Dietikon

Hanneli-Musig: Die Avantgarde der Schweizer Volksmusik

Die Hanneli-Musig: Johannes Schmid-Kunz, Dani Häusler, der Birmensdorfer Ueli Mooser,Christoph Mächler, Franz «Fränggi» Gehrig, Fabian Müller (von links).

Die Hanneli-Musig: Johannes Schmid-Kunz, Dani Häusler, der Birmensdorfer Ueli Mooser,Christoph Mächler, Franz «Fränggi» Gehrig, Fabian Müller (von links).

Eine wichtige Unterscheidung vornweg: Volksmusik ist nicht gleich volkstümliche Musik. Wer von den Jubiläumskonzerten der Hanneli-Musig zwei lüpfige Stunden mit einer fröhlichen Ländler-Kapelle erwartet, wird enttäuscht werden.

Unerschöpfliches Liedgut

Ueli Mooser (68) sitzt im Wohnzimmer seines Hauses am Rand von Birmensdorf und erzählt über Idee und Geschichte der Hanneli-Musig. «An unsere Konzerte kommen auch Klassikfreunde, denn unsere Musik steht der Klassik nahe», sagt er. Seit mehr als einem Jahrzehnt experimentiert der Doyen der sogenannten «Neuen Schweizer Volksmusik» mit einheimischen Melodien aus dem 19. Jahrhundert.

Der Berufsmusiker arbeitete in seiner Karriere als Komponist und Musiklehrer und war Musikredaktor bei Radio DRS. Für sein Lebenswerk wurde er vor zwei Jahren mit der Auszeichnung Goldener Violinschlüssel quasi zum Ritter der Volksmusik geschlagen. Seit zehn Jahren beackert er mit der Hanneli-Musig unablässig das endlos weite Feld der Hanny Christen-Sammlung.

Auf Forschungsreisen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sammelte die Baselbieterin insgesamt 12000 alte Tänze aus allen Landschaften der Schweiz. Im Jahr 2002 wurde der Schatz schliesslich in einer über 18 Kilogramm wiegenden, nach Regionen gegliederten Bandreihe von der Gesellschaft für Volksmusik in der Schweiz (GVS) herausgegeben.

Ausgangspunkt: die Melodie

In ihrem bisherigen Schaffen haben die sechs Musiker davon rund 100 handverlesene Stücke arrangiert und auf fünf CDs gebrannt. Die Auswahl der Tänze für ein Album folgt dabei einem Konzept. Meist ist es die Herkunft der gespielten Stücke. Beispiele für diese «klassischen» Regionen-CDs der Hanneli-Musig sind die Alben «Baselbiet» und «Seeland». Auf die tanzbare Platte mit dem bezeichnenden Titel «Tänzix», schafften es hingegen lüpfig interpretierte Stücke aus der ganzen Schweiz.

Hinter Ueli Mooser erheben sich die meterhohen Regale seiner Musiksammlung bis zur Decke. «Unsere Interpretation richtet sich einzig und allein nach der Melodie des Stücks», beschreibt er den Bearbeitungsprozess. Diese Melodielinien unterlegen die Multiinstrumentalisten mit Begleitakkorden und umspielen sie mit virtuosen Improvisationen. Frei hinzugefügte Harmonien treiben die Stücke an, variable Tempi und Rhythmen akzentuieren die verschiedenen Motive. Die Besetzung umfasst neben Akkordeon, Schwyzerörgeli, Kontrabass und Violine auch Klarinette, Blockflöte, Tuba, Saxofon, Akkordbratsche und Gitarre. Sie variiert je nach gespieltem Stück.

«Schnelle, flexible Musiker»

Da alle Mitglieder parallel zur Hanneli-Musig an weiteren Projekten arbeiten, wechseln sie sich mit Arrangieren ab. Im Tonstudio werden die Stücke dann meist in kurzer Zeit aufgenommen. Die gemeinsame Probezeit ist knapp, die Konzertvorbereitung deshalb oft kurz.

Erst die theoretische und technische Versiertheit der Musiker ermöglicht diese auf Effizienz beruhende Arbeitsweise der Hanneli-Musig. «Es brauchte schnelle, flexible Musiker», erinnert sich der 68-Jährige an die Anfangstage, «gut im Notenlesen, Arrangieren und Improvisieren».

Allen Mitgliedern gemein ist ihr Bezug zum internationalen Folk und zur Klassik. Individuelle musikalische Werdegänge erweitern die Einflusspalette. Neben Habitués der Folk-Szene wirken mit Christoph Mächler ein ausgebildeter Jazz-Musiker und mit Fabian Müller ein zeitgenössischer klassischer Komponist in der Hanneli-Musig mit. Dank dieser Qualität ist das avantgardistische Kollektiv heute die Referenzformation für junge Musiker, die sich näher mit der alten Schweizer Volksmusik beschäftigen wollen. Ihr genreübergreifender Ansatz erlaubt der Formation Konzerte voller spannender Wendungen, mit beflügelnder Leichtigkeit vorgetragen.

Hanneli-Musig an der Stubete

Facettenreiche Konzerte

Morgen können sich Freunde des Folk, der Klassik und der Volksmusik im Gemeinderatssaal Dietikon davon selber ein Bild machen. Es erwartet sie ein Konzert in drei Teilen. Ein Querschnitt durch zehn Jahre Hanneli-Musig umrahmt einen Regionalblock mit Zürcher Tänzen und ein einzigartiges Wunschkonzert. Dieses können die Konzertbesucher in der Pause aus allen 12000 Stücken zusammenstellen. Im zweiten Teil improvisiert die Hanneli-Musig zu den Melodien. Frei und aus dem Stegreif.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1