Herr Müller-Drossaart, heute bringen Sie erstmals «dichter klang» auf die Bühne. War es für Sie klar, dass das Dietiker Publikum als erstes dieses Programm sehen darf?

Hanspeter Müller-Drossaart: Klar, schliesslich hat mir diese Stadt den Kulturpreis geschenkt. Das ist meine Stadt. Am Donnerstag geht es dann weiter in die «Provinz», nach Glarus.

In «dichter klang» rezitieren Sie Gedichte, begleitet von Klarinettenspieler Matthias Mueller. Hatten Sie diese Idee schon lange?

Ja, schon sehr lange. Die Rezitation von Gedichten ist eine uralte Form, die im Moment niemand macht. Da es sich beim Stück um ein Try-Out (übersetzt: ausprobieren, Anm. d. Red.) handelt, werde ich nur einen Teil der Gedichte auswendig können, den Rest lese ich direkt aus dem Buch vor. In dem Sinn bin ich noch mitten im Arbeitsprozess. Aber in einem Monat bei der Premiere werde ich alles auswendig können.

Wenn den Zuschauern des Try-Outs etwas nicht gefällt, werden Sie also noch das Programm ändern?

Es kann durchaus sein, dass ich noch ein Gedicht streiche, wenn es nicht funktioniert. Vielleicht spreche ich noch mit dem Publikum darüber.

Wie viel Zeit steckten Sie in die Auswahl der Gedichte?

Ein halbes Jahr. Ganz am Anfang stehen wir also nicht mehr.

Wie haben Sie die Gedichte ausgewählt?

Da hat mir meine Kabarett-Erfahrung geholfen. Der Grundsatz bei so einem Abend ist, den Zuschauer so zu unterhalten, dass das, was er hört, aus seiner eigenen Welt sein könnte. So sind thematische Teile entstanden: Euphorie, Liebe, missglückte Liebe, Vergänglichkeit und Natur zum Beispiel.

Hat Klarinettenspieler Matthias Mueller bei der Auswahl geholfen?

Nein, ich hatte schon den Lead, weil es in erster Linie um Sprache geht. Aber wenn ihm etwas nicht gefallen würde, würde er sicher Töne von sich geben.

In «dichter klang» lesen Sie ein Gedicht von Shakespeare. Auf Englisch?

Nur zum Teil. Von Hans Marti gibt es eine wunderbare walliserdeutsche Übersetzung von Shakespeare, die ist «üh hüere güet».

Welche Dialekte kommen denn noch vor?

Obwalden, Uri, Bern, Solothurn und Sankt Gallen. Und Wienerisch.

Werden Sie eigentlich noch von Fans angesprochen?

Ja. Aber es sind natürlich vor allem Menschen in meinem Alter. Man spielt ja für seine Generation. Aber kürzlich war ich in Bern, da kam ein Junger auf mich zu und hat sich wahnsinnig lobend geäussert. Das hat mir die Schamesröte ins Gesicht getrieben. Wobei, die Jungen haben vor allem einen Film von mir gesehen.

Den Film «Cannabis», wo Sie einen kiffenden Bundesrat spielen. Eine politische Rolle. Hat auch «dichter klang» etwas Politisches?

Jeder künstlerische Ausdruck, der etwas Menschliches anspricht, hilft demjenigen, der diese Kunst konsumiert, sich als Wesen in der Gesamtheit der Menschen zu begreifen. Aber eine politische Botschaft im klassischen Sinne hat «dichter klang» nicht.

Was haben Sie neben dem Try-Out sonst noch für Projekte am Start?

Es ist einiges am Laufen. Ich bearbeite gerade einen Roman, um ihn auf die Theaterbühne zu bringen. Aber ich kann nicht sagen welchen, sonst klaut jemand meine Idee. Zudem arbeite ich an einem Gedichtband auf Urnerdeutsch, meiner zweiten Kindheitssprache. Ich versuche also, mich als Schreibender weiterzubewegen. Und im Mai gehts wieder ins Südtirol, wo wir für die ARD die nächste Folge der «Kripo Bozen» drehen werden.

Sie haben viel los. Erst letzten Sommer hatten Sie eine Bypass-Operation. Wie geht es Ihnen heute?

Besser, ich habe die Ernährung umgestellt und gehe zweimal in der Woche ins Fitness. Es wäre gescheit gewesen, ich hätte das schon früher gemacht.

Was fällt Ihnen heute schwerer?

Wenn ich mit einem unbegabten Regisseur arbeiten müsste, der sein künstlerisches Vakuum durch autoritäres und respektloses Gehabe versucht zu verschleiern. Es gibt auch im Theater Menschen, die so quälerisch unterwegs sind. Da müsste ich Nein sagen.

Und was fällt Ihnen leichter?

Ich gehe viel schneller und direkter auf die Sachen los und brauche dank der Erfahrung weniger Umwege, um Lösungen zu finden. Man hat ja auch nicht mehr viel Zeit. Die Lebensuhr läuft.