Dichter Efeu, Bambus und Bäume bedecken heute das Haus von Hans und Gertrud Brunner in Unterengstringen. Es steht leer und soll abgerissen werden. Bis vor Kurzen standen im Haus über tausend Gemälde, alle von Hans Brunner. 2002 ist der 1917 geborene Künstler verstorben. Zum Abschied sagte Willy Haderer, damals Unterengstringer Gemeindepräsident: «Das, was sein Geist und seine Hände geschaffen haben, wird noch vielen Menschen Freude bereiten.»

Weise Worte, die sich jetzt, 14 Jahre später, erst recht bewahrheiten: Denn über 300 von Hans Brunners Gemälden werden diesen Samstag ab 9 Uhr verkauft, in der Schnäggeen-Beiz am Weininger Rebblüetefäscht. Weitere Gemälde wurden entsorgt, weil sie zum Beispiel vermodert waren.

Die Windhunde und das Schicksal

«Bis zum letzten Tag hat er Ölbilder gemalt, auch wenn er den Pinsel kaum halten konnte», sagt Karin Mausberg, die den Künstler gut kennt und lange in Birmensdorf wohnte. Heute ist sie im aargauischen Fricktal zu Hause und Beiständin von Hans Brunners Frau Gertrud, die 1922 geboren wurde. Kennen gelernt haben sich Mausberg und Brunner vor 30 Jahren auf einem Windhund-Rennplatz, beide züchteten Windhunde. «Gertrud wollte auch eine Leidenschaft ausleben. Denn Hans war jede freie Minute im Atelier, um sich dem Malen zu widmen. Dabei durfte ihn niemand stören», sagt Mausberg. Er sei halt ein typischer Künstler gewesen.

So wie sie die Kunst ihres Mannes verstand, so nahm Hans Brunner Rücksicht auf die ihrige. Er begleitete sie an Rennen in ganz Europa. Während sie die Hunde auf Tempo brachte, schaute er sich die Kunsthäuser an diesen Orten an. Die beiden reisten auch an die Costa Brava: Der Käufer eines Windhunds aus Brunners Zucht stellte ihnen sein dortiges Ferienhaus zur Verfügung. Das Paar, seit 1940 verheiratet, machte also Ferien in Tossa de Mar. Ein Entscheid mit Folgen.

Hans Brunner lernte dort den spanischen Maler Antonio Salvaggio kennen, während Gertrud Brunner gleichzeitig, beim Hundespaziergang, Salvaggios Frau traf. Aus diesen Begegnungen entstand eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Pärchen, man besuchte sich immer wieder. Und Salvaggio malte ein Porträt von Hans Brunner, das heute bei Mausberg zu Hause hängt. Genau wie der Tierschädel, den Hans Brunner x-fach malte.

Mausberg züchtet nicht nur Windhunde; sie räumt beruflich Häuser. Sie ist es sich gewohnt, Sachen loszuwerden und zu verkaufen. Aber wenn sie von der Räumung in Unterengstringen erzählt, beginnen ihre Augen traurig zu glänzen. «Mein Mann machte den grössten Teil der Arbeit, ich brachte es nicht übers Herz», sagt Mausberg. Ihre Beziehung zu den Brunners war innig. Die Brunners waren beide Einzelkinder, hatten überhaupt keine Familie. Mausberg hatte Gertrud Brunner, die heute im Pflegeheim lebt, fast täglich betreut. «Wenn ich kam, schloss Hans Brunner die Türe zum Atelier», sagt Mausberg mit einem Lächeln. Brunner wollte für sich sein, es dürstete ihn nicht nach Komplimenten oder nach Ruhm. «Wenn ich dennoch ausstellte, trugen stets gute Freunde Schuld daran», schrieb der Maler einst.

«Oft markierte er die Bilder als reserviert, bevor er sie an die Ausstellungen brachte. Es lag ihm nichts daran, sie zu verkaufen», sagt Mausberg. Nun wird sein Nachlass doch verkauft. Der Erlös geht an ein Trinkwasserprojekt in Lesotho. Das Königreich im Süden Afrikas gehört zu den 30 ärmsten Ländern der Welt. Auch Hans Brunner engagierte sich für die Schwachen: Mausberg kramt aus einer Holzschachtel ein Plakat für die Kriegswinterhilfe hervor. Gemalt von Hans Brunner.

Sein Geld verdiente er als Grafiker: Von der Lehre bis zur Pension arbeitete er bei der Oscar Weber AG in Zürich. Dort lernte er Gertrud kennen, damals Lehrtochter im Verkauf. Der Lohn für seine Arbeit als Grafiker war die künstlerische Freiheit: «Unabhängig vom Zwang, Verkäufliches zu produzieren und Ausstellungsmöglichkeiten nachzurennen, konnte ich mich der Malerei widmen, nur innerem Müssen nachgebend», schrieb er, der als Deutscher in der Stadt Zürich geboren wurde, 1938 den Schweizer Pass erhielt und 1948 nach Unterengstringen in sein Atelierhaus zog. Es liegt ausgerechnet an der Max-Gubler-Strasse. Sie ist benannt nach dem bekannten Zürcher Maler, der selber lange in Unterengstringen lebte und an der Kunstgewerbeschule Brunners Lehrer war.