«Was meine Mutter früher alles alleine erledigt hat, würde heute wohl niemand mehr machen.» Die 81-jährige Ruth Tschudin sitzt am grossen Fenster ihres Zimmers im Pflegeheim Ruggacker in Dietikon. An ihre Mutter kann sie sich noch gut erinnern. Sie sagt: «So schön wie ich hatte es meine Mutter früher nicht.» Tschudin blättert in einem alten Fotoalbum. Sie tippt mit dem Finger auf ein Schwarzweiss-Foto. «Hier, das ist meine Mutter.» Bäckerin sei sie gewesen und habe darum sehr viel arbeiten müssen. Sowieso sei die Arbeit früher das Wichtigste gewesen. «Ohne ging gar nichts», sagt sie. Neben der harten Arbeit in der Backstube sei es alleine die Aufgabe der Mutter gewesen, die Kinder zu füttern, in die Schule zu schicken und den Haushalt in Ordnung zu halten. «Verlief etwas nicht nach Plan, da konnte ihr mein Vater schon mal wüst sagen», sagt Tschudin. Obwohl die Mutter ihre Tochter in der Backstube haben wollte, bestand Tschudin darauf, die Handelsschule zu besuchen. Sie setzte ihren Willen gegen denjenigen der Mutter durch.

Werden wie die Mutter, wollte Tschudin nicht. Als sie mit 22 Jahren ein Kind bekam, habe sie vieles anders machen wollen. Sie sagt: «Ich war strenger und habe meinen Willen öfters durchgesetzt.» Zudem habe sie einen Mann gehabt, der von ihr nicht so viel verlangte, wie es ihr Vater damals von der Mutter tat. Tschudin sagt, dass sie viel über die Vergangenheit nachdenke. «Wenn ich in der Nacht im Bett liege und daran denke, was meine Mutter alles durchmachen musste, dann tut sie mir leid.»

Auch die Mutter von Agnes Hangartner musste mit sehr wenig die ganze Familie durchbringen. «Wir waren Selbstversorger», sagt Hangartner. Die Mutter sei streng, aber lieb gewesen, habe gut gekocht und sehr hart gearbeitet. Täglich schuftete die Mutter draussen auf dem Feld und musste sich nebenbei noch um die acht Kinder kümmern. «Ich und meine Geschwister mussten alle kräftig mit anpacken», sagt Hangartner. Die Beziehung zur Mutter sei gut gewesen. «Aber in den Arm genommen, hat mich meine Mutter selten. Für so etwas hatte man früher keine Zeit», sagt sie.

Seit fünf Jahren wohnt die 83-Jährige mit ihrem Mann im Ruggacker. Ihre Mutter habe damals bis zu ihrem Tod im Haus der Tochter gelebt. «Das war selbstverständlich», sagt Hangartner. «Wir haben uns um sie gekümmert.»

Agnes Brack stammt ebenfalls aus einer grossen Familie. Die 92-Jährige wuchs mit neun Geschwistern auf. Als älteste Tochter sei sie schon früh in den Haushalt eingespannt worden. Die Mutter – eine Bäuerin – sei eine einfache und bescheidene Frau gewesen. Auch Brack erinnert sich daran, dass ihre Mutter immer sehr hart arbeiten musste. Das Bild der Teig knetenden Frau sieht sie noch heute deutlich vor sich. Während ihre Mutter früher nichts zu sagen hatte, konnte Brack, als sie selbst auch Mutter wurde, bei Entscheidungen mehr mitbestimmen.

Die Mutter sei sehr fromm gewesen. Brack erinnert sich, dass sie während Gewittern immer mit ihr beten musste, weil die Familie keine Unwetter-Versicherung hatte. Die Eltern hätten ein schönes Verhältnis gehabt. Brack sagt: «Erst in der Schule habe ich von anderen Kindern erfahren, was Streit ist. Bei uns zu Hause kannte ich das nicht.»