die im Schulalltag eine Rolle spielte. Heute wissen Kinder wie Eltern immer, an wen sie ihre Anliegen richten müssen: Die Klassenlehrer-Teams sind ihre Ansprechpersonen.

Worin unterscheidet sich Ihre Arbeitsweise heute von derjenigen ausserhalb des Schulversuchs?

Ich arbeite nicht mehr in den Klassen. Früher konnte ich pro Klasse zwei Schüler definieren, deren Lernverhalten sie als förderbedürftig auswies. Wobei es oft schwierig auszumachen war, ob eine integrative Förderung wirklich nötig war. Um mit den Kindern zu arbeiten, ging ich in eine Klasse, nahm die betreffenden Schüler hinaus, um mein Programm mit ihnen anzugehen, oder unterrichtete sie gleich im Klassenverband.

Und heute?

Heute basieren die Beratungen auf zwei Schulbesuchen pro Jahr und Klasse und bei akuten Fragen gilt das Hol-Prinzip. Wir Fachlehrkräfte sind also nicht mehr in den Klassen tätig, sondern werden von den Klassenlehrer-Teams bei Bedarf hinzugezogen. Letztere wenden die heilpädagogischen Unterrichtsmethoden bei den betreffenden Schülerinnen und Schülern im Klassenverband selbst an. Das heisst, dass ich diese Kinder, die Hilfe brauchen, nicht mehr selbst unterrichte. Stattdessen berate ich die Lehrer und erstelle mit ihnen einen Förderplan für ein Kind, den sie im Unterricht umsetzen.

Kennen Sie die Kinder überhaupt noch, für die Sie Förderpläne erstellen?

Ja, auf jeden Fall. Wenn eine Lehrperson mich um Hilfe bittet, mache ich mir vom betreffenden Schüler immer erst im Unterricht ein Bild. Anschliessend bespreche ich mit der Lehrkraft die Förderziele und sitze eine Stunde lang mit diesem Kind zusammen, um es kennenzulernen und mit der Hilfe von förderdiagnostischen Mitteln eine Analyse zu erstellen. Nur so kann ich einen auf das Kind zugeschnittenen Förderplan erarbeiten.

Als der Kanton den Versuch vorstellte, klang es danach, als würde die Schule wieder zum bewährten System aus der Jugend unserer Eltern zurückkehren. Wie weit stimmt diese Einschätzung?

Nur sehr bedingt. Man ist im Unterricht auch im Schulversuch im Vergleich zu früher viel differenzierter. Und man hat dadurch auch viel mehr Möglichkeiten, Hilfe bei Fachleuten wie Logopädinnen, Schulsozialarbeitern und dem schulpsychologischen Dienst zu holen. Wir sind viel besser vernetzt als früher. Ausserdem sind die Lehrpersonen heute oft zu zweit im Schulzimmer, was den Vorteil mit sich bringt, dass Problemfelder bei Schülern eher entdeckt werden. Das war in der Schule zur Zeit unserer Eltern genauso wenig der Fall, wie im Schulsystem, das heute im Kanton ausserhalb des Schulversuchs vorherrschend ist.

Kritische Stimmen werden bemängeln, dass mit dem neuen Unterrichtsansatz bloss eine weitere Reform auf die unzähligen Vorangegangenen folgt. Sollte man die Schüler nicht vor einer weiteren Umstellung verschonen?

In diesem Fall geht es genau darum, allen Beteiligten Ruhe zu geben. Wir merken bereits heute im Schulhaus und anhand der Feedbacks der Väter und Mütter unserer Kinder, dass diese Wirkung erzielt werden konnte und dass der Schulversuch auf positive Resonanz stösst.

Welche Vorteile bringt der Schulversuch denn den Kindern?

Sie müssen die Klasse nicht mehr verlassen, wenn sie zusätzlich gefördert werden. Der Schulversuch lässt so den Klassenverband und die Schüler mit den Klassenlehrern mehr zusammenwachsen.

In Ihrer neuen Rolle unterrichten Sie also nicht mehr Kinder, sondern bringen Lehrern bei, wie sie Schüler mit besonderen Bedürfnissen unterrichten sollen. Werden Sie also von der Lehrerin zur Erwachsenenbildnerin?

Nein. Die Vorstellung, dass wir alle Klassenlehrkräfte zu Heilpädagoginnen und DaZ-Lehrern ausbilden, stimmt so nicht. Was wir hier versuchen, ist ein völlig neues Konstrukt mit einer neuen Rollenverteilung. Ich muss Lehrern nicht meinen Beruf beibringen, sondern dafür sorgen, dass mein Fachwissen möglichst effektiv in eine Klasse transferiert werden kann.

Verlangt die neue Aufgabenstellung von Fachlehrpersonen wie Ihnen nicht auch nach einer anderen Ausbildung?

Die interkantonale Hochschule für Heilpädagogik hat einen Ausbildungskatalog erarbeitet, der Module für die Lehrpersonen aber auch für die Berater — die Fachlehrpersonen — anbietet. Ich denke schon, dass man hier ein neues Berufsfeld generiert, und dass dafür andere Fähigkeiten vonnöten sind. Diese kann man in solchen Modulen erwerben. Es gibt aber auch Heilpädagogen, denen diese neue Rolle nicht liegt. Diese sollten besser die klassische Arbeitsweise wählen.

Wäre denn das überhaupt noch möglich, falls der Kanton diese Unterrichtsstrukturen flächendeckend einführt?

Nein, dann wohl nicht mehr. Aber wir befinden uns in der Versuchsphase und diese dauert noch weitere fünf Jahre. Es gibt also derzeit noch viele Schulhäuser, in denen klassische Heilpädagoginnen sehr gesucht sind.

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