Als der Dietiker Friedhof Guggenbühl im Juli 1912 eröffnet wurde, war die Freude nicht besonders gross. Die Exekutive wollte nicht einmal eine festliche Einweihung und lehnte auch eine kirchliche Einsegnung des Friedhofes ab. Nur mit grosser Anstrengung konnte durchgesetzt werden, dass ein steinernes Kreuz aufgestellt wurde.

Doch der Friedhof war dringend nötig. Aufgrund des Bevölkerungszuwachses fehlte vor allem den Protestanten der Platz für neue Gräber - insbesondere weil bis 1898 auch noch Verstorbene aus Bergdietikon, Spreitenbach und Killwangen Anspruch auf ein Begräbnis in Dietikon hatten.

Katholiken waren «wenig begeistert»

Es waren denn aber vor allem die Katholiken, die von der Idee eines neuen Friedhofs «wenig begeistert» waren, wie Hans Peter Trutmann, Präsident der Dietiker Neujahrsblattkommission, erzählt. Denn ihre Stimmung sei bereits gedrückt gewesen, da kurz zuvor die konfessionelle Schule in Dietikon abgeschafft worden sei.

Dass sie nun auch noch indirekt dazu gezwungen wurden, bei der Friedhofverlegung mitzumachen, stiess einigen offenbar sauer auf. Zudem war der neue Friedhof unterhalb des Guggenbühlwaldes ein ökumenischer Friedhof, auf dem sowohl Katholiken als auch Reformierte ihre Toten beerdigten. Auch das gefiel vielen Gläubigen nicht.

Kurt Bachmann war 20 Jahre lang Friedhofsgärtner

Denn zuvor hatten sich Reformierte und Katholiken zwar ihr Gotteshaus, die Simultankirche, geteilt: Sie stand dort, wo sich heute die katholische Kirche St.Agatha befindet. Doch beerdigt wurde rund um die Kirche konfessionell getrennt und damals noch unter der Obrigkeit der Kirchgemeinden. Erst ab 1912 sei dann die politische Gemeinde für die Bestattungen zuständig gewesen, erzählt Kurt Bachmann. Er war 20 Jahre lang, von 1983 bis 2003, Friedhofsgärtner in Dietikon.

Kurt Bachmann weiss einiges über den Friedhof zu erzählen, der, wie seine Frau Ruth sagt, «einfach 20 Jahre lang sein Friedhof war». Noch heute behütet er das grosse schwarze Buch, in das von Anfang an alle Personen eingetragen wurden, die auf dem Friedhof Guggenbühl begraben sind.

Der einst edle Leineneinband ist zwar unterdessen abgewetzt, die Farbe verblichen, die in Leder eingefassten Ecken ramponiert. Trotzdem strahlt das Buch, auf dessen Deckel mit Goldschrift «Begräbniskontrolle Gemeinde Dietikon» steht, noch immer eine würdevolle Schwere aus. Sie sei schon etwas ehrfürchtig gewesen, als sie das erste Mal in das Buch habe schreiben dürfen, sagt denn auch Ruth Bachmann.

Johannes Wiederkehr wurde am 7. Juli 1912 beerdigt

Der allererste Eintrag wurde genau heute vor 100 Jahren gemacht: Damals, am 7. Juli 1912, wurde Johannes Wiederkehr beerdigt. Bis 1986 war das Buch in Betrieb, danach war es voll und wurde durch einen gewöhnlichen Ordner mit Blättern ersetzt, wie Kurt Bachmann erzählt.

Nach der Inbetriebnahme des Friedhofs Guggenbühl konnten die alten Gräber um die Simultankirche aufgrund der Grabruhe nicht sofort aufgehoben werden. Die Kirche selber wurde im Frühling 1926 abgerissen und ein Jahr später durch die Katholiken mit der St.Agatha ersetzt.

Die letzten Gräber seien wohl Anfang der 1940er-Jahre aufgehoben worden, vermutet Kurt Bachmann. Bei seiner Eröffnung war der neuen Friedhof erst knapp 5500 Quadratmeter gross - jedoch wohnten damals auch erst etwa 4500 Personen in Dietikon. Über die Jahrzehnte wurde er immer wieder erweitert. Die grössten Landstücke kamen 1954 beziehungsweise 1968 dazu, als der Friedhof auf seine heutige Fläche von mehr als 31 000 Quadratmeter ausgedehnt wurde.

1991 wurde die erste Urnenwand erstellt

Nachdem 1963 die Abdankungshalle gebaut wurde, gab es keinen Leichenzug durchs Dorf mehr - die Verstorbenen mussten nun nur noch von der Halle bis zum Grab gebracht werden. Das habe damals zuerst «böses Blut» gegeben, erinnert sich Kurt Bachmann. «Es hiess, man begleite die Verstorbenen nicht mehr.» Doch auch an diese Neuerung gewöhnten sich die Dietikerinnen und Dietiker schliesslich.

Als 1991 die erste Urnenwand erstellt wurde, habe man zuerst nicht recht gewusst, wie die Dietiker Bevölkerung darauf reagieren werde, sagt Kurt Bachmann. Doch sie war so schnell voll, dass man schon fünf Jahre später eine zweite Urnenwand aufstellte.

Auch heute brauche man dringend wieder mehr Urnennischen, sagt Kurt Bachmann. Denn der Anteil der Erdbestattungen sinkt seit 1930 kontinuierlich, seit 1970 markant. Die Anzahl Urnenbestattungen und Gemeinschaftsgräber hingegen nimmt zu. Auch im hohen Alter von 100 Jahren bleibt der Friedhof im Wandel.