Was ist typisch an einem Schweizer Dorf? Die Frage hört sich einfacher an, als sie ist. Sind es Braunvieh-Kühe mit bimmelnden Trycheln und dicken Eutern, wiederkäuend auf der Weide, ein dorfkernnah gelegenes Schützenhaus, das regelmässige Erklingen von Alphörnern und Schwyzerörgeli? Oder sind es viele Landwirtschaftsbetriebe, ein hoher Eigenheimanteil mit überwiegend alteingesessenen Bewohnern, eine enorme Anzahl von Pendlern? Oder gelebtes Brauchtum, ein reiches Vereinsleben, Abschottung gegenüber dem Fremden, eine gewisse Unzugänglichkeit, viele eifrige Jasser?

Um diese und ähnliche Merkmale hat sich der Dietiker FDP-Gemeinderat Martin Romer gar nicht erst gekümmert, als er seine Kleine Anfrage an die Stadt richtete. Ihr Ziel: Dietikon soll sich bei der Radio SRF Musikwelle für die Sendung «Dorfplatz 2017» als typisches Schweizer Dorf bewerben. Radio SRF formuliert in seiner Ausschreibung: «Wenn Sie als Bewohnerin oder Bewohner meinen, Ihr Dorf sei für den ‹Dorfplatz 2017› genau das Richtige, dann motivieren Sie die Verantwortlichen Ihrer Gemeinde, eine Bewerbung abzuschicken. Aus allen eingereichten Bewerbungen wählt die SRF Musikwelle drei ähnlich grosse Dörfer aus drei verschiedenen Regionen, die in einer Abstimmung gegeneinander antreten. Den Zuschlag bekommt das Dorf, das die meisten Stimmen erhält.» Bei einem Abstimmungserfolg wird die SRF Musikwelle vom 8. bis 12. Mai mit ihrem Dorfplatz-Team eine Woche lang das erwählte Dorf besuchen.

«Wir gehen ins Dorf»

Romer ficht nicht an, dass Dietikon nicht nur nach der Anzahl seiner Einwohner (mit knapp 27 000 deutlich über den statistisch erforderlichen 10 000) per definitionem eine Stadt ist und sich auch selbst so nennt. Ausschlaggebend ist für Romer etwas anderes: «Mich erinnert Dietikon in vielerlei Hinsicht immer noch an ein Dorf. Und wenn man mit den Leuten redet, empfinden die das genauso.» Unsere Umfrage unter Dietiker Einwohnern (siehe unten) bestätigt Romers Beobachtung. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Alteingesessene noch sagen würden: «Wir gehen ins Dorf», so Romer. Er ist sogar davon überzeugt, dass der grössere Teil der Dietiker sich als Dorfbewohner sieht.

Vor allem aber ist er der Überzeugung, dass Dietikon einiges zu bieten hat. In der Kleinen Anfrage schreibt er: «Ist der Stadtrat interessiert, bereit und willens, die Gemeinde ins Bewerbungsrennen zu schicken?» und zählt die Fakten auf, mit denen Dietikon bei der Bewerbung punkten könnte: «Ausblick Stadtfest 2018, Rapidplatz als ‹Dorfplatz› der Bewerbung, polyglotte Gemeinde mit mehr als 100 Vereinen, Niderfeld als Entwicklungsgebiet mit kantonaler Bedeutung, geschichtliche Entwicklung (Cattaneo, Marmor etc.)».

SRF-Sendung vom Rapidplatz?

Moment. Der Rapidplatz als Dorfplatz? Kann das wirklich Romers Ernst sein? Er sieht das gänzlich ironiefrei: «Es tut mir in der Seele weh, dass der Rapidplatz ein gewisses Stiefkinddasein in unserer Gemeinde führt.» Eine SRF-Sendung von dort könnte das Image des Platzes wandeln, so hofft er. Auch die Firmen und die Zuzüger könnten sich dort besser präsentieren als etwa auf dem Kirchplatz. Überhaupt möchte er etwas zum Positiven hinbewegen: «Es soll nicht immer nur negativ über Dietikon gesprochen werden.» Immer werde man auf die Herausforderungen angesprochen, etwa den höchsten Sozialhilfeindex im Kanton Zürich oder den Ausländeranteil von 43 Prozent. Aber es gebe eben auch die interessante Stadtentwicklung, ihre Geschichte und das reiche Vereinsleben.

Bei einer möglichen Bewerbung steht es um die Chancen Dietikons allerdings eher schlecht. Im letzten Jahr erhielt die Obwaldner Gemeinde Lungern mit 2100 Einwohnern, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Brünigschwinget-Arena gelegen, den Zuschlag. 2015 setzte sich das 2800 Einwohner zählende St. Galler Dorf Mosnang durch. Auch Romer rechnet sich nicht viel für seine Stadt aus: «Wahrscheinlich bekommen wir den Zuschlag nicht.» Dennoch erachtet er es für positiv, wenn die Kulturbeauftragte und der Wirtschaftsförderer der Stadt wegen der Sendung aktiv werden und PR für Dietikon machen. Aber natürlich sei es das Privileg des Stadtrats, ob er die Bewerbung lancieren möchte. «Ich fände es auf jeden Fall gut, wenn für unser ‹Dorfstädtli› die Werbetrommel gerührt würde», so Romer.