Limmattal
Hanspeter Abegg und Gerhard Müller holen Gold an der Erfindermesse

Zwei Limmattaler haben einen Mechanismus entwickelt, mit denen sich Gegenstände bis zu einer Tonne Gewicht mühelos heben lassen. Besuch in ihrer Werkstatt im Kanton Schwyz.

Katja Landolt
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Hanspeter Abegg und Gerhard Müller sind die Problemlöser
14 Bilder
Das Modell einer Brunnenskulptur von Gerhard Müller
Der Bull und Bär
Fertiger Brunnen mit der gegossenen Bronzeskulptur
Kreisel in Bachenbülach
Mit einem Helikopter wird die Skulptur transportiert
Hanspeter Abegg zeigt die Luftkissen, die in der Hebevorrichtung verbaut sind
Hanspeter Abegg (links) und Gerhard Müller posieren mit Goldmedaille und Diplom vor ihrer Erfindung
Gerhard Müller und Hanspeter Abegg kennen sich seit ihrer gemeinsamen Schulzeit an der Gewerbeschule
Gerhard Müller mit einem Pflanzentopf, in dem die Hebevorrichtung bereits eingebaut ist
Gerhard Müller holt sein Meisterwerk vom Hochregal
Gerhard Müller hat diesen Motor komplett selber gebaut
Dieser Engel muss als Schlauchhalter herhalten

Hanspeter Abegg und Gerhard Müller sind die Problemlöser

Mathias Marx

Gerhard Müller stellt die Leiter ans Hochregal und klettert hinauf. Ganz oben, eingewickelt in ein Geschirrtuch, liegt sein Meisterwerk. Ein kleiner Sternmotor mit Propeller. «Alles selbst gemacht», sagt er und lacht. Hanspeter Abegg nickt anerkennend. «Bei einem fertigen Produkt meint jeder, das sei ja keine grosse Sache. Bis er so etwas von Grund auf selber entwickeln muss.»

Selber entwickeln, erfinden, tüfteln. Das ist es, was die beiden zu ihrem Beruf gemacht haben. Und was ihnen an der Internationalen Messe für Erfindungen in Genf Anfang April eine Goldmedaille eingebracht hat: Müller und Abegg haben einen Hebemechanismus auf Rollen entwickelt, mit dem sich Gegenstände bis zu einer Tonne Gewicht mühelos hochheben und verschieben lassen. Blumenkübel beispielsweise oder Aquarien, Werkzeugschränke und Tresore. Einzig nötiges Hilfsmittel: eine handelsübliche Velopumpe.

Seit der Schulzeit Freunde

Abegg und Müller sind gebürtige Limmattaler; Abegg ist in Oberengstringen aufgewachsen und wohnt heute in Stallikon, Müller stammt aus Dietikon und wohnt seit vier Jahren in Brunnen. 1972 haben sie einander an der Gewerbeschule kennen gelernt. Müller machte die Ausbildung zum Werkzeugmacher, Abegg wurde Mechaniker im Fahrzeugbau. Seit der gemeinsamen Schulzeit sind sie Freunde, mal enger, mal weniger eng. Müller lebte zwischenzeitlich in Mexiko und auf Lanzarote. «In Mexiko habe ich gelernt zu improvisieren», sagt Müller. Was es nicht gab, musste eben selber gebastelt werden. Da habe er sein Talent ausleben können. Abegg lacht und zieht an seiner Zigarette: «Gerhard hat schon in der Gewerbeschule immer getüftelt, hat Motoren und Revolver gebastelt.»

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz hat Müller sein Hobby zum Beruf gemacht. Statt nach Feierabend Skulpturen und Bilder zu schaffen, machte er es von nun an hauptberuflich – und in grossen Dimensionen: Er gestaltete unter anderem Kreiselschmuck und Brunnenskulpturen. Seit zwei Jahren arbeiten Müller und Abegg gemeinsam in ihrer Tüftlerwerkstatt in Seewen.

Ihr Reich haben sich die beiden in einer Garage im Industriegebiet eingerichtet. Zwischen Krematorium und Autobahnbrücke, hinter dem Gebäude ziehen sich die Wiesen bucklig und stotzig in die Höhe. In den Furchen des Fronalpstocks auf der anderen Talseite klebt der letzte Schnee, an der Garagenwand ein bluttes Mädchen.

Es herrscht nicht das Chaos, das man bei zwei Erfindern erwarten würde. Die Schrauben, Nägel und Muttern sind in Schubladenschränken sortiert, die Maschinen und Spraydosen stehen aufgereiht an der Wand, die Hochregale sind sauber eingeräumt. Auch in den Herren selbst sucht man vergeblich nach den zerstreuten Schusseln. Sie seien Perfektionisten, sagen sie, arbeiteten hart. Fünf Monate haben sie allein an der Hebevorrichtung herumgetüftelt. Fünf Monate, jeden Tag. «Wir haben eben Berufsstolz», sagt Abegg.

Idee auf der Terrasse des Park-Hotels

Die Idee für die Hebevorrichtung entstand in Vitznau, auf der grossen Terrasse des Park-Hotels. Da, wo die Mitarbeiter Schwerstarbeit leisten, um vor den Reinigungsarbeiten die riesigen Blumenkübel zu verrücken. «Wir waren baff, dass es bisher noch nichts Entsprechendes gab, um solch schwere Gegenstände einfach zu verschieben», sagt Müller. Die Recherche in den Listen des Instituts für geistiges Eigentum in Bern aber bestätigte dies: Eine Hebevorrichtung, wie sie in den Köpfen von Müller und Abegg herumgeisterte, gab es noch nicht. Damit fing die Arbeit an: Wer produziert welche Teile? Wie viel Gewicht halten die Federn und die Räder aus? Wie müssen die Nähte des Luftpolsters geschweisst werden?

Die Arbeit hat sich gelohnt, wie die Auszeichnung an der Erfindermesse zeigt. «Wir haben gestaunt, dass wir damit Gold gewonnen haben», sagt Abegg. Aber gefreut hätten sie sich riesig. Ihr Patent werden sie vermutlich für gutes Geld verkaufen können, erste Verhandlungen hätten bereits stattgefunden. Und aus ihren Goldmedaillen will Müller Gürtelschnallen basteln.

Ist man als Erfinder ein Spinner? «Gar nicht», erwidert Abegg mit einer Spur Entrüstung in der Stimme. «Wir machen Kunst und lösen damit Probleme.» Und Müller meint: «Erfinden kann man eigentlich nichts mehr. Heute kann man nur noch optimieren.» Für neue Ideen überlegten sie sich einfach, was sie im Alltag stört, was verbessert werden könnte.

Auf die Frage, was sie gerne erfinden würden, werden die toughen Kerle kurz kitschig: «Den weltweiten Frieden», meint Müller nach einigem Überlegen, und Abegg nickt. Und für den Hausgebrauch? Müller holt aus, erzählt und gestikuliert. Bis ihm Abegg dazwischenfährt: «Du kannst doch nicht unsere ganzen Geheimnisse ausplaudern.» Dann grinst er und meint an die Besucher gewandt: «Wir bleiben am Ball, Sie werden schon sehen.»