Klare Gesichtszüge, Hornbrille, der Anflug eines Lächelns. Am Rand des vergilbten Passfotos ist der Abdruck eines Stempels erkennbar. Ein Raunen geht durch die Sitzreihen. Den kennt man, das ist doch der vom Kolonialwarenladen, oder etwa nicht?

Der Mann, dessen Porträt gerade überdimensional gross an die Wand des Gemeinderatssaals gestrahlt wird, ist Max Maag (1908 - 1989). Bis in die Sechzigerjahre führte er den Kolonialwarenladen und die Eisenwarenhandlung am Kirchplatz, die sein Vater gegründet hatte. «Der Laden war für zwei Dinge bekannt: für die langen Wartezeiten und die zwei Eingänge», sagt Hans Peter Trutmann, Präsident der Dietiker Neujahrsblattkommission.

«Bekommen hat man da alles, sofern man lange genug darauf warten konnte.» Die Zuhörer lachen und nicken; lange ist es her, aber erlebt haben sie den Laden fast alle.

Stoff für ein ganzes Neujahrsblatt

Seit Jahren ist Trutmann daran, für eines der künftigen Neujahrsblätter Kurzbiografien über verstorbene Personen und Persönlichkeiten aus Dietikon zusammenzutragen, die sich für das Gemeinwohl eingesetzt haben oder als Dorforiginale bekannt waren. Denn: «Das Interessanteste an Dietikon sind die Menschen.» Mit Prachtbauten könne Dietikon ja nicht punkten, sagt er und lacht. Trotzdem sei das Auswahlverfahren keine leichte Aufgabe, da verbrenne man sich schnell mal die Finger. Jeder und jedem will er gerecht werden, und doch soll es nicht bloss «ein Telefonbuch mit Fotos» werden.

Inzwischen sind mithilfe von drei Beratern rund 190 Personen zusammengekommen. Mittels Nachrufen und Gesprächen mit Verwandten hat Trutmann die Geschichten rekonstruiert. Über manch einen sei kaum etwas ausfindig zu machen. Und einflussreiche Frauen, meint Trutmann, seien grundsätzlich schwer zu finden. «Vermutlich, weil man sie bis zur Einführung des Frauenstimmrechts gar nicht wahrnehmen wollte.» Er sei aber froh um jeden Hinweis, um jede Ergänzung. Und deshalb präsentierte er jetzt einen Teil seiner Sammlung an einer Veranstaltung des Dietiker Seniorenrats.

Zwei Katholiken sind einer zu viel

Es ist eine spannende Reise in die Dietiker Vergangenheit. Begleitet vom hörbaren Entzücken der Zuschauer blättert Trutmann durchs Alphabet, beginnend beim Buchstaben M, ein Porträt nach dem anderen erscheint auf der Leinwand. Von General André Masséna, der mit dem Limmatübergang der Franzosen im Jahr 1799 in die Geschichtsbücher einging und Dietikon einen gemeisselten Platz auf dem Arc de Triomphe sicherte, über Orgelbauer Oscar Metzler bis hin zu Paula Müller-Jucker, Leiterin des Sozialamtes und Initiantin der Gründung der Schächli Baugenossenschaft.

Verheiratet war Paula Müller-Jucker mit dem für Trutmann bis heute bedeutendsten Dietiker, mit Robert Müller, ehemaliger Finanzverwalter. 1941 kam Müller nach Dietikon. Und das, obwohl ihm der damalige Gemeindepräsident Doktor Koch nahelegte, davon abzusehen.

Man hatte bei der Anstellung nicht darauf geachtet, dass Müller Katholik war - genauso wie der damalige Gemeindeschreiber. «Und zwei Katholiken auf einmal als Chefbeamten waren für Dietikon zu viel des Guten», erklärt Trutmann. Müller kaufte in seiner Zeit immer wieder Land zu günstigsten Konditionen und verhinderte, dass der Marmoriweiher für eine Überbauung zugeschüttet wurde. Sein grösster Coup, so Trutmann, sei aber 1960 der Kauf des Waffenplatzes Reppischtal gewesen. 1994 wurde Müller zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.

«Chride-Rösi» und «Zuckermuus»

Weiter geht es mit Mathilde Planzer. Eine grosse Schafferin, die erst mit ihrem Mann Max ein Milchgeschäft und später einen Getränke- und Kohlehandel führte, bevor das Transportunternehmen gegründet wurde. Es folgen Namen und Geschichten von Dekan Hans Rieger, Seklehrer und Politiker Alfred Schlumpf, Pfarrer Martin Schmid und Hanni Seebacher, «die das Gras wachsen hörte und über hervorragende Bettlerqualitäten verfügte, sobald es um den Kinder-Fasnachtsumzug ging».

Dann erzählt Trutmann vom «Trümmeli-Seiler» Walter Seiler, dem ersten Täufling in der Agatha, Lehrer und Feuerwehrkommandant Max Siegrist, Plastiker und Maler Josef Staub, Künstler Bruno Weber und Rosa Zgraggen, bekannt als «Chride-Rösi». Den Abschluss macht das «Zuckermüsli» - Hans Widmer, angestellt beim Werkhof, um die Strassen zu kehren, und doch öfter in der Beiz als auf der Strasse anzutreffen. Seinen Namen habe er davon, dass er die Zältli, die er sich bei seinen seltenen Wisch-Einsätzen auf dem Areal der Zältli-Fabrik Hunziker verdient hatte, an die Kinder verteilte.

«Unglaublich, ich habe bis auf drei Personen alle gekannt», sagt eine Zuhörerin nach Trutmanns Vortrag und klatscht heftig. Stimmt sie das nicht traurig, all die verstorbenen Dietiker zu sehen? Sie schüttelt energisch den Kopf. «Nein, es ist doch schön, dass sie nochmals zum Leben erwachen.»