Schlieren
Harry Welten überwand zwei Schuldenberge

Harry Welten, Finanzchef der Bio-Tech-Pionierin Cytos, zieht aus der Krise der Firma auch Positives.

Florian Niedermann
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Harry Welten.

Harry Welten.

Limmattaler Zeitung

Harry Welten hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Vor kurzem konnten der CFO des Schlieremer Bio-Tech-Unternehmens Cytos und seine Geschäftsleitungskollegen vermelden, dass ihre Firma eine Fusion mit der Zürcher Firma Kuros plant. Bevor es dazu kommen konnte, kämpfte die Pionierin des Bio-Technoparks auf dem Wagi-Areal jedoch monatelang ums Überleben.

An jenen Freitagabend im April 2014 kann sich Harry Welten noch heute erinnern, als ob es gestern wäre: «Das fühlte sich an, als wären wir mit 200 Kilometern pro Stunde in eine Wand gefahren.» Wir, damit meint er sich, die anderen Mitglieder der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats sowie die damals 36 Angestellten der Bio-Tech-Pionierin Cytos mit Sitz auf dem Schlieremer Wagi-Areal.

Das ETH-Spin-off forschte zu diesem Zeitpunkt schon seit mehreren Jahren an einem vielversprechenden Asthmamedikament namens CYT003. 18 Monate zuvor war eine grosse verblindete klinische Studie eingeleitet worden. «Die vorangehenden Tests verliefen positiv.

Wir waren überzeugt, dass das Medikament zum Fliegen kommt», erinnert sich Welten. Doch dann, kurz vor 18 Uhr, erhalten die Forscher eine Zwischenauswertung der Studie. Das schockierende Ergebnis: Die Wirksamkeit des Medikaments konnte nicht nachgewiesen werden.

Altlasten bedrohten die Firma

Die börsenkotierte Cytos stand damit kurz vor dem Ende. Denn nach dem Aus des Asthmamedikaments sah sich das Unternehmen gleich mit zwei Schuldenbergen konfrontiert: Bereits im Jahr 2012 hatte sich die Firma in einer existenziellen Krise befunden, weil eine Wandelanleihe fällig wurde.

Sie konnte damals nur einen Teil davon begleichen – den Rest stundete sie um drei Jahre. Um das Medikament weiterentwickeln zu können, war Cytos aber auf neue Darlehen angewiesen, die ebenfalls letzten Februar fällig wurden.

Der Geschäftsleitung blieb laut Welten nur eine zweistufige Restrukturierung des Unternehmens, um die Schuldenberge abtragen zu können. Den Angestellten mussten sie kündigen und schnellstmöglich finanztechnische Rettungsmassnahmen einleiten.

Dabei wurden Wandelanleihen in der Höhe von 23 Millionen Franken in Eigenkapital umgewandelt und mit den Darlehensgebern vereinbart, dass sie nur 92 Prozent ihrer Forderungen zurückerstattet erhielten. Weil Obligationäre und Darlehensgeber diesen Massnahmen zustimmten, wurde das Bio-Tech-Unternehmen Mitte 2015 schliesslich schuldenfrei.

Anfang Dezember konnte Cytos dann die geplante Fusion mit Kuros vermelden. Wird diese Tatsache, so erhält die daraus hervorgehende «Kuros Biosciences AG» neue flüssige Mittel – Kuros hat vor kurzem eine Finanzierung über 20 Millionen Franken für die Weiterentwicklung einer Hirnhaut-Wundversiegelungstechnologie und eines Knochenheilmittels abgeschlossen – und das Zürcher ETH-Spin-off Kuros im Gegenzug Zugang zur Börse.

Von Cytos verbleiben dann nur Verwaltungsratspräsident Christian Itin und Harry Welten im Verwaltungsrat der Kuros Biosciences. Unklar ist laut dem CFO, ob die neue Aktiengesellschaft ihren Sitz wie bisher im Bio-Technopark haben wird. Damit die Fusion perfekt ist, müssen sie die Aktionäre an einer ausserordentlichen Generalversammlung Anfang Januar erst absegnen.

Welten sagt, Kuros sei von allen geprüften Fusionspartnern der Wunschkandidat gewesen. «Das Unternehmen arbeitet an zwei Produkten mit hohem medizinischem Nutzen, die in zwei bis vier Jahren marktreif sein könnten.»

Weil es sich dabei nicht um Medikamente, sondern um medizinische Technologien handle, sei es zudem weniger wahrscheinlich, dass sie aufgrund von regulatorischen Hürden nicht auf den Markt kommen werden. Der Verwaltungsrat glaubt daher, dass es auch für die Cytos-Aktionäre nach der Fusion endlich wieder aufwärtsgehen könnte.

Nicht die erste Restrukturierung

Die Cytos-Krise des letzten Jahres war für Welten nicht die erste, die er mit einem Bio-Tech-Unternehmen erlebte. Der in Albisrieden aufgewachsene Finanzchef blickt auf eine mittlerweile 15-jährige Karriere bei mehreren Bio-Tech-Spin-offs zurück.

Mehrmals wurden – in dieser Branche keine Seltenheit – Restrukturierungen nötig. Doch Welten, der vor seiner Bio-Tech-Ära fünf Jahre in den USA verbracht hat, zieht daraus auch Positives: «In den Staaten habe ich gelernt, dass es nicht schlimm ist, zu fallen. Schlimm ist, wenn man nicht mehr aufsteht.»