Urdorf
Hans Falk riss das Dorf mit seiner Ausstellung aus dem Dornröschenschlaf

Der vor 10 Jahren verstorbene Künstler Hans Falk hat viel hinterlassen: Plakate, Bilder und eindrückliche Geschichten. Vor 15 Jahren wurde er zum Ehrenbürger von Urdorf ernannt und hat das Dorf aus seinem «Dornröschenschlaf» gerissen.

Pablo Rohner
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Hans Falk Ausstellung Urdorf
11 Bilder
Hans Falk im Jahr 2001.
Plakat für die Schweizer Flüchtlingshilfe, entstanden 1946, kurz nach dem zweiten Weltkrieg - aus der Plakatsammlung des Vereins Bildungsstätte für soziale Arbeit Bern
Ein Plakat von Pro Infirmis, entworfen vom Urdorfer Künstler Hans Falk - aus der Plakatsammlung des Vereins Bildungsstätte für soziale Arbeit Bern
Hans Falk malte Flächen von Farbe und farbige Formen
Eines von Hans Falks kleinformatigen Bildern
Ein weiteres Bild von Hans Falk, in der Dauerausstellung im Urdorfer Gemeindehaus
Hans Falk prägte die Blütezeit der Schweizer Plakatszene in den 40er und 50er Jahren mit - aus der Plakatsammlung des Vereins Bildungsstätte für soziale Arbeit Bern
Dieses Bild entstand in New York
Ein Bild von Falk, mehr durch Linien gezeichnet als mit Flächen bemalt
Ein offizielles Plakat der Expo 64 in Lausanne, entworfen von Hans Falk

Hans Falk Ausstellung Urdorf

Pablo Rohner

Es war im November 1975, als sich Urdorf in eine Reihe mit Tokio, Jerusalem, New York und Oslo stellte. Der Tag, an dem Hans Falk im Kulturforum seine Werke ausstellte, ist in den Annalen der Gemeinde dick angestrichen. Als Hans Falk vor 15 Jahren zum Ehrenbürger von Urdorf ernannt wurde, sagte Heidi Schärer, die Initiantin der Kulturkommission, das Dorf sei mit der Ausstellung aus seinem «Dornröschenschlaf» gerissen worden. Die NZZ fragte anlässlich der Ausstellung, «weshalb das Industriedorf Urdorf der Ehre teilhaftig wurde, eine Retrospektive von Werken von Hans Falk beherbergen zu dürfen». Der Künstler selber sagte, er wolle der Gemeinde seine Verbundenheit ausdrücken.

Die Idylle am Wagenbach

Und das nach einem halben Leben, zugebracht in unzähligen Ländern. Als ihm das Ende des 2. Weltkrieges die Türen zur weiten Welt öffnet, tritt Hans Falk beherzt hinaus. Er reist nach Italien, Spanien, Marokko, zum Nordkap und über den Mittleren Osten bis nach Persien. Einen längeren Aufenthalt verbringt er in England. Ein Jahr lebt er mit seiner Familie an der rauen Südwestküste von Cornwall und in Irland, umgeben von Gischt und Klippen. Dann, 1959, beginnt er mit dem Bau seines Urdorfer Hauses. Es wird sein Refugium, in das er immer wieder zurückkehrt, um sich zu sammeln und um zu malen. Hier entstehen seine Lithografien für Bücher berühmter Autoren, unter ihnen Dostojewski und Dürrenmatt. Falk sagte einmal, er brauche diese Idylle am Wagenbach, um Abstand zu gewinnen. Wenn er sich in Urdorf aufhielt, konnte er ausserdem seine Farben bei der Firma Sax aufstocken.

«Ein sehr kritischer Mensch»

Der Weltenbummel füllt nicht nur die Leinwände von Hans Falk, sondern auch seinen Geschichtenvorrat. «Ihm konnte man lange zuhören, er erzählte einfach», erinnert sich Kurt Gutknecht. Der langjährige Gemeindepräsident besuchte den Künstler oft in seinem Atelier, wo sie regelmässig gesellschaftspolitische Themen diskutierten. «Hans Falk war ein sehr kritischer Mensch», sagt Gutknecht.

Tatsächlich widmet Falk seine Kunstfertigkeit immer wieder sozialen Zwecken. In den 1940er- und 1950er-Jahren gestaltet er unter anderem Plakate für das Flüchtlingshilfswerk, Pro Infirmis oder die Rückwandererhilfe. Bereits am Plakatwettbewerb für die «Landi» 1939 gewinnt Falk den zweiten Preis. Er krönt sein Plakatschaffen mit dem Auftrag für sieben offizielle Plakate der Expo 64 in Lausanne.

Als im Jahr 1994 das Dorffest Urdorf stattfindet, wird der inzwischen weltbekannte Künstler gefragt, ob er die Etikette des Festweins gestalten würde. Falk will und ertüftelt ein Motiv; noch Jahre später prangt der sitzende Mensch mit Stierkopf auf dem Urdorfer Kulturwein – lokale Spuren des globalen Künstlers.

Leben in einem verrottenden Hotel

Kurz nach dem Bau seines Urdorfer Hauses erwirbt Falk eine Ruine auf der süditalienischen Vulkaninsel Stromboli und richtet darin ein Atelier ein. Hier, in der glühenden Hitze zu Füssen des brodelnden Vulkans, findet er Inspiration. «Stromboli war sein Lebensmittelpunkt», sagt Gutknecht: «Er schlug dort Wurzeln.»

Falks Freund Friedrich Dürrenmatt sah darin Falks «Urinsel», so wie der Maler generell das Elementare gesucht habe. In der «Urstadt» New York verbringt er ab 1973 insgesamt 13 Jahre. Er haust und arbeitet im verrottenden Nobelhotel «Woodstock», das nach einem Brand stillgelegt wurde. Wieder ist es eine unwirtliche Umgebung, die seinen Schaffensdrang befeuert. Falks Kunstproduktion unterliegt einem stetigen Wandel, synchron zu seinem Leben. Erst malt er gegenständlicher und figurativer, später löst er sich in die Abstraktion. Auf Stromboli pinselt und zeichnet er intuitiv und spontan – die zeitgenössische Strömung der «informellen Malerei» erfasst ihn. In London lässt er Menschen zurück in die Räume aus Flächen und Formen, die perspektivisch und wieder geometrischer daherkommen. Die New Yorker Werke wirken mal wie Zeugen der trümmerhaften Hohlräume im «Woodstock», mal reflektieren sie die blinkende Buntheit der Stadt.

Als Gutknecht Falk einmal fragte, was er mit seinen Bildern ausdrücken wolle, erwidert dieser: «Ich weigere mich das zu beantworten, denn es ist nicht relevant.»