Dietikon
Grosser Auftritt für Fagott-Spieler: «Das geschieht vielleicht drei- bis viermal im Leben»

Das Fagott spielt unter den Instrumenten eher eine Aussenseiterrolle. Desto mehr freut sich Mihaly Fliegauf, bei einer Schweizer Erstaufführung im Zentrum stehen zu dürfen.

Tobias Bolli (Text und Foto)
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Mihaly Fliegauf hat auch schon Stücke gespielt, zu denen er keinen Zugang gefunden hatte. Das Werk von Franz Anton Hoffmeister steht ihm aber nahe.

Mihaly Fliegauf hat auch schon Stücke gespielt, zu denen er keinen Zugang gefunden hatte. Das Werk von Franz Anton Hoffmeister steht ihm aber nahe.

«Wir Fagottisten sitzen immer ganz hinten im Orchester.» Mihaly Fliegauf lacht zwar, als er das sagt, aber man merkt: So ganz zufrieden ist der Musiker aus Hedingen mit dieser Platzzuweisung nicht. Gerne würde er wohl manchmal ein paar Reihen vorrücken, selbst einmal – mit seinem Fagott – die erste Geige spielen. Da kam die Anfrage von Christa Jordi wie gerufen. Sie suchte nach einem Fagott-Solisten für das nächste Konzert mit dem Streichorchester Dietikon, das diesen Sonntag stattfindet. Traditionell ist die Solistenrolle für junge Nachwuchstalente reserviert. In der Musikschule Dietikon ist sie dann aber auf Fliegauf aufmerksam geworden, der ihr von einer sensationellen Neuentdeckung erzählt hat.

«Das wäre doch mal was!», hat sie sich darauf gesagt und den 36-Jährigen für diese Neuentdeckung – ein Fagottkonzert von Franz Anton Hoffmeister, der eng mit Mozart befreundet war – verpflichtet. Da dieses erst 2017 entdeckt wurde, verschaffte sie Fliegauf zugleich die Gelegenheit, die Schweizer Erstaufführung dieses Werks zu bestreiten. «Ich habe mich sehr über Ihr Angebot gefreut», sagt Fliegauf. Schliesslich kämen Fagottisten äusserst selten in die Lage, als Solisten auftreten zu dürfen. «Das geschieht vielleicht drei- bis viermal im Leben. Ich kenne auch Kollegen, die erst einmal ein Solokonzert spielen konnten.» Da sei es kein Wunder, dass dieses Instrument beim Publikum eher wenig bekannt ist.

Eigenen Weg beschritten

Die Zusammenarbeit mit dem Orchester sei gut verlaufen. «Alle haben sich sehr bemüht, mir entgegenzukommen.» So hätten sich zum Beispiel die ersten Geigen zurückgenommen, um die sanfte Fagottstimme nicht zu überdecken. Man konnte nicht umhin, etwas Genugtuung zu hören, als er das sagt.

Bei der Vorbereitung auf das Konzert hat Fliegauf einen eigenen Weg beschritten. «Viele Kollegen sind besessen von Aufnahmen oder historischen Nachforschungen. Das mache ich nicht.» Er pflegt stattdessen die unvoreingenommene Auseinandersetzung mit den Noten. Es gelte, sich ganz auf die Partitur zu konzentrieren und diese aus sich heraus zu entschlüsseln. Dabei bleibt Fliegauf bescheiden. «Musiker verstehen nie zu hundert Prozent, was sie spielen.» Es sei durchaus schon vorgekommen, dass er Stücke gespielt habe, zu denen er gar keinen Zugang gefunden hatte. «Gerade Operetten kann ich nicht ausstehen», sagt er und schmunzelt.

Die «Sinfonia Concertante per il Fagotto solo» von Hoffmeister stehe ihm aber nahe. Hoffmeister, der dem notorisch klammen Mozart immer wieder aushalf, habe mit diesem Werk quasi «bei Null» angefangen. «Das Fagottkonzert von Vivaldi ist ihm wohl nicht bekannt gewesen und so hat er etwas Neues schaffen müssen.» Besonders lobt Fliegauf den langsamen zweiten Satz, der an eine Liebeserklärung erinnere. Zunächst blühe sie in F-Dur auf, um dann im Moll zu verschatten. «Am Schluss kehrt sie aber wieder hoffnungsvoll zurück.» Beim Schlusssatz, einem Rondo, handle es sich um einen virtuosen Tanz mit vielen Farben.

Wer das Werk von Hoffmeister hören will, kann für einmal nicht auf YouTube oder andere digitale Plattformen zurückgreifen, es existieren davon nämlich noch keine Aufnahmen. Interessierten sei deshalb der Besuch des Konzerts am Sonntag ans Herz gelegt. Nicht zuletzt werden sie da für einmal hören können, wie das Fagott die erste Geige spielt. Eingerahmt wird die Schweizer Erstaufführung von einem Haydn-Divertimento und der Lambacher Symphonie von Mozart.

Das Konzert des Streichorchesters Dietikon findet am Sonntag, 16. September, in der reformierten Kirche Dietikon statt.

Das Chamäleon des Symphonieorchesters

Das Fagott zählt zusammen mit der Oboe und dem Englischhorn zu den Holzblasinstrumenten. Mit diesen teilt es auch das sogenannte Doppelrohr, ein Paar gleichartiger Blätter, das beim Blasen zum Schwingen angeregt wird. Im klassischen Orchester übernimmt das Fagott für gewöhnlich den Bass-Part, da es sehr tiefe Töne spielen kann.

Dennoch verfügt das Instrument mit bis zu viereinhalb Oktaven über ein grosszügiges Klangspektrum und ist dementsprechend vielseitig einsetzbar, es ist gleichsam das Chamäleon des Symphonieorchesters. Neben der Melodiebegleitung durch kräftige Harmonietöne kann es auch sanfte und stimmähnliche Melodien hervorbringen und durch biegsame Klangfarben glänzen. Nicht von ungefähr greifen seit der Barockzeit viele Komponisten auf dieses Instrument zurück. Zum Einsatz kommt es sowohl in der Kammermusik wie auch in grösseren Formationen.